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Marburg Ist das noch Bier?
Marburg Ist das noch Bier?
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11:13 05.08.2022
Jörg Schäfer von der Braumanufaktur Schäfer aus Gladenbach-Mornshausen.
Jörg Schäfer von der Braumanufaktur Schäfer aus Gladenbach-Mornshausen. Quelle: Lucas Heinisch
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Marburg/Mornshausen

Allein der Gedanke an ein kühles Bier versetzt einen in Feierabendlaune: Pflump, zisch … aaah! Von einem leichteren Hellen über ein kräftiges Pils bis hin zum fruchtigen, mit Zitrusnoten gebrauten India Pale Ale als Craft-Bier: Beim Bier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Selbst einen Internationalen Tag des Bieres gibt es, und der ist an diesem Freitag. Moment mal: fruchtiges Bier mit Zitrusnoten? Craft-Bier? Entspricht das überhaupt noch dem Reinheitsgebot?

„Um etwas Bier nennen zu können, muss für mich als Basis der Brauprozess vorhanden sein“, sagt Jörg Schäfer. „Wenn der Grundprozess ein Brauprozess ist, dann kann man von Bier sprechen.“ Im Gladenbacher Stadtteil Mornshausen stellt Schäfer in seinem Keller in kleinen Mengen Craft-Bier her, also handwerklich gebrautes Bier. Pro Jahr füllt er rund 2 500 Flaschen ab – von Hand. „Ich würde das als Nanobrauerei bezeichnen“, sagt Schäfer, der hauptberuflich Polizeibeamter ist, mit einem Lachen.

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Wie braut man überhaupt Bier?

Das Craft-Bier

Jeder hat es schon einmal gehört, doch was ist überhaupt Craft-Bier genau? Dazu erklärt Nina Göllinger vom Deutschen Brauer-Bund: „Craft bedeutet nichts anderes als Handwerk. Da sich fast alle deutschen Brauereien – große wie kleine – der über Jahrhunderte überlieferten handwerklichen Tradition des Bierbrauens nach dem Reinheitsgebot von 1516 verpflichtet sehen, ist streng genommen jedes unserer Biere ein Craft-Bier.“

Im Volksmund versteht man unter Craft-Bier eher selbstgebrautes Bier aus einer kleinen privaten Brauerei. Es hat einen besonderen Charakter und ist häufig teurer als ein industriell gefertigtes Bier. „Die speziell ausgewiesenen Craft-Biere haben höchstens ein Prozent Marktanteil an der Gesamtbierproduktion in Deutschland und Europa“, sagt Göllinger. Für Jörg Schäfer, der sich seit gut zehn Jahren mit dem Brauen beschäftigt, ist sein Hobby ein „handwerklicher, kreativer Ausgleich“ zum Alltag.

Schäfer selbst braut grundsätzlich nach dem Reinheitsgebot. „Mit den Grundzutaten Malz, Hefe, Hopfen und Wasser kann man variieren“, sagt er. „Man dreht etwas an den Stellschrauben. Es gibt zum Beispiel so viele verschiedene Sorten Hopfen. Das ist spannend und nie gleich“, erklärt er begeistert. Gleichzeitig sagt der „Brauonkel“ – wie er sich nennt – aber: „Auch wenn man kreativ sein kann, das Reinheitsgebot limitiert etwas.“ So verweist Schäfer zum Beispiel auf das Nachbarland Belgien. Das dortige Witbier – ähnlich zum deutschen Hefeweizen – nenne man auch Bier, obwohl für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Zutaten verwendet werden und es nicht dem Reinheitsgebot entspreche. „Da sind Koriander und Orangenschalen drin“, erklärt der 47-Jährige. „Im Sommer ist das Bier richtig erfrischend.“

Erfrischend ist auch alkoholfreies Bier. „Vor allem bei hohen Temperaturen ist das eine super Alternative“, sagt Schäfer. „Man tut dem Körper mit dem isotonischen Getränk etwas Gutes.“ Und: Alkoholfreies Bier ist auch nach dem Reinheitsgebot gebraut.

So viel Bier wird produziert

Die vier größten Bierproduzenten im vergangenen Jahr waren China mit 36 Milliarden Litern vor den USA mit 20,4 Milliarden, Brasilien mit 14,3 Milliarden und Mexiko mit 13,5 Milliarden Litern. Russland lag mit 8,2 Milliarden Litern auf Rang sechs der weltgrößten Bierproduzenten, knapp hinter Deutschland auf Rang fünf, das laut BarthHaas, dem weltgrößten Hopfenspezialisten aus Nürnberg, auf 8,5 Milliarden Liter kam.

„Wie die gesamte Weltwirtschaft ist auch die Braubranche schwer von den Folgen des Ukraine-Kriegs getroffen“, sagte BarthHaas-Geschäftsführer Peter Hintermeier. In Russland und der Ukraine würden rund fünf Prozent der Weltbierproduktion gebraut.

 

Die Weltbierproduktion wird im laufenden Jahr voraussichtlich sinken. BarthHaas geht von einem Rückgang in der Dimension von einem halben bis einem Prozent aus, wie Hintermeier erklärte.

Mehr als eine Million Variationen möglich

Schäfer selbst habe innerhalb von fünf Jahren zirka 1 900 verschiedene Biere von überall probiert. Das hört sich viel an, aber: Nach Zahlen des Deutschen Brauer-Bundes gibt es allein in Deutschland schätzungsweise rund 7 000 verschiedene Biermarken. Dazu trage auch das Reinheitsgebot bei, meint Nina Göllinger, Pressesprecherin des Brauer-Bundes. „Gerade wegen des strengen Reinheitsgebotes und der Selbstbeschränkung auf nur vier natürliche Zutaten konnte sich in Deutschland über Jahrhunderte eine weltweit einmalige Braukunst entwickeln: Aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe entsteht in zirka 1 500 Braustätten eine einzigartige Geschmacksvielfalt.“

Den Trend zu Craft-Bieren sehe man als sehr positiv an. „Mit ihren kreativen Ideen und neuen Varianten der bekannten Rohstoffe gelingen sehr genussvolle und überraschende Kompositionen“, sagt Göllinger. Mehr als eine Million verschiedene Biere könne man laut Brauer-Bund mit den bekannten Zutaten nach dem Reinheitsgebot brauen.

Von Lucas Heinisch

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