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Marburg „Wir sind in einer Einbahnstraße zum Geldverlust“
Marburg „Wir sind in einer Einbahnstraße zum Geldverlust“
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14:59 23.05.2022
Inflation jenseits der sieben Prozent – das Geld der Bürger wird seit Monaten immer weniger wert.
Inflation jenseits der sieben Prozent – das Geld der Bürger wird seit Monaten immer weniger wert. Quelle: Foto: Sven Hoppe
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Marburg

Die Folgen der Corona-Politik, die Inflation samt anhaltender Preissteigerungen und der Ukraine-Krieg belasten Bürger und Firmen im Landkreis Marburg-Biedenkopf finanziell. Im OP-Interview spricht Sparkassen-Chef Andreas Bartsch über aktuelle Entwicklungen und das, was Menschen in der Region noch bevorsteht.

Deutschland stolpert von einer in die nächste Krise, lassen Sie uns also erst mal Bilanz der ersten Krise ziehen. Wie geht es Mittelhessen nach der Corona-Pandemie?

Andreas Bartsch: Die heimische Wirtschaft ist entgegen vieler Befürchtungen – die waren aber nicht völlig unbegründet – sehr gut rausgekommen. Es gab trotz einiger Insolvenzen keinen Pleiten-Tsunami samt Arbeitslosigkeit. Das liegt, speziell bei der Gastronomie sicher an den Corona-Hilfsgeldern, aber vor allem daran, dass viele ansässige Firmen in der Vergangenheit nicht nur gut verdient, sondern vor allem unternehmerisch klug gehandelt haben. Sie haben vor 2020 einen Puffer, Eigenkapital geschaffen, sinnvoll in ihre Fundamente und Zukunft, sei es Technologie oder Personal, investiert. Das hat sich in den zwei Jahren fest- und fortgesetzt, das Bestreben, Mitarbeiter zu halten, war und ist sehr ausgeprägt.

Wie kam die Sparkasse selbst durch?

Andreas Bartsch, Vorsitzender der Sparkasse Marburg-Biedenkopf. Quelle: Foto: Henrik Isenberg

Bartsch: Im Kundengeschäft sind die Pandemiejahre trotz vieler Einschränkungen gute Jahre für uns gewesen, es gab einen merklichen Push im Finanzierungsgeschäft, weil viele sich mit Investitionen in oder um das Eigenheim beschäftigt haben, vom Wintergarten über Renovierung bis zum Neubau. Auch im Bereich Alters- und Vermögensberatung gab es einen Schub. Aber es sind auch zwei extrem anstrengende Jahre für alle Mitarbeitenden gewesen, und man merkt, sicher nicht nur bei uns, sondern bei allen Berufstätigen, dass echte Erholung, Leichtigkeit, alltägliche Normalität fehlt. Es ist sehr wichtig, dass der Ausnahmezustand vorbei ist, hoffentlich nicht wiederkommt.

Die Inflation nimmt Ausmaße an, die man seit Jahrzehnten nicht hatte – wie viel Corona, wie viel Ukraine-Krieg ist bislang bei Energie und Lebensmitteln eingepreist?

Bartsch: Stimmt, seit 1981 hatten wir keine sieben Prozent mehr – und damals gab es auf Bundesanleihen noch zehn Prozent Zinsen, man bekam also auf seine Anlage mehr als einen Inflationsausgleich. Was wir nun erleben, ist ein giftiger Mix, der sich oben auf das Strukturproblem Fachkräftemangel setzt: Chinas Umgang mit Corona, der Zero-Covid-Ansatz, legt Lieferketten lahm. Vor Schanghai stauen sich die Frachter, Containerschiffe und damit Waren, End- oder Vorprodukte, die früher oder später irgendwo fehlen. Das treibt die Preise enorm, vom Solarpanel bis zum Gummireifen. Der Ukraine-Krieg – unter dem so viele Menschen so furchtbar leiden – hat bei dieser Entwicklung nur den Turbo eingelegt, den Aufbau neuer Lieferketten sehr erschwert. Die Energiesituation kommt hinzu, tut ihr Übriges. Die heimische Wirtschaft leidet schon länger unter dem Fachkräftemangel, seit zwei Jahren unter kaputten Lieferketten und nun noch den hohen Energiepreisen. Ein Gas-Embargo wäre ein Worst Case, das so einige auch im Landkreis nicht verkraften würden.

Wie lange und auf welchem Niveau wird uns die Entwicklung begleiten?

