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Marburg Internationale Wochen gegen Rassismus
Marburg Internationale Wochen gegen Rassismus
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20:15 09.03.2020
Daoud Oman lebt seit sieben Jahren in Marburg und trifft sich regelmäßig im interkulturellen Begegnungszentrum „Kerner“ am Lutherischen Pfarrhof mit seinen Landsleuten. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Es braucht mehr Leute, die sich trauen“, sagt Daoud Oman. „Denn was man will, das erreicht man auch“, weiß er aus Erfahrung. Aber er kennt auch den Schlüssel für mehr Mut: die Sprache. „Die Sprache ist das größte Problem“, sagt der 26-jährige gebürtige Somalier. Als er nach mehreren Monaten Flucht, auf denen er zwei Wochen nichts zu essen und nur sehr wenig zu trinken hatte, in Deutschland ankam, schlug er sich auf Englisch durch. Und er stellte viele Fragen, wollte alleine klar kommen, das neue Land und die Menschen verstehen. Unterstützung bekam er von vielen, vor allem aber von Karin Hofmann. Immer wenn er nicht weiter wusste, fragte er sie. „Wo kann ich die Sprache lernen?“, war eine davon. Sie schickte ihn zum Familiencafé in die Familienbildungsstätte. „Ich verstand kein Wort“, sagt Daoud Oman und muss lachen.

Daoud Oman lebt seit sieben Jahren in Marburg

Aber er gab nicht auf, besuchte Sprachkurse und knüpfte Kontakte. Heute, nach sieben Jahren in Marburg, wird er auf der Straße schon erkannt, hält mit Marburgern Small Talk. „Das gibt es nicht, wenn man nur unter Gleichgesinnten ist“, sieht er das Verweigern mancher seiner Landsleute kritisch. Er weiß, dass sie Angst vor dem Neuen haben, dass sie Angst vor Missverständnissen haben und sie sich deshalb nicht trauen, ihre geschützten Räume zu verlassen. Genau diese besucht Daoud Oman immer wieder. Kommt mit ihnen ins Gespräch, erzählt ihnen, wie er es geschafft hat, in der für ihn fremden, neuen Gesellschaft anzukommen. „Wir leben hier und sind auch ein Teil der Stadt. Aber nicht die Stadt muss sich für mich verändern, sondern ich muss das tun. Das versuche ich meinen Landsleuten klarzumachen.“ Diese treffen sich regelmäßig im interkulturellen Begegnungszentrum „Kerner“ am Lutherischen Pfarrhof. Auch dort hat man das Ziel, die unterschiedlichen Gruppen, die sich treffen, untereinander zu vernetzen, ihnen Hilfestellungen zu geben, sich in der Stadt besser zurechtzufinden. Auch deswegen ist das Begegnungszentrum wieder bei den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ dabei, organisiert es sogar federführend.

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Mit gutem Beispiel voran

Daoud Oman geht mit gutem Beispiel voran. Er hat eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer gemacht und diese auch bestanden. Als das Angebot kam, sich zum Altenpfleger umschulen zu lassen, griff er zu. „Vor der schriftlichen Prüfung habe ich ein bisschen Angst“, ist er ehrlich. Denn obwohl er schon sehr gut deutsch spricht, „Schreiben ist doch noch etwas anderes“. Aber er gibt nicht auf. Auch nicht, wenn es um die Heirat mit seiner Frau geht, die er in Marburg kennengelernt hat. „Das ist mein nächstes Projekt“, gibt er sich kämpferisch. Denn die Hochzeit scheitert nur an Bürokratiehürden, die er nicht verstehen kann.

Offiziell dauern die Internationalen Wochen gegen Rassismus vom 16. bis zum 29. März, aber in Marburg wird die Kampagne mit mindestens sechs Veranstaltungen im April und acht weiteren im Mai fortgesetzt. „Uns ist es wichtig, ein gemeinsames Zeichen gegen Vorurteile und Missstände in der Gesellschaft zu setzen. Jede Form von Diskriminierung und Ungleichbehandlung ist ein Angriff auf unsere Menschenrechte“, sagen die Organisatoren aus dem Interkulturellen Begegnungszentrum Kerner und ergänzen: „Besonders in Zeiten des erstarkenden Rechtsextremismus möchten wir zeigen, dass Hass, Verachtung und Rassismus nicht mehrheitsfähig sind.“

Von Katja Peters

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Die Stadt Marburg ​mit dem Ausländerbeirat, das hessische Ministerium für Soziales und Integration sowie das Netzwerk Pfarrkirche mit dem Kerner haben das dreiwöchige Programm mit dem Motto „Gesicht zeigen – Stimme erheben!“ auf die Beine gestellt. Vorträge, Kinovorstellungen, Theater, Stolperstein- und Fotoaktionen sind geplant. Am Samstag, 28. März, ist die Verleihung des Jugendkulturpreises in Kirchhain. Noch bis zum 15. März können Jugendliche bis 18 Jahre ihre Beiträge einreichen. 

Weitere Informationen dazu gibt es unter www.kreisjugendparlament.de

Termine:

Mittwoch, 11. März​, 18 Uhr im Kerner: Erzählcafé zum Thema: Alltagserfahrungen von Rassismus in Marburg. 

Samstag, 14. März​, 10 Uhr: Ausflug zur „Bildungsstätte Anne Frank“. 

Montag, 16. März, Dienstag, 17. März, Mittwoch, 18. März​, 20 Uhr Waggonhalle: Theaterstück „Upside Down“. 

Samstag, 21. März​, Graffiti-Aktion im gesamten Landkreis vom Kreisjugendparlament. 

Sonntag, 22. März​, 15 Uhr Haus der Jugend, Frankfurter Straße: Stolpersteinaktion „Sichtbar Machen“. Ab 17 Uhr, Kerner: Offener Kerner. 

Dienstag, 24. März​, 9 Uhr Kita „Die kleinen Strolche“, St. Martin-Straße 16: Fotoaktion „Wir leben Gemeinschaft“. 

Donnerstag, 26. März​, 9 Uhr Rathaus: Workshop „Kommunale Flüchtlingsaufnahme“. 

Samstag, 28. März​, Alfred-Wegener-Schule, Kirchhain: Jugendkulturpreis „Kultur verbindet“.

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