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Marburg „Fast jeder kannte einen der Toten“
Marburg „Fast jeder kannte einen der Toten“
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08:01 01.06.2018
Psychosomatik-Professor Wolfram Schüffel betreute Hinterbliebene. Quelle: Hitzeroth
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Marburg

Die OP sprach mit Professor Wolfram Schüffel 30 Jahre nach dem Bergwerkunglück von Borken. Schüffel,­ zu der Zeit Spezialist für Psychosomatik der Marburger Uni, war damals sofort an die Unglücksstelle der nordhessischen Stadt geeilt.

Oberhessische Presse: Sie ­waren damals Medizin-Professor an der Marburger Universität, als sich das Bergwerkunglück von Borken ereignete. Wie kamen Sie damals überhaupt dazu, zu helfen und was war die Ausgangsposition für Ihre Hilfsaktion in Marburg?
Wolfram Schüffel: Ich wusste zunächst nur, dass sich dort eine Explosion ereignet hatte. Man konnte am besagten Tag sogar in Marburg Erderschütterungen spüren. Ich dachte erst, dass das etwas mit dem Kalibergbau zu tun haben könnte. Dann habe ich aber erfahren, dass es sich dabei um eine Explosion im Braunkohlebergbau in Borken gehandelt hatte. Ich hatte dann die Idee, dass die Stadt eigentlich noch im Einzugsbereich der Universität Marburg lag und bin dann gleich am nächsten Tag mit zwei Kollegen, die freiwillig dazu bereit waren, einfach hingefahren. Wir konnten uns mit großer Mühe einen Weg durch den Polizeikordon bahnen. Direkt neben dem Bergwerk gab es eine Halle. Dort hatten sich rund 300 Menschen versammelt und auf Nachrichten gewartet. Darunter waren viele Frauen, die verzweifelt wirkten. Denn die Lage war noch ungeklärt. Man wusste, dass sich 57 Bergarbeiter zum Zeitpunkt des Unglücks unter Tage befunden hatten. Man wusste nur, dass es maximal 51 Tote gegeben hatte. Weil die Körper so zerfetzt waren, wusste man nicht zweifelsfrei, allen Toten Namen zuzuordnen. Klar war aber, dass wohl noch sechs Männer fehlten, die zunächst auch für tot erklärt wurden, aber dann 65 Stunden später gerettet wurden, nachdem sie in einer Luftblase überlebt hatten. Jedenfalls herrschte bei vielen der Menschen Entsetzen, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Das passte ins Bild, denn bei solchen Katastrophen setzt die Trauer typischerweise erst später ein. Ich beobachtete­ jetzt, dass sich die meisten der Betroffenen um zwei Frauen sammelten, die als Werksfürsorgerinnen – eine Art Sozialarbeiterinnen – beschäftigt waren. Sie waren die wichtigsten Ansprechpartnerinnen, noch vor den anwesenden Geistlichen, Ärzten oder dem Bürgermeister. Ich wusste aber, innerhalb von 24 Stunden den Kontakt zu den Betroffenen zu finden. Dabei halfen mir dann glücklicherweise die beiden Werksfürsorgerinnen. Von ihnen habe­ ich auch gleich etwas gelernt und zwar, dass der erste Kontakt mit den Frauen der Bergarbeiter am besten nicht durch ein Gespräch zustandekam, sondern durch Handauflegen. Sie legten zunächst einmal schweigend die Hände auf die Unterarme der Frauen.

