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Marburg Ist die Sonntagsöffnung bald passé?
Marburg Ist die Sonntagsöffnung bald passé?
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16:00 17.06.2020
Unternehmer Frank Sommerlad sieht die Klage gegen die Sonntagsöffnung kritisch. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Im Zuge der Corona-Verordnung des Landes Hessen wurde es Händlern auch ermöglicht, ihre Geschäfte sonntags zu öffnen. Der Lebensmitteleinzelhandel – für den die Regelung hauptsächlich gedacht war – hat davon jedoch keinen Gebrauch gemacht.

Anders schaut es beispielsweise bei Einrichtungshäusern aus. So hat auch Sommerlad seine Häuser seit einigen Wochen regelmäßig sonntags geöffnet. Ginge es jedoch nach der Gewerkschaft Verdi und der „Allianz für den freien Sonntag Hessen“, könnte damit bald Schluss sein. Beide haben nämlich nun beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof gegen das Land Hessen geklagt, um die Sonntagsöffnung wieder abzuschaffen.

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Die derzeitige Ausnahmegenehmigung gefährde den grundgesetzlichen Sonntagsschutz, begründete die Dienstleistungsgewerkschaft ihren Vorstoß.

Sonntagsöffnung diene „praktisch nur für Möbelhäuser“

„Wenn es keine Notwendigkeit und kein nachgewiesenes besonderes Bedürfnis der Bevölkerung gibt, dann muss wieder zum rechtlichen Ausgangspunkt und somit zum Schutz des Sonntags zurückgekehrt werden“, forderte Landesbezirksleiter Jürgen Bothner in Frankfurt.

Die Gewerkschaft habe von Beginn an gesagt, man werde die Ausnahmegenehmigung kritisch beobachten und die Sonntagsöffnung wegen der Pandemie zunächst mitgetragen. „Es hat sich aber schnell gezeigt, dass insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel zur Versorgung der Bevölkerung überhaupt keinen Gebrauch von der Sonntagsöffnung machte“, so Bothner.

Sie diene „praktisch nur für Möbelhäuser. Und damit läuft die ursprüngliche Begründung der Sonntagsöffnung von Verkaufsstellen – das Entzerren der Kundenströme – völlig ins Leere“, sagte Bothner.

Verdi-Fachbereichsleiter Handel, Bernhard Schiederig, der in der „Allianz für den freien Sonntag“ aktiv ist, betont: „Wir haben lange geduldig darauf gewartet, dass die angeblich aus der Pandemie geborene Sonderöffnung an Sonntagen dann beendet wird, wenn alle Geschäfte wieder unter fast normalen Bedingungen öffnen dürfen. Doch nichts Erkennbares ist passiert.“ Dieser „Freifahrtschein“ müsse nun ersatzlos aus der Corona-Verordnung gestrichen werden.

Sommerlad hält Öffnung für probates Instrument

Eine Forderung, die bei Unternehmer Frank Sommerlad „in dieser Notsituation, in der wir uns befinden“, auf Unverständnis stößt. „Wir mussten unsere Häuser knapp zwei Monate geschlossen halten. Die Sonntagsöffnung ist ein probates Instrument, gegen die Krise anzukämpfen“, sagt er im Gespräch mit der OP. Der Umsatzverlust sei im gesamten Handel sehr groß gewesen, die Möglichkeit, sonntags die Läden zu öffnen „bietet den Händlern die Möglichkeit, verlorenes Terrain zurückzugewinnen und das Jahr vielleicht noch mit einem halbwegs blauen Auge abzuschließen“, so Sommerlad.

Auch in seinem Unternehmen gibt es Kurzarbeit. „Wir versuchen, das so schnell wie möglich zu ändern und wieder zurück zur Normalität zu gelangen. Jetzt eine ideologische Diskussion zu führen und zu klagen, ist meiner Meinung nach fehl am Platz“, sagt der Unternehmer.

Die Kunden würden die Sonderöffnungszeit gut annehmen, und das nicht nur, um zu schauen: „Es wird auch gekauft.“

„Viele wollen gerne am Sonntag arbeiten“

Und die Beschäftigten würden auch mitziehen. „Es muss ja nicht jeder am Sonntag arbeiten – wir haben ein System, nach dem jeder auch selbstverständlich seine freien Tage bekommt. Viele wollen sogar gerne am Sonntag arbeiten – wir haben mehr Leute, die sonntags arbeiten wollen, als wir benötigen“, betont Sommerlad. Der Grund: Die Sonntagsarbeit werde attraktiv vergütet, zudem gebe es für fünf Stunden Dienst einen kompletten Tag frei.

Sommerlad hofft, auch kommenden Sonntag wieder öffnen zu können, „um weiter Schadensbegrenzung betreiben zu können und so Arbeitsplätze zu sichern“. Geht denn der Blick nun sorgenvoll zum Gericht nach Kassel? „Es wird sich zeigen, wie schnell eine Entscheidung getroffen wird – und wie sie ausfällt. Wir können nur auf Sicht fahren und hoffen, dass die Klage abgewiesen wird. Letztlich müssen wir es aber nehmen wie es kommt“, betont er.

Von Andreas Schmidt

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