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Marburg Nach bangen Jahren: Asyl-Hoffnung für Flüchtlingsfamilie
Marburg Nach bangen Jahren: Asyl-Hoffnung für Flüchtlingsfamilie
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16:58 18.04.2021
Erst Zwangs-Abschiebung, nun ein gewisses Bleiberecht: Die als Fatima Abidi bekannte Algerierin darf als Familien-Angehörige zur Pflege der mittlerweile schwer kranken Annna Radke, die die 31-Jährige offiziell adoptiert hat, in Marburg bleiben. Mit ihrer drei in Marburg geborenen Kindern und Ehemann Tarek Ramdani, für den der Kampf für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung weitergeht - vor allem mit der Hilfe von Dr. Kurt Bunke, der neue Asylanträge vorbereitet
Erst Zwangs-Abschiebung, nun ein gewisses Bleiberecht: Die als Fatima Abidi bekannte Algerierin darf als Familien-Angehörige zur Pflege der mittlerweile schwer kranken Annna Radke, die die 31-Jährige offiziell adoptiert hat, in Marburg bleiben. Mit ihrer drei in Marburg geborenen Kindern und Ehemann Tarek Ramdani, für den der Kampf für eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung weitergeht - vor allem mit der Hilfe von Dr. Kurt Bunke, der neue Asylanträge vorbereitet Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Lachen. Sie hat beinahe vergessen, wie das geht. Doch jetzt, nach Jahren der Angst, des Drucks, der Ungewissheit, steht sie auf einem Spielplatz im Südviertel und lacht. Die Frau, die alle Marburger seit der gescheiterten Zwangsabschiebung im Januar 2019 als Fatima Abidi kennen, hat nun eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommen. „Ich kann endlich wieder schlafen und ohne Panik vor die Haustüre gehen. Ich spüre, wie ein bisschen Kraft und Energie zurückkommt und es eine Perspektive gibt“, sagt die 31-Jährige.

Radke: „Göttliche Fügung“

Fatima heißt aber seit wenigen Wochen nicht mehr Abidi – sondern Radke. Sie ist, höchstrichterlich bestätigt, seit Kurzem Tochter von Dr. Anna Radke, die die damals Schwangere sowie ihre beiden Kinder und Ehemann Tarek Ramdani vor mehr als zwei Jahren in ihrer Wohnung aufnahm.

Aber es ist nicht die Adoption, die der gelernten Frisörin ein Aufenthaltsrecht in Deutschland, in Marburg verliehen hat. Es ist die Tatsache, dass ihre 79-jährige deutsche Neu-Mutter schwer an Krebs erkrankt und Fatima als eine ihr nahe stehende Pflegeperson anerkannt ist, praktisch nachreisen darf. „Der Krebs ist ein Geschenk. Wenn das also der Preis ist, den ich zahlen muss, um der Familie ein Leben, eine Zukunft zu geben, dann tue ich das gerne“, sagt Radke. „Ich begreife das als göttliche Fügung.“

„Wir haben Chancen auf ein neues Leben“

Sie habe immer gesagt, dass der Kampf für Fatima, Tarek und die mittlerweile drei Kinder zu ihrer Lebensaufgabe geworden sei – „und wenn es das Letzte ist, was ich tue“. Sie werde den Kampf gegen die Krankheit alleine schon deshalb gewinnen, weil an ihrem Überleben, der Pflegebedürftigkeit auch der Aufenthaltstitel der gebürtigen Algerier hängt.

„Ich war so traurig, als sie von der Krankheit erzählt hat“, sagt Fatima Radke. Natürlich habe neben der persönlichen Sorge um die geliebte Ex-Flüchtlingshelferin die Diagnose auch die Abschiebe-Angst nochmal verstärkt. Bis zu einem Tag vor wenigen Wochen, an dem das offizielle Status-Schreiben der Behörden kam – und auch Radkes Genesungsprozess voranschreitet.

