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Marburg Von Bauen bis Verkehr: „In Marburg mehr direkte Demokratie wagen“
Marburg Von Bauen bis Verkehr: „In Marburg mehr direkte Demokratie wagen“
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10:00 22.02.2021
Michael Selinka (FDP) will Oberbürgermeister werden. Im OP-Interview spricht er über seine Ziele.
Michael Selinka (FDP) will Oberbürgermeister werden. Im OP-Interview spricht er über seine Ziele. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Michael Selinka, Oberbürgermeister-Kandidat der FDP im OP-Interview vor der OB-Wahl am 14. März 2021.

Einer Ihrer Wahlslogans ist „Mobilität beginnt im Kopf, Stau auch“. Bedeutet für Sie?

Michael Selinka: Marburg muss seine Rolle als Oberzentrum akzeptieren und annehmen. Die Innen- und Oberstadt funktioniert auch mit den tollsten Konzepten nicht, wenn man Leute von der Stadt praktisch fernhalten will, statt sie einzuladen. Die Läden brauchen Frequenz, sie brauchen Konsumenten, um überleben zu können. Und dafür reichen die paar tausend Stadtbewohner nicht aus. Wir brauchen daher – zum Nutzen aller Transportmittel – ausgeklügelte Verkehrswege und müssen uns, ob zu den Lahnbergen oder zum Schloss, überlegen, wie man Höhenmeter überwinden und wo Tunnelbau sinnvoll sein kann. Ein B3-Tunnel statt der Hochbrücke am Hauptbahnhof, der damit sinkende Lärm und der gewonnene Platz für den Städtebau wären das. Und es braucht zentrale Parkplätze, damit Menschen aus dem Auto steigen und bummeln gehen. Um das Auto stehen zu lassen, muss es nicht nur attraktiv und komfortabel sein, es muss vor allem funktionieren. Ich wünsche mir in der Verkehrsfrage mehr Pragmatismus.

Mehr miteinander sprechen, letztlich mehr Bürgerbeteiligung – das nimmt jeder für sich in Anspruch. Und Fakt ist ja auch, dass es in Marburg – und das schon lange – viele Beteiligungsmöglichkeiten gibt. Wie soll Ihre Form von mehr Mitsprache denn aussehen?

Selinka: Die Bürger zu fragen, ob sie ein Projekt überhaupt wollen und nicht nur, wie sie es umgesetzt haben wollen. Wir werden Elemente direkter Demokratie brauchen. Bei den Innenstadt-Ortsbeiräten vor fünf Jahren haben wir das gemacht – und das war richtig. Neue Gremien zu schaffen, wurde 2015 von den Marburgern mehrheitlich abgelehnt, aber man hat sich das dann politisch so hingedreht, dass man je nach Straßenzug doch neue Ortsbeiräte gründete. Das fühlt sich nicht nur komisch an, sondern verspielt auch Vertrauen der Bürger. Nun gibt es neue Ortsbeiräte und sie bleiben auch, ganz gleich wie ihr Nutzen ist. So ist direkte Demokratie gut gemeint, was ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht ist. Bürgerbeteiligung in Marburg, wo Menschen sich auf dem Niveau eines Kurses an der Uni in Themen einarbeiten müssen, aber letztendlich doch nichts entscheiden dürfen. Und es geht dann auch nicht um Ja oder Nein zum Wohngebiet, sondern nur noch darum, ob man Stein oder Holz als Baumaterial will. Ich will Bürger aber fragen: Tempo 30 am Marbacher Weg, ja oder nein? Windkraft oder nicht? Sowas muss fachlich vorbereitet und begleitet werden, die Vor- und Nachteile aufzeigend. Und dann sollen die Bürger sagen, ob sie das überhaupt wollen und wenn ja, ob Variante A, B oder C.

Sie setzen im Wahlkampf einen Schul- und Bildungs-Schwerpunkt. Die Stadt ist zwar Schulträger, aber sie hat qua Gesetz das Ihnen so wichtige Feld der Lehr-Inhalte nicht in der Hand. Bewegen Sie sich also nicht auf der falschen Ebene?

