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Marburg Wohnungsbau aus „sozialen Motiven“
Marburg Wohnungsbau aus „sozialen Motiven“
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08:00 23.08.2019
So könnten die Häuser auf dem Gelände der ehemaligen Hauptpost aussehen. Geht es nach Investor Hans Ulrich Burk, könnte im Frühjahr mit den Bauarbeiten begonnen werden – Fertigstellung wäre knapp zwei Jahre später. Quelle: Architekturbüro Weiss
Marburg

Nein, es gibt keinen wie auch immer gearteten Deal mit der Stadt, versichert Hans Ulrich Burk. Der 58-Jährige ist unter anderem Geschäftsführer der BG-Bau – und er plant, auf dem Parkplatz hinter der alten Hauptpost bis zu 100 neue Wohnungen zu bauen. Das Gelände hatte er seinerzeit von einem US-amerikanischen Investor gekauft (die OP berichtete).

Nun will er Wohnraum schaffen, der in Marburg dringend benötigt wird: „Wohnraum für die stillen Helden der Gesellschaft: Krankenschwestern, Polizisten,­ Normalverdiener und Familien“, sagt er. Also Menschen, die zu wenig Einkommen für Eigentumserwerb und zu viel Gehalt für einen Sozialwohnungs-­Bezug bekommen.

Einen großen Gewinn wird Hans Ulrich Burk mit dem Projekt nicht einfahren. Vor allem eben auch, weil bei dem Bauprojekt auf die in Marburg ­eigentlich seit 2016 geltende Sozialquote verzichtet werden könnte.

„Sollten die Gremien und die Stadtverordnetenversammlung den Verzicht auf die Sozialquote ablehnen, wäre das für mich eigentlich besser“, sagt Burk. Und rechnet den Unterschied vor: 5 200 Quadratmeter Wohnfläche hat er geplant. 20 Prozent Sozialquote wären demnach 1.040 Quadratmeter, die zu 8,75 Euro Kaltmiete je Quadratmeter vermietet würden – macht 109.200 Euro Jahresmiete. „Dabei sind beispielsweise vergünstigte Kredite oder Ähnliches nicht eingerechnet“, so der Investor.

Freiwilliger Verzicht auf gut 90.000 Euro pro Jahr

Die restlichen 4.160 Quadratmeter würden bei einem Preis von 12 Euro je Quadratmeter 599.040 Euro Jahresmiete einbringen – macht zusammen 708.240 Euro im Jahr. „Und dabei sind 12 Euro je Quadratmeter noch konservativ gerechnet“, sagt Burk, „realistischer wären sogar 12,40 Euro“.

Bei der von ihm favorisierten Variante würde die gesamte Wohnfläche für 9,90 Euro je Quadratmeter vermietet – der Jahresmietzins beliefe sich auf 617.760 Euro. „Das macht eine Mindermiete von 90.480 Euro“, sagt Burk – auf die würde er also freiwillig verzichten.

"Der Gesellschaft etwas zurückgeben"

Doch warum möchte ein Geschäftsmann freiwillig auf mindestens 90.000 Euro im Jahr verzichten? Es höre sich zwar abgedroschen an, sagt Burk, „aber ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Für mich ist es wichtig, dass Menschen gut zusammen leben können – und auch, dass wir unseren Kindern und Enkeln eine funktionierende Welt hinterlassen“. Vor diesem Hintergrund halte er auch die Sozialquote für ein per se wichtiges und richtiges Instrument – in diesem Fall sei es aber, wie die Rechnung beweise, besser, auf sie zu verzichten.

„Ich habe in meinem Bekanntenkreis viele Polizisten, auch einige Krankenschwestern und Krankenpfleger – ganz normale­ Leute, die ein Problem haben, in der Stadt eine Wohnung zu ­finden. Die unterstützen mit ihren Steuern und Sozialabgaben den geförderten Wohnraum mit – haben aber selbst keinen Anspruch darauf und müssen selbst zwischen 12 und 13 Euro Miete je Quadratmeter zahlen.“ Das empfindet Burk als ungerecht und wolle daher etwas ­dagegen tun.

Der soziale Gedanke sei ihm wichtig, „ich quetsche auch die Handwerksbetriebe, mit denen ich zusammenarbeite, nicht aus – ich komme vom Dorf, da gibt man sich noch die Hand auf ein Geschäft und kann sich auf das Wort des Anderen verlassen“, erläutert Burk.

Kindergarten „ist kein Bestandteil eines Deals“

Er bekomme im Gegenzug nichts von der Stadt. „Auch der eventuelle Kindergartenstandort ist kein Bestandteil irgendeines Deals“, versichert Burk. Selbstverständlich könne er sich vorstellen, dass die „Villa“ – also das alte Wohnhaus auf dem Gelände – als Kindergarten genutzt werden könne, „das wäre für Familien, die in dem Projekt einziehen, doch optimal. Selbstverständlich würde ich die ,Villa‘ dann an die Stadt vermieten.“

Entstehen sollen bis zu 100 Wohnungen. Zwei-Zimmer-Apartments ebenso, „wie vier Zimmer, Küche, Bad, damit auch Familien mit zwei Kindern dort wohnen können“. Und das im KfW-55-Standard, barrierearm, gepaart mit Lüftungsanlage, Photovoltaik und E-Tankstellen „sowohl für Autos als auch E-Bikes. Gebaut wird auf hochwertigem Eigentumswohnungsniveau mit Tiefgarage“. Burk betont die gute Verkehrsanbindung mit Bushaltestelle und Bahnhofsnähe, zudem sei man durch die Unterführung schnell an der Lahn. Der Unternehmer rechnet mit Investitionskosten in Höhe von knapp 19 Millionen Euro.

Und wenn die 20 Jahre Mietpreisbindung, wie sie im „Letter of Intent“ mit der Stadt formuliert sind, abgelaufen sind? „Dann wäre es schön, wenn die Mieter ihre Wohnungen kaufen könnten – und sie so die Chance auf Eigentum bekommen.“

von Andreas Schmidt und Björn Wisker