Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Traumberuf Sportreporter
Marburg Traumberuf Sportreporter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 12.06.2019
Kicker-Chefredakteur Jörg Jakob. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Oberhessische Presse: Viele Jungs wollen später einmal Sportreporter werden. War das bei Ihnen auch so, oder hatten Sie einen anderen Traumberuf?
Jörg Jakob: Als die Phase vorbei war, dass ich Moto-Cross-Fahrer werden wollte, wollte ich wirklich schon als Schüler Sportreporter werden. Ich habe dann schon als 15-Jähriger als freier Mitarbeiter bei der Dill-Zeitung angefangen, und bin dann mit klopfendem Herzen zu meinen ersten Terminen gegangen, wie zu Fußballspielen in der B-Klasse. Bis heute ist Sportreporter vor allem wegen meiner Affinität zum Fußball mein Traumberuf, auch wenn ich froh bin, dass ich lange auch über andere Themen als Fußballspiele berichtet habe – Mordprozesse, Demonstrationen, typischer Lokaljournalismus.

OP: Sind Sie nach fast 30 Jahren als Sportreporter immer noch Fußballfan, oder haben Sie eine kritische Distanz zum Geschäft rund um den Fußball?
Jakob: Aufgrund meiner jahrelangen beruflichen Beschäftigung mit dem Fußball hat sich vieles relativiert und ich sehe alles etwas mit „gebremstem Schaum“. Als ich für den „Kicker“ zusammen mit zwei weiteren Kollegen über das Champions-League-Endspiel zwischen Liverpool und Tottenham in Madrid berichten durfte, war es so erforderlich wie schade, als langjähriger Freund des FC Liverpool Emotionen zurückhalten zu müssen. Auch als Fußballreporter hat man das Recht auf den Lieblingsverein seiner Jugend. Das ist bei mit seit den 70er-Jahren als deutscher Verein Borussia Mönchengladbach. Trotzdem habe ich als Reporter den Job, alles differenziert zu sehen. Manchmal bedauere ich es, dass ich nicht mit Fanschal mittendrin im Stadion ein Spiel einfach genießen kann.

OP: Zweistellige Millionenbeträge als Kaufsummen für mittelmäßige Kicker, immer mehr Spiele im Pay-TV, undurchsichtige Club-Investoren: Wann platzt die Blase Fußball?
Jakob: Im Prinzip stellt sich diese Frage schon seit 20 Jahren. Aber die TV-Zuschauerquoten werden trotzdem immer besser und die Stadien nicht leerer. Trotzdem müssen wir klar sehen: Fußball ist heutzutage eine Freizeit-Industrie. Und ein wenig gilt der Satz, dass der Fußball sich selbst zu groß geworden ist. Allerdings können zumindest in Deutschland gewisse Auswüchse reguliert werden.So werden jetzt nach den Fanprotesten die Montagsspiele der Bundesliga wieder abgeschafft. Und die diesjährige Cham­pions-League-Saison hat auch gezeigt, dass Geld alleine nicht immer die Tore schießt.

OP: Wie schaffen Sie es beim „Kicker“ angesichts des riesigen Medien-Hypes, der schon um ganz normale Bundesliga-Spiele gemacht wird, und der immer größeren Anzahl von Fußball-Berichterstattern exklusive Nachrichten zu generieren?
Jakob: Eine neue Information hält heute im Zeitalter des Internets im Zweifel nur noch 30 Sekunden lang, dann wird sie auch woanders verbreitet, weil alle online sind. Wenn wir früher beispielsweise exklusiv von einer Trainerentlassung bei einem Bundesliga-Club erfahren hätten, hätten wir es erst exklusiv in einer der beiden gedruckten Ausgaben gebracht. Das müssen wir heute gleich raushauen. Aufheben wäre Quatsch. Exklusive Nachrichten bringen wir beim „Kicker“ aktuell online, exklusiv für alle Kanäle haben wir unsere über Jahre erworbene Kompetenz für besondere Interviews oder Hintergrund-Geschichten.

von Manfred Hitzeroth