Selinka: Richtig ist, dass wir als Schulträger in vielen Bereichen außen vor sind. Aber: Es gibt durchaus mehr Möglichkeiten zum Eingriff, zur Gestaltung auch von Dingen jenseits von Gebäude-Wartung und Technik-Bereitstellung. Mir schweben Förderpreise für Schulen vor, also Anreize, sich bei Bildungsangeboten besonders hervorzutun. Das mag sich nach wenig anhören, aber den pädagogischen Wert, den Lern-Erfolg innovativer Projekten kann man kaum überschätzen. Jugendliche bauen ein Floß, einen Klettergarten, lernen dabei nicht nur Fertigkeiten, sondern stärken auch „soft skills“ wie Teamarbeit, Kommunikation, Persönlichkeits-Entwicklung – Dinge, die heute oft wichtiger sind als gute Noten in den Fächern. Als Stadt könnte man, gerade weil es so viele Vereine und Initiativen in Marburg gibt, viele kleine Leuchttürme bauen, die im Leben der Schüler viel bewegen.

Hört sich kleinteilig an.

Selinka: Auf Lehrpläne hat die Stadt keinen Einfluss, aber sie kann durchaus auch in Unterrichts- und Inhaltsfragen Anreize schaffen. Zum Beispiel in der Verbindung zur Berufsorientierung. Das sind dann tatsächlich manchmal nur Kleinigkeiten, wie dem Science-Truck die Standgebühr zu erlassen, statt Geld für den Besuch zu nehmen. Es gibt aber auch größere Brocken, wie die Einstellung von IT-Personal – Spezialisten für Digitalisierung, damit diese nicht mehr nebenherläuft, von den Lehrern irgendwie mitgemacht werden muss. Wir müssen Bildung neu denken und neu vermitteln, Dinge ausprobieren und schauen, ob das den Schülern etwas bringt. Das alles fängt mit einer neuen Bildungskultur an. Die kann, die will ich vor Ort entstehen lassen.

Der Neubau einer Sporthalle, den Sie vor über einem Jahr als Erstes forderten und der im Parlament von der Regierung abgelehnt wurde, findet sich plötzlich in allen Wahlprogrammen. Ärgert Sie so etwas?

Selinka: Auch wenn wir als FDP uns über den Wirkungstreffer freuen, einfach weil der Bau schon seit vielen Jahren nötig und überfällig ist, ist die Sport- oder Multifunktionshalle noch nicht gebaut. Wie beim Stadtautobahn-Tunnel und anderen Dingen, gibt es viele Lippenbekenntnisse. Wäre das Thema dem Magistrat oder den Regierungsparteien tatsächlich wichtig, hätten sie ja nur die Hand heben, bauen, eine Halle zumindest vorplanen können. Natürlich hoffe ich, dass unser Einsatz in der Frage vom Wähler positiv berücksichtigt wird, aber in erster Linie halte ich es für Marburg für richtig und wichtig, dass so eine Halle gebaut wird.

Als FDP konkurrieren Sie maßgeblich mit den BfM, auch mit der neuen Liste „Marburg 24“ und eventuell auch Teilen der AfD, zumindest mit einem zerklüfteten bürgerlichen Lager.

Selinka: Sowohl ich als Person und Kandidat als auch wir als Partei können den Wählern nur ein Angebot machen. Was wir als Liberale wollen, ist zukunftsorientierte und vernünftige Politik. Eine, in der das Argument gewinnt – egal von welcher Seite es kommt. Wenn durch miteinander sprechen eine Situation verbessert, ein Problem gelöst wird, ist das gut. Es muss auch nicht immer die große Vision oder das Großprojekt sein, sondern es können auch kleine, aber eben konkrete Dinge sein. Etwa, für das Mikroklima auf dem Stadthallen-Vorplatz oder dem Firmaneiplatz nicht alles mit Steinen zuzupflastern, sondern Bäume pflanzen, Wasserläufe anlegen. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich nicht auf die politische Konkurrenz schaue und mich bei allem was ich meine und fordere nicht verstelle, sogar ein richtig mieser Schauspieler bin.

Von Björn Wisker

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