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Marburg Jesus Christ Corona-Star
Marburg Jesus Christ Corona-Star
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16:01 09.10.2020
Jesus Christ Corona-Star? Jesus (Felipe Ramos) „impft“ im Aerosolnebel die maskierte Maria (Lisa Hoffsteter) mittels einer Spritze. So zumindest kann man die zeitgemäße Corona-Adaption deuten. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Es sind wahrlich widrige Zeiten für Theatermacher. Corona zwingt Kreative und Kulturbetreiber weltweit in die Knie. Auch die Waggonhalle kämpft. Nach Pandemie-bedingter Verspätung startet nun das langersehnte Rockmusical Jesus Christ Superstar in die Spielzeit. Eigentlich hätte bereits im April Premiere gefeiert werden sollen. Aber Corona durchkreuzte die Pläne. Nun ist es eben am heutigen Abend soweit mit dem Klassiker von Musical-Genie Andrew Lloyd Webber. So viel sei verraten: Es wird spannend. Bereits die Generalprobe am Mittwoch sorgte für Überraschungen und jede Menge Szenenapplaus beim Test-Publikum. Das Stück ist herrlich der Pandemie angepasst. Zum einen natürlich organisatorisch: Eine riesige Plexiglaswand dient als Barriere zwischen Schauspielern und Publikum. Jeder Haushalt sitzt zusammen und ist vom nächsten Haushalt durch eine Scheibe getrennt. Die Besucheranzahl ist auf 60 begrenzt. „Vor zwei Jahren wurde eine moderne Umluftanlage eingebaut“, erinnert Produktionsleiter Kurosch Abbasi im Gespräch mit der OP. Er betont, dass die Theatermacher in engem Austausch mit dem Gesundheitsamt stünden. „Die Sicherheit hat oberste Priorität.“

Corona ist aber auch inhaltlich Thema. Das Kreativteam rund um den künstlerischen Leiter Jens Daryousch Ravari hat die Pandemie geschickt ins Rockmusical um die letzten Tage in Jesu Leben eingewebt. Die Outfits sind klinisch weiß. Der Mundnasenschutz ist ein permanenter Begleiter – ob getragen oder beim Singen abgenommen locker ums Handgelenk baumelnd. Die Jünger werfen wild mit Klopapierrollen um sich. Der Heiland bringt Heil – wie könnte es anders sein – in Form einer großen Spritze, mit der er die Kranken und Schwachen impft. Corona schmiegt sich wie selbstverständlich an den Plot, ohne ihn zu dominieren. Bravo.

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Professionelles Ensemble

Musikalisch lebt das Stück von seinem professionellen Cast. Jesus wird leidenschaftlich interpretiert von Felipe Ramos. Der Tenor war in Brasilien im Pulitzer-Preis-gekrönten Musical RENT zu sehen, hat aber auch klassische Erfahrung mit La Traviata und Carmen. Beeindruckend auch Yannick Bernsdorff als Judas und Lisa Hofstetter, die mit viel Herzschmerz Maria Magdalena interpretiert. Sie teilt sich die Rolle mit der Marburgerin Alina Schaumburg, die mit einer nicht minder bezaubernden Stimme gesegnet ist.

Gänsehaut

Der musikalische Leiter Patrick Schauermann hat sein Ensemble im Griff. Wunderbarerweise kann man per Videoübertragung sehen, wie er sein zwölfköpfiges Orchester dirigiert. Eine Gänsehaut läuft dem Zuhörer den Rücken hinunter beim vielleicht schönsten, aber wohl passendsten Song des Stücks – quasi der Hoffnungs-Hymne in einer coronabedingt ungewissen Zeit. Wenn alle mehrstimmig „Alles wird gut“ anstimmen, möchte man ihnen glauben. Für sich selbst. Für die Menschheit. Und natürlich möchte man es auch dem gesamten Team wünschen. Gesundheit und Glück in einer nicht nur für Kulturschaffende extrem harten Zeit.

Im Oktober gibt es sechs Vorstellungen, weitere sollen im Januar 2021 folgen. Mehr Infos unter: www.waggonhalle.de

Von Nadine Weigel

09.10.2020
09.10.2020