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Marburg Experte: Viele trauen sich wegen Rasern nicht aufs Rad
Marburg Experte: Viele trauen sich wegen Rasern nicht aufs Rad
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12:00 20.07.2020
Thomas Meyer ist der Radverkehrsplaner des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Im OP-Interview spricht er über die wachsende Bedeutung des Radverkehrs in Marburg und dem Umland. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Mehr Radler bringen mehr Sicherheit auf den Straßen – und den verkehrspolitischen Corona-Schwung gilt es auch in den Kleinstädten und auf Dörfern im Landkreis Marburg-Biedenkopf mitzunehmen. Das sagt Thomas Meyer, Radverkehrsplaner bei der Kreisverwaltung im OP-Interview.

In der Stadt Marburg tut sich in puncto Radfahren einiges. Was muss passieren, dass auch im Umland mehr Rad – und das nicht nur zu Freizeitzwecken –gefahren wird?

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Thomas Meyer: Alles hängt daran, wie attraktiv die dazugehörige Infrastruktur – durchgängige Radwege, Abstellanlagen, Sicherheitsvorkehrungen – ist. Gerade der Lückenschluss ist eines der wichtigsten Themen im Radverkehrsentwicklungsplan, an dessen Umsetzung wir derzeit arbeiten. Aktuell stehen sieben Projekte an, um bestehende Lücken mit Radwegen an unseren Kreisstraßen zu schließen. Den Effekt von Freizeit-Fahrradfahren sollte man übrigens nicht unterschätzen: Wer regelmäßig etwa am Wochenende radelt, mit Familie oder Freunden, wagt sich auch eher an die Nutzung des Fahrrades im Alltag, steigt wahrscheinlicher nach und nach vom Auto auf das Rad um. Grundsätzlich gilt: Je mehr Räder auf der Straße sind, desto sicherer wird der Verkehr für alle.

Die Realität ist, dass die meisten Kreisstraßen eng, verwinkelt und kurvenreich sind, Autos mit 70, 80 km/h recht schnell fahren dürfen. Das ist für Radfahrer nicht attraktiv, eher gefährlich.

Wichtig ist vor allem die Bewusstseins-Bildung. Das gilt für Autofahrer und für Radfahrer, für alle Verkehrsteilnehmer. Allen muss nicht nur klar sein, dass die Regeln der Straßenverkehrsordnung für alle gelten, sondern dass man sich die Straße gleichberechtigt teilt, niemandem die Straße allein gehört.

Aus der Sicht des Radfahrers muss ich aber in Bezug zu Autofahrern feststellen: Zu oft werden Kurven geschnitten, zu oft wird gerast. Auch wenn auf vielen Kreisstraßen die Auto-Verkehrsdichte eher gering ist, ist es für mich angesichts tatsächlicher Gefahren durchaus nachvollziehbar, dass sich manche nicht auf das Rad trauen. Es braucht einen Sinneswandel hin zu Gleichberechtigung.

In Corona-Zeiten sieht man zumindest in Städten, dass ganz schnell Pop-up-Radwege entstehen und dem Rad mehr Platz gegeben wird.

Ich glaube, dass diese Aktionen eher mit der Pandemie-Situation und dem deshalb notwendigen Verhaltensänderungen zu tun haben. Darauf haben Städte spontan reagiert, indem sie, ermöglicht durch den geringen Auto-Druck auf den Stadtstraßen, spontan Angebote für den Radverkehr geschaffen haben. Ich glaube noch nicht, dass diese Lösungen von Dauer sind. In dem Moment, wo das wirtschaftliche und öffentliche Leben immer weiter hochgefahren wird, nehmen Kfz-Dichten zu, Autos und Busse erobern sich dann Platz zurück. Eine nachhaltig durchdachte Planung braucht Zeit, in der Regel mehrere Jahre, da es mehr braucht als Baken aufzustellen und Linien aufzuziehen.

Ist Corona der Hebel für den von vielen geforderten massenhaften Umstieg vom Auto auf das Rad?

Es ist tatsächlich sicht- und auch belegbar, dass der Radverkehrsanteil auch bei uns stark zugenommen hat. Unsere Zählstelle in Lahntal weist rund ein Drittel mehr Radfahrer aus – selbst bei schlechtem Wetter. Das ist im ländlichen Raum ein gewaltiger Sprung, und die Chancen für einen dauerhaften Wechsel des Transportmittels erhöhen sich. Im Wesentlichen sind es zugegebenermaßen Freizeitbewegungen, an Wochenenden und nach Feierabend – gerade im Lockdown sind eben viele aufs Rad gestiegen, weil etwa Shopping nicht ging. Sommerferien, Urlaub zu Hause, Radwandern: Wir haben sehr schöne Angebote, tolle Freizeitrouten und gute Anbindungen der Strecken an den Nahverkehr.

Bei uns ist in Sachen Radverkehr einiges möglich. Wie gesagt: Die Neigung, auch im Alltag umzusteigen, steigt mit der Häufigkeit, mit der man mit Radfahren in Berührung kommt.

Radfahren boomt – in Freizeit wie Alltag

Fahrradtourismus in Deutschland boomt. Im Jahr 2019 haben insgesamt 5,4 Millionen Deutsche eine Radreise mit mindestens drei Übernachtungen unternommen, über 40 Prozent übernachteten dabei vier bis sieben Nächte in Unterkünften.

Fast die Hälfte der deutschen Radreisenden ist zwischen 45 und 64 Jahre alt. Das geht aus aktuellen Statistiken hervor. Demnach ist das Allgäu die beliebteste Radfahr-Region, der norddeutschte Weser-Radweg derweil der meistbefahrene.

Der Hessische Fahrradmonitor 2019 zeigt, dass in den Städten 42 Prozent der befragten Radfahrer regelmäßig radeln, in ländlichen Regionen sind es 30 Prozent, die mehrmals pro Woche das Velo nutzen. Als Verkehrsmittel im Alltag, also statt Auto oder Nahverkehr nutzen es demnach rund zwei Drittel der Befragten.

Mit einem Radroutenplaner lassen sich im und über den Landkreis hinaus Rad-Touren –auch mit der Option „Steigungen vermeiden“ – zusammenstellen. Adresse: https://radroutenplaner.hessen.de

von Björn Wisker