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Marburg Jahrbuch bildet Corona-Zeit ab
Marburg Jahrbuch bildet Corona-Zeit ab
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09:00 02.05.2021
Ein Kind steht vor einer geschlossenen Kita. Bilder hängen am Zaun und der Spruch: Wir vermissen Euch.
Ein Kind steht vor einer geschlossenen Kita. Bilder hängen am Zaun und der Spruch: Wir vermissen Euch. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Normalerweise herrscht viel Trubel in den Fluren des Kinderzentrums Weißer Stein in Wehrda. Doch derzeit ist es fast erschreckend ruhig in den Räumen, denn noch sind wir mitten in der Corona-Pandemie mit all ihren massiven Auswirkungen auf unseren Alltag. Aber irgendwann wird sie vielleicht und hoffentlich nur noch eine dunkle Erinnerung sein. Eine ganz besondere Erinnerung an das erste Corona-Jahr hat das Kinderzentrum jetzt mit dem Jahrbuch 2020 geschaffen.

Zum als Verein organisierten Kinderzentrum Weißer Stein gehören elf Kindertagesstätten im Landkreis – in Stadtallendorf ebenso wie in Hommertshausen, Altenvers oder Erdhausen. Die Kitas heißen „Wichtelland“, „Sonnenschein“ oder „Wunderland“. 150 Erzieherinnen und Erzieher betreuen nach Angaben von Astrid Mergel-Diehl, Vorstand Kinderbetreuung, rund 700 Kinder zwischen einem und sechs Jahren, darunter 60 mit Förderbedarf.

Allen gemeinsam ist die seit der Gründung des Vereins vor 43 Jahren ausgeprägte Haltung zur Inklusion. „Wir nehmen jedes Kind auf“, sagt Mergel-Diehl. Hinzu kommen Frühförderung, Beratungs- und Förderangebote für Eltern und Kinder. Jedes Jahr gibt der Verein ein Jahrbuch heraus – normalerweise mit Daten, Zahlen, Fakten über die Einrichtungen. „Letztes Jahr wollten wir es anders machen. Alle an dem Erziehungsprozess Beteiligten sollten zu Wort kommen: Erzieherinnen und Erzieher, Eltern und die Kinder“, sagt Mergel-Diehl.

Astrid Mergel-Diehl zeigt das Jahrbuch des Kinderzentrums Weißer Stein. Quelle: Uwe Badouin

Herausgekommen ist ein ganz besonderes Jahrbuch, angereichert mit vielen Fotos, Bildern und Stimmen über ein Jahr im Ausnahmezustand. Das Buch zeigt auch das Bemühen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, den Kindern in einem Jahr, das „von Verzicht, Entbehrungen und Herausforderungen geprägt war“, trotz aller Schwierigkeiten einen möglichst normalen Kindergarten-Alltag zu bieten. In einem Jahr, in dem Ideen, Planungen, Konzepte und Hoffnungen immer wieder von Notfallplänen, Lockdowns, Teilschließungen oder Quarantänefällen extrem beeinträchtigt wurden.

So hinterlässt Corona Spuren auch bei den Kindern. Wie gravierend sie sein und welche Auswirkungen sie haben werden, wird sich vermutlich erst in einigen Jahren herausstellen. Mergel-Diehl sagt, bei Beratungen würden zunehmend Auffälligkeiten festgestellt. Sie nennt Bewegungsmangel, falsche Ernährung, Übergewicht und Sprachprobleme.

In dem Jahrbuch kommen auch Kinder zu Wort. „An die Regeln hab ich mich gut gewöhnt, aber vorher war es besser. Das Blöde an den Masken ist, dass man manchmal niemanden erkennt“, wird ein fünfjähriges Kind zitiert.

Seit März vergangenen Jahres bestimmt Corona den Alltag von Familien. Doch was wissen Kinder über das Virus, wie gehen sie damit um? „Mama, ich brauch jetzt neue Schuhe, richtige Rennschuhe, damit mich das Corona-Monster nicht schnappt“, wird H. von der Kita „Sonnenschein“ in Erdhausen zitiert. Bedauert wird immer wieder, dass man nicht mehr so frei spielen kann wie vorher, dass man oft gar nicht in den Kindergarten konnte. Freundinnen und Freunde werden vermisst.

Martina Kuhn-Keßler, Leiterin der Stadtallendorfer Kita Weißer Stein, hat eine bemerkenswerte Erinnerung an 2020. Ein Kind, vier Jahre alt, ist zum ersten Mal in der Kita. „Das erste Wort war: Abstand.“ Sie hat jede Menge Zoom-Sitzungen mit Kindern und Eltern hinter sich und hofft, „dass wir bald wieder zu unserem alten Konzept zurückkehren können“.

Cenan Orthmann, alleinerziehende Mutter in Stadtallendorf und im Elternbeirat der Kita Weißer Stein, sagt nach einem Jahr Corona im Zoom-Gespräch: „Die Stimmung ist unten. Viele Eltern sind am Ende der Kräfte.“

Sie sei „total glücklich und dankbar, dass ich den Kindergarten als Beistand habe“, denn ihr Sohn habe Integrationsprobleme. „Für ihn ist es sehr schwer. Eltern haben viele Ängste, insbesondere Eltern mit Kindern mit Förderbedarf.“

Eine Collage aus Bildern, die im Jahrbuch zu sehen sind. Quelle: Privatfoto

Das Fazit des Jahrbuches ist dennoch hoffnungsvoll: „Die Helden sind die Kinder. Sie hatten die wenigsten Probleme, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, denn die Antwort auf viele Fragen, warum etwas nicht funktioniert oder umgesetzt werden kann, lautet von Kind zu Kind: Das geht nicht, das ist wegen dem Schnupfen, der heißt Corona!“

Von Uwe Badouin