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Marburg Kommunikation ist besser als Toleranz
Marburg Kommunikation ist besser als Toleranz
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15:00 22.03.2019
Emel Zeynelabidin hält nichts von einem staatlichen Kopftuchverbot. Das wäre für sie Bevormundung und im weitesten Sinne sogar Ideologie. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Sie sagt selbst, dass sie aus „verwöhnten Verhältnissen“ stammt. In Istanbul geboren und in Deutschland aufgewachsen, war für sie das Tragen des Kopftuches ein Teil der Religionspraxis. Mit Beginn­ der Pubertät gehört diese ­Bekleidungsregel zum kollektiven Glauben dazu. „Heutzutage sollte den jungen Mädchen unbedingt freigestellt sein, ob sie das Kopftuch tragen möchten oder nicht. Wenn man damit einmal beginnt, dann ist das Ablegen sehr schwer und führt auch zu Problemen in der religiösen Gemeinde“, erklärt Emel Zeynelabidin.

Zur Person

Emel Zeynelabidin ist die Tochter einer türkeistämmigen Mutter und des aus dem Irak stammenden Chirurgen Dr. Yusuf Zeynel Abidin. 30 Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Deutschland als praktizierende Muslimin und trug auch das Kopftuch. Emel Zeynelabidin war in Berlin ehrenamtliches Vorbild in der islamischen Gemeinde, gründete den 1. Islamischen Kindergarten und die 1. Islamische Privatschule.

Emel Zeynelabidin hat nach ihrem Abitur geheiratet und bekam sechs Kinder. 2005 legte sie nach einem intensiven Prozess der Auseinandersetzung mit den islamischen Quellen ihre Kopfbedeckung ab und ging in die Öffentlichkeit. 2006 ließ sie sich zur Kommunikationsmanagerin ausbilden. Im April 2007 erhielt sie den Lutherpreis, im Oktober 2016 wurde Emel Zeynelabidin mit dem Frauenbrücke-Preis in Potsdam ausgezeichnet.

Sie hat es abgelegt, als erwachsene Frau, obwohl sie 30 Jahre nichts anderes kannte. Danach stieß sie auf Unverständnis und Ablehnung. Früher galt das Kopftuch auch als eine persönliche Angelegenheit der Frau.Heute gilt es immer mehr als soziales und politisches Identifikationsmerkmal. „Die aktuellen politischen Entwicklungen erfordern eine hohe Sensibilität im Umgang mit diesen Frauen, denn unter jedem Kopftuch steckt auch ein Mensch“, betont Emel Zeynelabidin.

Sie bedauert es, dass viele­ muslimische Frauen, die ein Kopftuch aus Überzeugung tragen, nicht über die Nachteile reden. Und die gibt es nun einmal. Denn wer so öffentlich seine Religion lebt, der muss „ständig einen Spagat zwischen dieser und der Welt, in der er lebt, vollführen“, ist sich die Marburgerin sicher. Ein regelrechter Dauerkonflikt, „der sowohl von der Gesellschaft, aber auch von muslimischen Männern ernsthafte Beachtung finden muss“, findet die Luther-Preisträgerin.

Alle Religionen haben viele Gemeinsamkeiten

Von einem staatlichen Verbot hält Emel Zeynelabidin nichts. „Alles, was mit Vorschriften für die Privatsphäre verknüpft ist, ist für mich Bevormundung und im weitesten Sinne sogar Ideologie. Ein staatliches Verbot würde viele gläubige Musliminnen in große Identitätskonflikte stürzen“, sagt die Kommunikationsmanagerin. Die Abhängigkeit von der Community ist groß. Aber ist das nicht in allen Religionen so?

Emel Zeynelabidin ist sich sicher, dass es unter allen Religionen dieser Welt viele Gemeinsamkeiten gibt, was das Pflegen von Traditionen, das Leben­ nach den jeweiligen Schriften angeht und vor allem, was deren Auslegung angeht. „Die meisten sind jenseits orientiert. Dabei spielt das Diesseits eine ganz andere Rolle als zum Beispiel für einen nicht religiösen Menschen“, hat sie festgestellt und äußert einen Wunsch: „Ich möchte irgendwann über die Werte Gottes im großen Kreis mit Interessierten nachdenken. Schließlich gilt der Koran als Sammlung der Worte Gottes an die ganze Menschheit. “

Und sie möchte, „dass in den Diskussionen um Integration das Wort Toleranz durch Kommunikation ersetzt wird. Toleranz bedeutet ‚etwas aushalten‘ und nicht etwa Respekt kultivieren und nach Kommunikation suchen.“

von Katja Peters