Bartsch: So lange, wie es Zeit braucht, um die Energieversorgung, die Lieferanten zu diversifizieren und nicht mehr von nur einem Handelspartner abhängig zu sein, so lange wird uns auch die für Verbraucher sehr ungünstige Preisentwicklung begleiten. Aktuell – und ich prognostiziere noch bis mindestens Ende 2023 – ist es eine Einbahnstraße des fast unsichtbaren Geldverlusts: Die Preise steigen in ganz vielen Lebensbereichen, wir werden noch längere Zeit wohl sechs, sieben Prozent sehen. Und selbst die sicher auch in Europa ab Sommer anstehenden Zinserhöhungen werden – selbst wenn es schrittweise ein, zwei, drei Prozent wären – diese Kostenspirale nicht einfangen, nicht mal stark dämpfen. Solange China seinen Corona-Weg nicht verlässt, aus Zero-Covid aussteigt und sich die Räder der Weltwirtschaft nicht wieder drehen, ist keine wirkliche Besserung in Sicht. Aber: Die Globalisierung ist nicht am Ende, sie wird nur anders und das Wachstum auf gesündere, nachhaltigere Werte sinken.

Das klingt nach einem Euphemismus für Wohlstandsverlust, für „Verzichtet, und ihr werdet glücklich sein“.

Bartsch: Das muss nicht sein, aber klar ist, dass das Wachstum massiv gebremst wird, sich niemand gegen höhere Energie- und Lebensmittelpreise wehren kann und es somit gerade alle mit geringeren, aber auch mittleren Einkommen schwer haben. Das birgt viel sozialen Sprengstoff. Und doch auch eine Chance, um zu gestalten, dass die Folgen der Krisen nicht die Breite der Gesellschaft, sondern eher höhere Einkommen treffen werden. Die Politik muss sich aber auch mal ehrlich machen: Corona-, Klima- und Rüstungspolitik, jetzt auch das 9-Euro-Ticket sind nicht für null Euro zu haben, das Geld muss irgendwoher kommen. Irgendwer muss zahlen. Von Rentenfragen ganz zu schweigen.

Was sagen Sie angesichts der seit Jahresbeginn böse eingeknickten Aktienmärkte heute einem 25-, 30-Jährigen, der 1500, 2000 Euro netto verdient und mit Ihnen über Altersvorsorge sprechen will?

Bartsch: Dem sage ich, dass er später eine zweite Rente brauchen wird und daher monatlich 100, 200 Euro von seinem Gehalt zurücklegen muss. Und zwar nicht auf einem Sparbuch, sondern als Invest in Sachwerte, also ja, auch Aktien und ETF. Wer auf 20, 30, 40 Jahre plant, regelmäßig investiert, kann selbst in Krisen wie jetzt recht entspannt bleiben. Das zeigen auch alle Daten: Aktien, selbst nach starken Abstürzen, fahren langfristig bessere Erträge ein als andere Kapitalanlagen.

In den letzten 10, 15 Jahren haben viele Tausend in Marburg und Umgebung ein Haus gebaut, eine Wohnung gekauft, jedenfalls hohe Kredite aufgenommen. Wie hart wird für sie die Zinserhöhung?

Bartsch: Es wird eine Bremsspur beim Bauen geben. Für Kapitalanleger ist es eigentlich schon wegen der enormen Baupreise zunehmend unattraktiv geworden. Nun wird das Wunschhaus sicherlich für manchen schwerer zu realisieren. In der Beratung sehen wir in den letzten Wochen immer mehr Rückzieher – sicher auch, weil wir ehrlich beraten, Risiken ansprechen. Zur Verdeutlichung des Tempos der Erhöhung: Wer heute eine Baufinanzierung angeht, landet so bei drei Prozent, vor einem Jahr wären es zirka 0,6 Prozent gewesen. Wer einen laufenden Kredit hat, nun eine Anschlussfinanzierung will, dürfte wohl in etwa sein bisheriges Niveau halten. Vor zehn Jahren lag der Zins sogar um ein Prozent höher als aktuell. Was die Wertentwicklung von Immobilien speziell in Marburg angeht: Wohl dem, der in den letzten zehn Jahren hier eine Wohnung oder ein Haus gekauft hat! Und Menschen, die in ihrem Eigenheim leben, tun viel dafür und schränken sich zur Not stark ein, um es zu behalten. Eine Verkaufswelle werden wir also nicht sehen, auch keine platzende Blase. Sehr wohl aber weitere Wertsteigerungen. Um das politische Ziel zu schaffen, jährlich 400 000 Wohnungen zu bauen, wird es großer Anstrengungen bedürfen – und es muss ja erst mal Handwerker geben, die das machen.

Von Björn Wisker

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