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Marburg Gewalt ist keine Privatsache
Marburg Gewalt ist keine Privatsache
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07:58 25.11.2020
Ein Schaufenster am Kaufhaus Ahrens in Marburg ist zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" dekoriert.
Ein Schaufenster am Kaufhaus Ahrens in Marburg ist zum „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen" dekoriert. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Gewalt hat viele Gesichter, hat viele Facetten. Auch wenn die Polizeiliche Kriminalstatistik im ersten Corona-Lockdown (März, April 2020) im Vergleich zum Vorjahr sagt, dass die häusliche Gewalt in Corona-Zeiten nicht zugenommen hat, zeigen die Zahlen, dass die Übergriffe nicht gesunken sind.

Polizeihauptkommissarin Ruth Eismann ist Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Sie weiß, dass jede dritte Frau von sexueller oder körperlicher Gewalt betroffen ist und, dass jede vierte Frau in ihrem Leben einmal Opfer von häuslicher Gewalt wird.

Welche Formen der häuslichen Gewalt gibt es?

Wir unterscheiden in vier Formen der häuslichen Gewalt. Die leider am weitesten verbreitete Form der Gewalt ist die körperliche Gewalt. Sie umfasst alle Formen von Misshandlungen: schlagen, schütteln, stoßen, treten, boxen, mit Gegenständen werfen, an den Haaren ziehen, mit den Fäusten oder Gegenständen prügeln, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, beispielsweise mit Zigaretten verbrennen, Attacken mit Waffen, bis hin zum Mordversuch oder Mord. Eine weitere Form ist die sexuelle Gewalt. Dazu zählen Nötigung zu sexuellen Handlungen, sexueller Missbrauch und die Vergewaltigung. Neben diesen brutalen Gewaltformen zählen auch subtilere Gewaltformen wie Ausgrenzung, Herablassung oder Bevormundung dazu. Das Opfer wird bei der Tat erniedrigt, deshalb ist sexuelle Gewalt kein Ausdruck unkontrollierter Triebe, sondern in erster Linie ein Machtmissbrauch. Die dritte Form, die wir als Polizei unterscheiden, ist die psychische Gewalt. Damit ist beispielsweise die soziale Isolation durch den Ehemann oder Partner gemeint, die Androhung von Gewalt, aber auch die Androhung der Partnerin beispielsweise die gemeinsamen Kinder zu entziehen. Psychische Gewalt beschreibt also alle Formen der emotionalen Schädigung und Verletzung einer Person. Dazu zählen Einschüchterungen, aggressives Anschreien, Verleumdungen, Drohungen und Demütigungen bis hin zu Psychoterror. Die vierte Form ist die ökonomische Gewalt. Beispiele dazu sind, wenn Frauen verwehrt wird, eine bezahlte Arbeit aufzunehmen, oder der Partner alle Ausgaben kontrolliert.

Sind Frauen aus bildungsfernen und einkommensschwachen Schichten besonders betroffen?

Nein! Weder Bildung noch Status bieten Schutz vor häuslicher Gewalt. Gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, können Kurzarbeit, häusliche Isolation oder finanzielle Sorgen zur Belastung werden. Hinzu kommen möglicherweise die Kinderbetreuung oder das Home-Schooling. Das kann zu einer Verschärfung der Konflikte führen. Somit steigt auch das Risiko der häuslichen Gewalt. Die eigenen vier Wände sind dann kein Ort der Sicherheit mehr – weder für die Frau noch für die Kinder, solange der Täter nicht die Wohnung verlassen hat. Wenn Kinder die Konflikte und auch die Gewalt hören, dann ist auch ihr Wohl gefährdet. Noch schlimmer wird es, wenn sie zuschauen müssen oder sogar zwischen die Fronten geraten.

Wie können Nachbarn, Freunde oder Fremde helfen? Sollten sie sich überhaupt einmischen?

Eine Gewalthandlung ist eine Straftat – egal zwischen wem. Deshalb sollte niemand Angst davor haben, sich einzumischen. Dabei ist es aber ganz wichtig, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, eine körperliche Nähe ist also zu vermeiden. Nachbarn, die Schreie oder Poltern hören sollten das nicht ignorieren. Spaziergänger, die durch das beleuchtete Fenster Gewalt sehen, sollten nicht einfach weitergehen. Der Nachbarin in einem ruhigen Moment Unterstützung anbieten, kann eine große Hilfe sein. Auch wenn sie sich erst einmal zurückzieht, setzt auf jeden Fall ein Denkprozess ein. Und das Wichtigste: Sie hat eine Hand gereicht bekommen. Wenn sich dann die Beobachter noch als Zeugen stellen, dann leisten sie einen ganz wichtigen Beitrag und helfen der Frau, die Gewalt erfahren hat. Lieber einmal mehr die 110 wählen, als einfach wegzusehen und sich nicht einzumischen.

Was sollten Frauen machen, die Gewalt erfahren haben?

Ich möchte Frauen dazu ermutigen, sich Hilfe zu holen. Bei einer akuten Gefährdung sollten sie die 110 wählen. Und sie sollten vor allem eines nicht machen: sich einreden, dass sie Schuld sind. Sie sind nicht Schuld daran. Viele Frauen haben Angst, dass sie nicht ernst genommen werden, wenn sie über ihre Gewalterfahrungen sprechen. Hier bei der Polizei gibt es speziell geschulte Beamte, die die Ermittlungen durchführen. Es besteht aber auch die Möglichkeit einer Online-Anzeige. Wichtig ist, dass Beweise frühzeitig gesichert werden. Auch wenn deren Sicherung und auch die Befragung unangenehm sind – aber das, was die Frau sagt, ist entscheidend für die Ermittlungen. Auf Wunsch werden die Frauen von uns auch danach weiter informiert oder wir stellen Kontakte zu Hilfseinrichtungen her. Es muss ein Umdenken stattfinden. Denn es wäre förderlich, wenn nicht die Opfer, sondern die Täter ihren Ruf wiederherstellen müssten.

Von Katja Peters

Orange-Aktion vorm EPH

Marburg wird in dieser Woche auf das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen hinweisen, die im Alltag oft verschwiegen wird. Der Zonta Club Marburg engagiert sich mit seinem internationalen Netzwerk. Die Aktionen in der Signalfarbe Orange soll mahnen, dieses Problem täglich im Blick zu behalten. Das Kaufhaus Ahrens hat bereits für die Initiative Schaufenster orange dekoriert. Das Cineplex wird sich anschließen.

Das orange angestrahlte Erwin-Piscator-Haus ist am 25. November von 17 bis 19 Uhr Treffpunkt der Hauptaktion „NEIN zur Gewalt gegen Frauen!“ unter strenger Einhaltung aller coronabedingten Sicherheitsvorschriften. Unter anderem hat das Bewohnernetzwerk für Soziale Fragen. eine Bauwagen-Ausstellung vorbereitet. Landrätin Kirsten Fründt und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies werden Videobotschaften senden. Auch sie werden mit Nachdruck zum Hinschauen auffordern.

In Kooperation mit internationalen Hilfsorganisationen, wie UN Women, Unicef oder Terre des Femmes, engagieren sich bei Zonta 30.000 Mitglieder in 67 Ländern weltweit dafür, die Lebenssituation von Frauen und Mädchen in jeder Hinsicht zu verbessern. Internationale Projekte richten sich nachhaltig beispielsweise gegen Genitalverstümmelung oder Zwangsehen. Auch regional setzt der Zonta Club Marburg Zeichen im Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen, indem er regelmäßig unter anderen das Frauenhaus oder den Frauennotruf Marburg finanziell unterstützt.

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