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Marburg Fachkräftemangel bei den Einbrechern
Marburg Fachkräftemangel bei den Einbrechern
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11:59 06.11.2020
Jan-Oliver Karo ist der neue Kriminalpolizeiliche Berater für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Fünf Beratungen hat er mindestens in der Woche, sagt Jan-Oliver Karo, der neue kriminalpolizeiliche Berater für den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Das Spektrum umfasst alle Formen des baulichen Einbruchschutzes, jedoch auch die Betrugs- und sonstige Kriminalprävention.

„In Corona-Zeiten ist das Interesse an Straftaten ungebrochen, wenn nicht sogar gestiegen“, sagt der 42-Jährige, „obwohl es aktuell weniger Einbrüche gibt.“ Dabei sei die Universitätsstadt schon immer eher uninteressant für überregionale Einbrecher.

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„Dieser Typus verirrt sich selten nach Marburg, weil die wichtigen Autobahnen zu weit weg sind. Da sind die Ballungsräume an der A45 oder A5 viel attraktiver.“

Das bedeutet aber nicht, dass es in der Stadt und im Landkreis keine Einbrüche gibt. „Taten werden auch durch sogenannte örtliche Täter begangen, da geht es oft um Beschaffungskriminalität“, erklärt er.

„Das sieht man schon an den Einbruchsspuren. Wenn mehrfach der Schraubenzieher angesetzt wurde, ohne dass es zum Erfolg kommt, dann ist klar, dass kein Profi am Werk war und dass hier die Sicherheitstechnik ausreichte.“

Beratung „objektiv, kostenlos und unverbindlich“

„Auch unter Einbrechern gibt es sozusagen einen Fachkräftemangel“, weiß Jan-Oliver Karo. Immer öfter würden sie heute an der guten Technik, den standfesten Fenstern und Haustüren, scheitern. Und der Wiederverkauf gestohlener Ware ist heute schwieriger, da auch hier die Polizei entsprechend sensibilisiert. „Mit Betrug ist heute mehr und leichter Geld zu verdienen, als mit einem geklauten Fernseher“, bringt er es auf den Punkt.

Wenn gewünscht, begleitet der Kriminalhauptkommissar Hausbesitzer sowohl beim Neubau, als auch bei der Sanierung. „Deswegen ist es so wichtig, sich frühzeitig vor der Renovierung oder während der Hausplanung zu melden. Unsere Beratung ist objektiv, kostenlos und unverbindlich, aber leider werden wir oft zu spät einbezogen.“

Es ist wichtig, dass die Fenster und Türen mindestens dem RC2-Standard entsprechen. „Die geben drei Minuten sicheren Schutz bei der Nutzung von einfachen Werkzeugen“, erklärt Jan-Oliver Karo. Nach drei bis fünf Minuten ohne Erfolg geben Einbrecher oft auf und ziehen weiter. „Wird kein RC2-Standard verbaut, dann muss Flickschusterei betrieben werden“, weiß der unabhängige Berater.

Ländlicher Raum für Enkeltrick prädestiniert

Das Sicherheitsempfinden in den eigenen vier Wänden ist sehr wichtig. Wird es durch einen Einbruch gestört, „dann kann das langfristige psychische Folgen haben“. Oft treten diese erst Tage oder Wochen nach dem Geschehen ein. Wie auch beim Enkeltrick, der beispielsweise während der Corona-Pandemie verstärkt zu registrieren war.

„Dafür ist der ländliche Raum prädestiniert. Die Angerufenen sind oftmals allein zu Hause, die nahen Angehörigen leben weit weg“, beschreibt Jan-Oliver Karo die guten Voraussetzungen für diese Art des Betruges. „Da kann man niemanden kurzfristig fragen, was er von der Geschichte hält.“

Deswegen gab es in diesem Jahr eine Zusammenarbeit mit ambulanten Pflegediensten, die die Broschüre „Im Alter sicher leben“ an die Patienten verteilt haben. „Wenn wir die Zielgruppe auf den üblichen Wegen nicht erreichen können, dann müssen wir neue gehen“, stellt der kriminalpolizeiliche Berater fest. Denn die Betrüger erlangen während ihrer Beutezüge viel Geld. Dabei ist die Masche oftmals dieselbe. Es wird Vertrauen aufgebaut oder eine Notsituation vorgespielt.

Keine Ängste schüren, sondern Tatsachen vermitteln

„Wenn so das Erbe für die eigenen Kinder oder Enkel verloren geht, dann bleiben nicht nur materielle, sondern auch ideelle Schäden zurück.“ In diesen Fällen wird auf Wunsch der Opferschutz-Koordinator der Polizeidirektion Marburg eingeschaltet, der als Schnittstelle zu möglichen außerpolizeilichen Hilfsangeboten fungiert.

Für den 42-Jährigen ist der neue Job ein Glücksgriff. „Ich habe mich bewusst dazu entschieden. Es ist schön, positiv wahrgenommen zu werden und ich habe viel mit Menschen zu tun, die meine Hilfe auch wirklich wollen.“ Dabei ist es ihm bei den Beratungen vor Ort ganz wichtig, dass er keine Ängste schürt, sondern Tatsachen vermittelt.

Er weiß: „Die Informationsvielfalt birgt auch Gefahren.“ Sein Steckenpferd ist der Bereich Smarthome. Diese neue Technik mit gutem Gewissen zu nutzen, das will er vermitteln. Dabei betont er noch einmal: „Ich bin kein Projektplaner. Ich bin Berater, ich gebe Empfehlungen der Polizei und verfolge nur ein Interesse: eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.“

Kontakt zu Jan-Oliver Karo: Telefon: 06421/406-1 23 oder per E-Mail an:  beratungsstelle.ppmh@polizei-hessen.de

Von Katja Peters