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Marburg Vor allem Frauen nutzen Alarmknöpfe
Marburg Vor allem Frauen nutzen Alarmknöpfe
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19:06 01.04.2019
Die Videoüberwachung im Jägertunnel ist im August vergangenen Jahres installiert worden. Auslöser waren mehrere Straftaten in den Vorjahren. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Am häufigsten wurde die Alarmanlage zwischen 20 und 3 Uhr gedrückt – meist von alleine laufenden Frauen, denen eine Männergruppe folgte. Das hat Regina Lang, Ordnungsamts-Chefin, gestern bei der ersten Fall-Auswertung der Jägertunnel-Videoüberwachung gesagt. Für eine wissenschaftliche Auswertung wurden vor der Technik-Installation im August 2018 und nun in den vergangenen Wochen jeweils 70 Marburger für eine Befragung ausgewählt. Ergebnis: 90 Prozent halten die Lösung für effektiv, 70 Prozent fühlen sich bei Dunkelheit – der problematischen Nachtstunden – sicherer. 

„Das Ziel, dass sich Bürger wohler fühlen, ihr Sicherheitsempfinden gesteigert wurde, ist erreicht“, sagt Johannes Maaser, Gefahrenabwehr-Spezialist beim Ordnungsamt. Im Gegensatz zur klassischen Videoüberwachung, die zur Strafverfolgung eingesetzt werde, habe die Tunnel-Anlage einen präventiveren Charakter – vor allem durch die bei Bedarf von Bürgern per Not-Knopf gedrückte­ Live-Schalte von Tunnel zur Feuerwehr-Leitstelle und dem Eingreifen des Diensthabenden. „Die Effekte der sozialen Kontrolle, die durch diese Ansprache entstehen, sind groß“, sagt er. 

Dass es – mit Ausnahme eines Vandalismusfalls an der Anlage selbst – noch nie zu einem Polizeieinsatz kam, wertet die Stadtspitze als Erfolg.

Stötzel: „Situation ist durch Anlage deutlich besser“

Alleine schon die Möglichkeit zum schnellen Hilfeholen zu haben, „macht die Situation an diesem nicht sehr einladenden Ort deutlich besser“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel­ (CDU). Es handele sich um ­einen „innovativen Baustein der Sicherheits-Architektur“. Und einen, der eventuell häufiger eingesetzt wird. In Stadtverwaltungsbüros, vor allem da, wo nur einzelne Mitarbeiter Bürgerkontakt haben, könnte Stötzel zufolge künftig das System eingesetzt werden.

An dem ­unterirdisch verlaufenden Verbindungsweg zwischen Neuer und Alter Kasseler Straße gab es sowohl im Jahr 2017 als auch 2016 sexuelle Übergriffe auf Frauen. Schon zuvor und über Jahre galt die Passage als ein Problempunkt, wurde von vielen gemieden. Auch der Magistrat bezeichnete ihn nach den mehrfachen sexuellen Angriffen in der jüngeren Vergangenheit als „Angstraum“. Eine optische Gestaltung des Tunnels durch ein Graffiti-Projekt, hellere Beleuchtung im Inneren, bessere Einsehbarkeit der Tunneleingänge sowie eine engere Reinigungstaktung wurden noch Teil eines Gesamtkonzepts umgesetzt, um die Situation zu verbessern. Gesamtkosten: 50.000 Euro.

Überwachung an Lahnterrassen und Marktdreieck möglich

Und so funktioniert die Technik: Auf einer Strecke von 80 Metern sind an der Tunnelwand mehrere Tasten angebracht, die eine Bild- und Tonübertragung über die an der Decke angebrachten Videokameras aktivieren. Sobald die Anlage läuft, übertragt sie live an die rund um die Uhr besetzte Feuerwehr-Leitstelle. Im Notfall soll der Diensthabende von dort aus die Polizei verständigen. Die Aufzeichnungen der Kameras werden laut Stadtverwaltung bei der Feuerwehr maximal 48 Stunden gespeichert.

Da sich die Videoüberwachung zu bewähren scheint, schließt der Magistrat eine solche des Kriminalitätsschwerpunkts Lahnterrassen und Marktdreieck auch nicht mehr aus, sondern prüft auf Anraten der Polizei deren Installation. Entsprechende Technik sei „aus fachlicher Sicht geeignet, die Straftaten auch zukünftig weiter zu reduzieren“, heißt es von der Polizei. Grund dafür: Die polizeiliche Kriminalstatistik weist für Marburg bei der Gewaltkriminalität im Jahr 2018 einen Anstieg aus. Die Zahl – vor allem bedingt durch gefährliche Körperverletzungen – kletterte demnach von 178 auf 205 Taten.

von Björn Wisker