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Marburg 100 neue Wohnungen in Nordstadt geplant
Marburg 100 neue Wohnungen in Nordstadt geplant
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08:00 20.08.2019
Ein Teil des Areals hinter der ehemaligen Hauptpost zwischen Eisenstraße und Zimmermannstraße: Dort könnten bis zu 100 neue Wohnungen entstehen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Geplant sind auf knapp der Hälfte des rund 11.000 Quadratmeter großen Grundstücks nach Informationen der OP fünf Häuser, die laut Planungsunterlagen als „Stadtvillen“ bezeichnet sind. Sie sollen jeweils vier Vollgeschosse­ und ein sogenanntes „Staffelgeschoss“ umfassen. Entstehen­ könnten durch den Neubau bis zu 100 Wohnungen – jeweils zwischen 40 und 80 Quadratmeter groß.

Eigentlich also ein ganz klarer Fall für das Greifen der im Marburger Stadtgesetz seit einigen Jahren festgeschriebenen Sozialwohnungsquote. Diese sieht vor, dass bei Bauten mit 20 Wohnungen und mehr 20 Prozent davon als Sozialwohnungen auszuführen sind.

Miethöhe ist festgeschrieben

Doch geht es laut dem Magistrat, der dem Vorhaben bereits zugestimmt hat, so wird diese Quote für das Vorhaben hinter der Hauptpost wohl nicht gelten. Stattdessen haben Investor und Magistrat eine Absichtserklärung, einen sogenannten „Letter of Intent“, unterzeichnet, in dem eine Miethöhe festgeschrieben ist. Es soll sich demnach um „bezahlbaren Wohnraum oberhalb des geförderten Wohnungsbaus“ handeln.

Nach OP-Informationen ist damit ein Preis von knapp unter zehn Euro als Kaltmiete je Quadratmeter gemeint. Zum Vergleich: Die Ausgangsmiete für eine neugebaute Wohnung in Marburg wird laut Stadt „im geförderten Wohnungsbau derzeit auf 8,75 Euro eingeschätzt – in älteren Wohnungen sind die Mieten teilweise deutlich geringer. Bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GeWoBau ist es seit Jahren gute und gängige Praxis, dass die Mieten auch nach der Mietpreisbindung bezahlbar bleiben“, teilt die Stadt auf Anfrage der OP mit.

Wohnungen sollen nicht verkauft werden

Im geförderten Wohnungsbau werde die Ausgangsmiete einer Wohnung bei deren Bau festgelegt. Dabei müsse die Mietobergrenze für geförderte Wohnungen 15 Prozent unterhalb der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. „Es ist erlaubt, die Miete alle drei Jahre dem Lebenshaltungskostenindex entsprechend anzupassen – jedoch nur bis zu dem Wert, dass die Miete weiterhin mindestens 15 Prozent unter der ortsüblichen Vergleichsmiete bleibt“, heißt es. Die Planung hinter der Hauptpost stellt laut dem „Letter of Intent“ eine „Reaktion auf das Wohnungsbauthema ,bezahlbarer Wohnraum‘ oberhalb des geförderten Wohnungsbaus dar“, heißt es in einer ­Beschlussvorlage des Magistrats. Demnach sollen die Wohnungen in der Anlage ausschließlich vermietet und nicht als Eigentumswohnungen verkauft werden.

In der Absichtserklärung ist davon die Rede, dass der Investor durch die Bereitstellung preiswerten Wohnraums einen „Beitrag zu einem ausgeglichenen Wohnungsmarkt in Marburg“ leisten möchte. Im Gegenzug wünsche er eine Befreiung von der Sozialquote.

Bruttolohn-Obergrenze

Dazu hat sich die Stadt in der Absichtserklärung bereiterklärt, wenn einige Bedingungen erfüllt werden. So soll die maximale Kaltmiete zunächst unter 9,90 Euro je Quadratmeter liegen. Die Wohnungen müssten zudem mindestens nach KfW-55-Standard errichtet werden, um den Mietern auch niedrige ­Nebenkosten zu gewährleisten.

Und: Um zu verhindern, dass sich Mieter mit „dickem Geldbeutel“ einen Platz in begehrter Nordstadtlage sichern, soll eine Bruttolohn-Obergrenze­ der Mieter festgesetzt werden: Wohnungen, die für Alleinstehende vorgesehen sind, sollen nur Menschen mit einem maximalen Jahreseinkommen von 31 000 Euro bekommen können. Für Wohnungen, die für die Vermietung an zwei Personen vorgesehen sind, liegt die Obergrenze bei 47 000 Euro. Die Obergrenze verschiebt sich für jede weitere zum Haushalt gehörende Person um jeweils 5.400 Euro nach oben.

Investor stellt Grundstück für Kita-Bau zur Verfügung

Die Jahreseinkommen liegen dabei doppelt so hoch, wie sie für Sozialwohnungen, für die ein Wohnberechtigungsschein notwendig ist, angesetzt werden: Die Einkommensgrenzen für den Bezug einer geförderten Mietwohnung für geringe Einkommen liegen laut Stadt zurzeit für einen Einpersonenhaushalt bei 15.572 Euro jährlich und für einen Zweipersonenhaushalt bei 23.626 Euro jährlich – ebenfalls zuzüglich 5.370 Euro jährlich für jede weitere zum Haushalt rechnende Person. Die Einkommensgrenze erhöhe sich zudem für jedes zum Haushalt rechnende Kind um weitere 650 Euro jährlich.

Im „Letter of Intent“ heißt es weiter, dass der Investor die Wohnungen für mindestens zehn Jahre selbst im Eigentum halten und vermieten – die Mietbindung ist allerdings auf 20 Jahre angelegt. An diese müsste sich auch ein eventueller Käufer nach Ablauf der Zehn-Jahres-Frist halten.

Kurios: Bei den Neubauprojekten von Karsten Schreyer – Chef der immer wieder im Fokus kritischer Beobachtungen stehenden Firma S+S Immobilien – beharrte der Magistrat auf die Einhaltung der Quotenregelung.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass der Investor der Stadt auf seinem Gelände – wohl als Teil des geplanten Quoten-Umgehungs-Deals – Platz für einen neuen Kita-Standort zur Verfügung stellt.

von Björn Wisker und Andreas Schmidt