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Marburg Internet-Rowdys zertrümmern Toiletten
Marburg Internet-Rowdys zertrümmern Toiletten
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08:58 28.05.2022
Die WC-Anlage am Oberstadtaufzug wurde zerstört, Oliver Kutsch vom Hochbauamt der Stadt zeigt die Schäden.
Die WC-Anlage am Oberstadtaufzug wurde zerstört, Oliver Kutsch vom Hochbauamt der Stadt zeigt die Schäden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Schwarzer Ruß bedeckt jeden Zentimeter des Raums. Auf dem Boden liegen zerbrochene Kacheln, wo einst das Waschbecken war, klafft ein Loch. Die Türen sind verbogen, Leitungen beschädigt, ein stickiger Geruch hängt in der Luft, die Toiletten sind unbenutzbar – die WC-Anlage am Oberstadtaufzug wurde vor wenigen Tagen von Unbekannten zerstört, dann in Brand gesetzt. Die öffentliche Anlage ist nur das neueste Objekt einer in Marburg tobenden Vandalismus-Welle.

„Das ist der Gipfel dessen, was wir bislang an Zerstörungswut erlebt haben“, sagt Antje Kröpelin von der städtischen Gebäudewirtschaft. „Das geht weit über einen Dumme-Jungen-Streich hinaus, das ist blinder Vandalismus“, sagt sie, als sie auf den gespaltenen Fließen steht und das Schadensausmaß betrachtet.

Jedoch scheint die Zerstörung nicht blind, sondern knallhart kalkuliert gewesen zu sein. Denn deutschlandweit kommt es seit einigen Monaten zu immer mehr Fällen von Brandstiftung auf öffentlichen Toiletten, meist an Schulen. Es deutet vieles darauf hin, dass es auch in Marburg um einen TikTok-Trend geht: In dem sozialen Netzwerk sind „Devious Licks“ angesagt. Jugendliche filmen sich bei Sachbeschädigungen, speziell bei Brandstiftung in Toiletten.

„Neue Dimension von Vandalismus“

Sie prahlen im Internet – mitunter vor Millionenpublikum – damit, wie sie absichtlich Toilettenpapier oder Handtücher in Toiletten anzünden, ganze Einrichtungen zerlegen. Etwas, das laut Stadtverwaltung in den vergangenen Wochen immer wieder vorgekommen sein soll: In verschiedenen Schulen wurden Dutzende Kloschüsseln, Toilettenbrillen, Papierspender, Spiegel und Türen herausgerissen, zerstört, gezielt Wasserbecken verstopft. Die Polizei ermittelt in allen Fällen.

„Die Dimension, die wir nun erleben, ist neu“, sagt Kirsten Dinnebier (SPD), Stadträtin. Dabei sind Zustand und vor allem Aussehen einiger öffentlicher Toiletten in der Universitätsstadt schon seit Jahren ein Thema. Graffiti, Schmierereien, Kritzeleien, mitunter übel riechende Hinterlassenschaften – die WCs etwa im Ludwig-Schüler-Park oder Trojedamm, ebenso einige Sanitäranlagen an der Philipps-Universität sind seit langem Problem-Punkte, die in der Kritik stehen. Zuletzt gab es 2018 einen entsprechenden Aufschrei des Kinder- und Jugendparlaments.

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Öffentliche WC-Anlage in Weidenhausen. Quelle: Thorsten Richter

„Es stimmt: Viele öffentliche WCs sind keine Schönheiten. Aber wir können sagen: Sie funktionieren und wir halten sie so sauber und hygienisch, wie es geht“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Doch wie jemand das stille Örtchen hinterlasse und andere es auffinden, liege letztlich an jedem selbst. Die Kosten für Reinigung, Schäden, nun gar Wiederaufbau von WC-Anlagen steige immer weiter, es seien nun zehntausende Euro nötig. Dass es auch anders geht und Situationen sich bessern können, erklärt Oliver Kutsch, Fachdienstleiter im Bauamt, anhand der Entwicklung in den meisten Schulen. Nach Jahren von Vandalismus und Verfall hätte man seit dem Umbau vieler Sanitäranlagen dort deutlich weniger Probleme. „Mit Einbau hochwertiger Materialien und einer freundlichen Gestaltung kann man schon ein Maß an Prävention erreichen. Aber am Ende ist es eine Bewusstseinsfrage, ob man den Wert von Allgemeingut erkennt oder nicht.“

WC im Ludwig-Schüler-Park. Quelle: Stefan Weisbrod

Von Videoüberwachung – die es im Aufzugbereich der Aufzüge selbst gibt – vor diesem oder anderen WC-Eingängen hält Spies hingegen nichts. „Kaum umsetzbar, nicht hilfreich, effektive Vorbeugung geht anders.“ Dass man nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit auch verstärkt auf noch robustere Bauweise setze, liege laut Spies und Kutsch auf der Hand.

Reinigungskosten

Die Reinigung der öffentlichen WC-Anlagen kostete die Stadt Marburg nach eigenen Angaben zuletzt jährlich rund 52 000 Euro – Tendenz mittlerweile deutlich steigend. In dieser Summe sind demnach Material- und Personalkosten sowie die Kosten für Reinigungen durch Fremdfirmen für die acht Anlagen, die nicht vermietet sind, sowie die Materialkosten für die WCs an der Elisabethkirche enthalten.

Quelle: Daten der Stadt Marburg zu öffentlichen Toiletten im Kernstadtbereich / Grafik: Oberhessische Presse

„Ein öffentlich zugängliches Netz an Toiletten ist für viele Menschen eine Erleichterung, für andere eine unverzichtbare Infrastruktur“, sagt Spies zu einem seit etwa eineinhalb Jahren bestehenden Angebot „Nette Toilette“. Alle Menschen können seitdem die zu Lokalen gehörenden Toiletten kostenlos nutzen, ohne etwas in dem Lokal zu konsumieren. Aktuell nehmen nach Angaben der Stadt etwa zehn Gastro-Betriebe teil, die mit Aufklebern gekennzeichnet sind. Die Idee hatte die Marburger Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe, doch nun mit dem längerfristigen Ausfall des Oberstadtaufzug-WCs könnte die „Nette Toilette“ rund um die Lahnpassage für viele Menschen wichtig werden.

Von Björn Wisker

27.05.2022
27.05.2022