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Marburg Michael Sagmeister veröffentlicht neues Album
Marburg Michael Sagmeister veröffentlicht neues Album
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11:00 14.11.2021
Michael Sagmeister und Antonella D’Orio. Das Foto entstand im vergangenen Jahr während eines OP-Livestreamabends.
Michael Sagmeister und Antonella D’Orio. Das Foto entstand im vergangenen Jahr während eines OP-Livestreamabends. Quelle: Tobias Hirsch
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Beim Begriff Alleinunterhalter denkt man unwillkürlich an einen jener leicht schmierigen Menschen, die in der Lobby eines Kurhotels ihrer Elektro-Orgel das „Girl from Ipanema“ oder wahlweise das „Kufsteinlied“ entlocken. Das Instrument spielt sogar weiter, während der Programmierkünstler eine Zigarette rauchen geht. So weit das billige Klischee.

In Pandemiezeiten haben sich viele seriöse Künstlerinnen und Künstler zu Alleinunterhaltern im besten Sinne entwickeln müssen, Band und Bühne waren im Lockdown eben nicht drin. Dabei kamen viele beachtliche Albumproduktionen zustande, aber auch mindestens ebenso viel Musik, der man mehr oder weniger deutlich anmerkt, dass dort die Not zur Tugend gemacht wurde.

Der heimische Jazzgitarrist Michael Sagmeister sagt allerdings über sein neues Album „Story Board“, dass er genau das nicht getan hat: „Ich hatte vor Corona längst schon mit dem Gedanken gespielt, etwas in einer größeren Besetzung zu machen, und einige der Titel auf ,Story Board’ hatte ich auch schon länger im Blick.“ Wie bitte? Größere Besetzung?: Auf dem Longplayer „Story Board“ stammt jede Note von Sagmeister selbst. Zum ersten Mal hat der international gefeierte Saitenvirtuose nicht nur die Gitarrenparts eingespielt, sondern zusätzlich Bass und Keyboards bedient und sich eigenhändig um den Rhythmus gekümmert. „Ich habe wochenlang geübt und mich in die ganze Percussionarbeit und das Drum-Programing reingefuchst“, erzählt der Gitarrist mit einem Quäntchen Stolz in der Stimme und ergänzt: „Stell’s dir so vor: Man sitzt in seinem Sandkasten und spielt mit den Förmchen.“

Wie ein „Filmskript“

„Story Board“ ist beileibe kein Jazzalbum reinsten Wassers geworden – so, wie man es bis dato von dem Virtuosen gewohnt war: „Es soll wie ein Filmskript wirken, es ist eine Konzeptproduktion.“ Jazzrock- und Fusionelemente dominieren, die Kompositionen weisen durch die Bank deutliche Songstrukturen auf. „Mir ging es auch gar nicht um Rock, Jazz oder Fusion – sondern um meine Emotionen. Wie zum Beispiel bei ,Uppercut’, das ich all den Vollpfosten vom Schlage eines Donald Trump gewidmet habe.“ Da wird’s dann also gern auch mal laut, disharmonisch und verzerrt. In dieser Hinsicht konkurriert „Uppercut“ mit „Vampire Dance Night“ – einem Titel, der seinem sinistren Namen alle Ehre macht. Doch es geht auch sanfter und Sagmeister wäre nicht Sagmeister ohne seine eleganten Sechzehntel- und Zweiunddreißigstel-Läufe. Mit seiner Coverversion von „This Masquerade“ etwa zeigt der Hesse allen Fans von George Benson, wo der sprichwörtliche Barthel seinen Most holt. Dizzy Gillespies „Night In Tunisia“ und Coltranes „Countdown“ hat Sagmeister noch mit aufs Album gepackt, das ansonsten ausschließlich Eigenkompositionen enthält.

Stimme als Instrument

Einzige Ausnahme beim ansonsten konsequenten Do-It-Yourself-Konzept ist Sagmeisters Lebensgefährtin Antonella D’Orio, die dem Album ihre Stimme leiht – nonverbal quasi als zusätzliches Instrument.

Zurück zum durchaus stimmigen Eindruck des Bandsounds auf „Story Board“ – Sagmeister erklärt: „Die einzelnen Abteilungen – Streicher oder Bläser – sind alle replayed – also real eingespielte Samples, die ich genutzt habe“. Das Experiment ist ohne Wenn und Aber gelungen, Probleme dürfte es mit dem Material erst geben, wenn Sagmeister es auf die Bühne bringen will: „Klar, dann muss ich mir über Besetzungen Gedanken machen.“

Michael Sagmeister: „Story Board“, Acoustic Music Records/Galileo (Vertrieb)

Von Carsten Beckmann

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