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OP: Mit welchen Mitteln und Methoden haben Sie denn daraufhin ganz konkret geholfen?
Schüffel: Wir haben schon ab dem 3. Juni 1988 eine Arbeitsgemeinschaft gegründet mit dem Ziel, ein Programm zu entwickeln, das den Hinterbliebenen Hilfe bot. Angesichts der kleinen Einwohnerzahl Borkens von damals rund 5.000 Einwohnern war aber auch klar, dass im Kern fast jeder einen der Toten kannte und somit zumindest ­indirekt betroffen war. Ich hatte zwar zunächst keinen offiziellen Auftrag, aber ich hatte schon gleich am Anfang auch zu den Ärzten und Geistlichen Brücken geschlagen, so dass wir von der Marburger Psychosomatik als professionelle Helfer akzeptiert wurden. Ich habe dann zusammen mit dem Psychotherapeuten Dr. Georg Pieper ein langfristiges Programm entwickelt. Ich baute dabei auch auf die Erfahrungen, die die Trauma­medizinerin Rachel Rosser aus London unter anderem nach einem verheerenden Rolltreppenbrand mit 30 Toten gesammelt hatte.­ Konkret ging es darum, sogenannte­ „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) zu vermeiden. Im Gegensatz zu heute wusste damals kaum ­jemand überhaupt, dass es so eine Erkrankung gab. Es ist auf jeden Fall eine Erkrankung, die gerade einen Angehörigen nach dem Tod eines Partners oder Verwandten innerlich zerfressen kann. Trotz aller ersten Widerstände wegen der Frage der Finanzierung wurde dann doch eine Lösung gefunden, und wir haben ein Drei-Jahres-Programm konzipiert. Die Hilfe sollte sich nicht nur an die Angehörigen richten. Wir haben also gefragt: Wer sind Hinterbliebene, Gerettete, Schwerverletzte oder sogar damalige Helfer, die jetzt auch Hilfe benötigen? Wir haben dann mehrere Gruppen gegründet. So haben sich beispielsweise die Witwen regelmäßig getroffen, aber auch die Feuerwehrleute, die bei dem Unglück im Einsatz gewesen sind. Es geht nicht aber nur um Reden, sondern es wurden auch Gruppen für das aktive Miteinander gegründet wie beispielsweise eine Deutschgruppe. Es ging uns darum, eine Art Familiengefühl im Kleinen wiederherzustellen. Wir haben dann aber auch geschaut, welche Träume oder auch Albträume es gibt. Ganz konkret ging es auch um die Behandlung von mit den seelischen Schmerzen einhergehenden körperlichen Beschwerden wie Gelenkschmerzen. Diese Gruppenarbeit war am Anfang zwar auch quälend, dann aber auch wie eine Befreiung. Es ging vor allem auch darum, dass Leute hinhörten und dass offen über die Probleme geredet wurde.

OP: Wie ging es dann nach den ersten drei Jahren bis heute weiter?
Schüffel: Danach gab es in der Gruppenarbeit nach den Qualen der ersten Jahre auch eine Art Lockerung. Wir hatten dann Sport- und Gymnastik-Gruppen. Und es gab auch gemeinsame Gottesdienste von Christen beider Konfessionen und Muslimen. Nach insgesamt drei Jahren war das Programm beendet. Wichtig ist mir, dass es eine würdige Gedenkstätte gibt, die von einem Kasseler Bildhauer gestaltet worden ist und an der sich die Menschen treffen. Alle zehn Jahre gibt es dort eine Gedenkfeier. Da fragen wir dann weniger, was gewesen ist, als vielmehr, was schon geschafft wurde. Und das ist aus meiner Sicht einiges. Borken ist von einer Bergbaustadt zu einem Naherholungsgebiet umgewandelt worden, das floriert. Aber eines ist auch klar: Die Menschen dort wissen, was Trauer bedeutet.

OP: Wie fällt Ihre Bilanz fast 30 Jahre nach dem Unglück von Borken aus?
Schüffel: Es geht bei der ganzen Sache aus meiner Sicht um vier Dinge: das Erinnern, das Vergessen-Müssen, das Wiederzurückholen von dem, was man im Leben hatte unter neueren Bedingungen und schließlich um das Neu-Atmen. „Mit anderen zusammen Neues in einer neuen Landschaft bewegen“: das ist dabei das Ziel. Ich habe dabei als Psychotherapeut auch gelernt, welche Rolle die persönliche Verarbeitung bei diesem Krankheitsbild spielt.

  • „Traumaarbeit: Erinnern, wiederholen, atmen – neu bewegen. Das Grubenunglück von Borken 1988 und die Geschichte der Trauma-Arbeit in Deutschland“: Das war im Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften (Hörsaal Raum A109, Deutschhausstraße 3), der Titel des Vortrags in der Ringvorlesung „Das ereignislose Jahr 1988 in Europa“ , den Professor Wolfram Schüffel (Marburg) zusammen mit Zeitzeugen aus Borken, den Werksfürsorgerinnen Luisa Römer und Margret Viernau sowie dem Altbürgermeister Bernd Hessler, hielt.

von Manfred Hitzeroth

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