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Marburg Philippe Rousselot erhält 20. Marburger Kamerapreis
Marburg Philippe Rousselot erhält 20. Marburger Kamerapreis
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16:46 31.10.2021
Philippe Rousselot hat den 20. Marburger Kamerapreis bekommen.
Philippe Rousselot hat den 20. Marburger Kamerapreis bekommen. Quelle: Fotos: Thorsten Richter, Tobias Hirsch
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Marburg

Der französische Kameramann Philippe Rousselot erhielt am Samstag (30. Oktober) bei einer feierlichen Verleihung den 20. Marburger Kamerapreis. Im Vorfeld sprach die OP mit dem Preisträger über seine Arbeit.

Zuallererst herzlichen Glückwunsch zum Marburger Kamerapreis und willkommen in Marburg! Sie haben in Ihrer Karriere viele Preise gewonnen, darunter einen Oscar, mehrere Césars und nun den Marburger Kamerapreis. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?

Ein Preis ist kein Beweis dafür, dass man besonders toll ist, sondern ein Beweis dafür, dass die Leute sehen und gesehen haben, was man gemacht hat. Es ist sehr erfreulich, dass es Menschen gibt, die bemerken, dass ich etwas gemacht habe. Der Marburger Kamerapreis gibt einem die Möglichkeit, Menschen, Studierende und Kinointeressierte zu treffen. Er erlaubt es, Filme auf einer großen Leinwand zu zeigen. All das, dieses große Ganze, finde ich gut. Man vergibt den Preis auch nicht nur an mich, sondern man verleiht ihn für und an den Film, an alle Teams, die mit mir gearbeitet haben. Es ist nicht richtig, immer „ich, ich, ich“ zu sagen.

Der französische Kameramann Philippe Rousselot erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Marburger Kamerapreis 2020. Rousselot ist unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Tim Burton, Guy Ritchie oder David Yates bekannt und gewann 1992 einen Oscar. Uni-Präsidentin Dr. Katharina Krause und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies überreichten den Preis im Cineplex in Marburg. Quelle: Tobias Hirsch

Sie arbeiten seit Jahrzehnten in der Filmbranche. Was macht die Arbeit so besonders, dass Sie sich noch immer dafür interessieren und in dieser Branche weiterarbeiten?

Ich arbeite in dieser Branche, weil ich nicht weiß, was ich sonst machen sollte. Ich weiß nicht, wie man ein Möbelstück baut. Ich weiß nicht, wie man ein Haus baut. Ich bin nicht imstande, Klempnerarbeiten durchzuführen. Der Medizinbereich wäre eine Katastrophe. Ich kann keine Sprache unterrichten. Was mich an diesem Beruf interessiert, ist der Beitrag, den man für eine Filmproduktion leistet. Für mich ist das das zentrale Element. Was kann man zu einem Film beitragen, das jemand anderes vielleicht auch anders machen würde? Hinzu kommt natürlich der visuelle Aspekt. Meine Kollegen und ich sind Menschen der Bilder, das heißt der Fantasie, der Vorstellungskraft, der Imagination.

Sie haben sehr viele Filme gemacht. Gibt es Dreharbeiten, an die Sie sich besonders erinnern?

Ich habe nicht gerade wenig Filme gemacht. Aber es gibt Kollegen, die in der gleichen Zeit deutlich mehr gemacht haben. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Dreharbeiten des Films „Der Smaragdwald“. Die Erinnerungen gehen aber mit sehr persönlichen Dingen einher. Dazu gehören zum Beispiel die Orte, an denen man gedreht hat. Der Amazonasregenwald ist ein ungewohnter Ort. Hinzu kommen auch die Begegnungen, die man während der Dreharbeiten gemacht hatte.

Während Ihrer langen Karriere haben Sie mit sehr bekannten Regisseuren wie Tim Burton („Planet der Affen“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“) und Guy Ritchie („Sherlock Holmes“) sowie mit berühmten Schauspielern wie zum Beispiel Johnny Depp und Brad Pitt gearbeitet. Ist das für Sie zur Gewohnheit geworden, mit bekannten Personen zu arbeiten?

Das ist mir komplett egal. Mir ist egal, ob jemand bekannt ist oder nicht. Ich habe auch keine Lust, von jedem gekannt zu werden. Mit der großen Mehrheit der Schauspieler hatte ich ein gutes Verhältnis. Ich schätze die Leute im Rahmen ihrer Arbeit. Aber ich habe keine Meinung über ihr Leben oder wie sie persönlich als Mensch sind. Ich beurteile die Leute nicht.

Auf einer Bühne, bei einem Drehort herrscht eine relativ große Nähe und Vertrautheit zwischen den Menschen. Aber sie endet an der Tür des Studios. Mit manchen tauscht man sich gar nicht aus und mit anderen unterhält man sich, man lacht zusammen, manchmal isst man mit ihnen zusammen. Das kommt vor. Aber wenn der Film zu Ende ist, hört das komplett auf. Es ist also eine Nähe, aber eine falsche Nähe.

Schauen Sie Ihre eigenen Filme beziehungsweise die Filme, an denen Sie mitgewirkt haben?

Ich würde ja und nein sagen. Wenn der Film gezeigt und besprochen wird und Fragen gestellt werden, dann ja. Wenn der Film einmal gedreht ist, kommen die Schnitt- und Tonarbeiten.

Am Ende dieser Arbeiten kommen die sogenannten Farbanpassungen. Das heißt, man schaut den Film und korrigiert die Farben zum Beispiel im Kontrast. Das macht man ungefähr acht bis zehn Stunden pro Tag für drei Wochen. Danach kennt man den Film auswendig. Und um ehrlich zu sein, am Ende weiß man nicht mehr, wie man heißt. Danach schaut man ihn nochmals mindestens zwei oder drei Mal von Anfang bis Ende. Für die nächsten zehn Jahre möchte man nichts mehr darüber hören.

Philippe Rousselot bekam den 20. Marburger Kamerapreis. Quelle: Thorsten Richter

Vor gut einer Woche starb die Kamerafrau Halyna Hutchins am Set vom Film „Rust“ durch einen Schuss von Alec Baldwin. Was denken Sie als Kollege über diesen schrecklichen Vorfall?

Das ist eine ganz schreckliche Geschichte. Das hätte niemals passieren dürfen. Niemals. Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Ich möchte nicht sagen, die Leute dort hätten dies oder jenes machen sollen oder nicht. Das einzige, was ich sagen kann, ist, dass die Dreharbeiten bei einem Film wie eine Baustelle sind. Es sind Orte, die potenziell gefährlich sind.

In den letzten Jahren gab es, vor allem von Gewerkschaften und Studios, große Bemühungen in Sachen Sicherheit. Daher verwundert mich das, was bei diesem Film passiert ist. Das ist nicht normal. Vor zwei Jahren habe ich den Film „Without remorse“ in Berlin gemacht. Dabei wurden unzählige Schüsse abgegeben. Wir hatten extrem verantwortungsbewusste Leute, in die ich komplettes Vertrauen hatte. Wir haben uns an die Anweisungen gehalten. Wir hatten keinen einzigen Unfall. Wir hatten ein Sicherheitsprotokoll und ich weiß nicht, wie es zu einem Unfall hätte kommen können. Deshalb lässt mir das, was dort bei den Dreharbeiten passiert ist, die Haare zu Berge stehen. Ich hoffe, dass es Konsequenzen geben wird. Es war eine junge Frau, die schon eine große Kamerafrau war.

Kurzvita Philippe Rousselots

Philippe Rousselot wurde 1945 im französischen Briey geboren. In den 1960er Jahren studierte er Film an der École nationale supérieure Louis-Lumière in Paris. In seinen fast 50 Jahren als bildgestaltender Kameramann hat er circa 70 Filme gedreht. Dazu gehören unter anderem „Phantastische Tierwesen“, „Sherlock Holmes“, „Charlie und die Schokoladenfabrik“ und „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“. Für letzteren erhielt er einen Oscar.

Von Lucas Heinisch

31.10.2021
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