Auch Gabriel geht es besser

„Ich habe auf den Brief geschaut, ihn gelesen, aber gar nicht verstanden. Ich habe zwar verstanden, was drin steht. Aber nicht, was es für mich, für uns bedeutet. Das hat sicher 30 Minuten gedauert, dann hat mich pures Glück erfasst.“ Ihr Mann Tarek Ramdani sagt: „Wir haben trotz aller Rückschläge und aller Angst immer Hoffnung gehabt. Aber jetzt fühlt es sich gerade zum ersten Mal so an, als gebe es Licht am Ende des Tunnels und wir haben Chancen auf ein neues Leben.“

Für das Paar das Wichtigste: „Endlich können wir echte Freude empfinden und müssen für unsere Kinder nicht mehr nur funktionieren. Ich spiele mit ihnen und habe Spaß dabei, es gibt mir Kraft statt mir Kraft zu nehmen“, sagt Fatima und hilft Mirel und Maria, das Klettergerüst hinauf zu kraxeln. Seit der Wiederkehr des Lachens der Mutter und des Vaters blühen auch die lange verängstigten, zurückhaltenden Kinder auf. Auch dem – wohl wegen des Abschiebetraumas der Mutter – stumm zur Welt gekommenen Gabriel gehe es besser. „Es fühlt sich gut, es fühlt sich richtig an.“

Neue Dokumente aus Algerien sollen Asyl-Folgeantrag stützen

Zum ersten Mal seit zwei Jahren, eigentlich fast zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Deutschland vor rund zehn Jahren spüre sie eine „befreiende Fröhlichkeit“. Ein Mindestmaß an Lockerheit müsse sie erst noch lernen – so, wie den Pflegeberuf. Denn seit Jahresbeginn strebt sie das an, besucht trotz guter Deutschkenntnisse das „Ausbildungsforum Pflege“ samt Sprachkurs. Ihr Ziel: Im Pflegesektor arbeiten, Geld verdienen und der Familie so zur finanziellen Selbstständigkeit verhelfen.

Tarek Ramdani, der weiterhin keine Arbeitserlaubnis hat, ist bereits seit Jahren von einem heimischen Handwerksbetrieb umworben und könnte ebenfalls den Sprung in die finanzielle Unabhängigkeit schaffen. Er würde auch in der Pflege arbeiten, es fehlt nur die Grundsatz-Erlaubnis vom Staat. „Ich will weder vom Staat noch in einer Parallelgesellschaft leben. Ich will Teil dieser Gesellschaft und frei sein“, sagt er. In der Vergangenheit wurden ihm Straftaten wie Diebstahl und Fahren ohne Führerschein nachgesagt – allerdings wurden einige Delikte fälschlicherweise in die Polizeiakten eingetragen (OP berichtete).

Pilot verhinderte Zwangs-Abschiebung

Im Januar 2019 hätte die damals noch vierköpfige Familie aus Cappel abgeschoben werden sollen. Der Asylantrag war abgelehnt worden. Fatima Abidi legte eine Bescheinigung über eine Risikoschwangerschaft vor, wurde aber trotzdem mit Tarek Ramdani und den beiden Kleinkindern in ein Flugzeug Richtung Algerien gesetzt. Der Pilot weigerte sich damals wegen des Gesundheitszustands und dem Fehlen eines Facharztes an Bord, die Familie mitzunehmen. Die Abschiebung scheiterte, die Flüchtlinge zogen bei Dr. Anna Radke in deren Marburger Wohnung ein. Seitdem tobt ein Streit mit den Behörden um das Aufenthaltsrecht der Familie, eine Bleiberechts-Petition beim Hessischen Landtag wurde Ende vergangenen Jahres abgelehnt.

Der Grund für die Flucht der Familie aus Algerien im Jahr 2011 war, dass sie – weil sie ein Liebespaar wurden – nach eigenen Angaben von Salafisten mit dem Tod bedroht wurden.

Radke ist zwar offiziell Fatimas Mutter, aber der Macher im Hintergrund ist Dr. Kurt Bunke vom Cölber Arbeitskreis für Flüchtlinge. Er ist inoffizieller Opa der Familie, führt für sie seit Jahren eine nicht enden wollende Behördenschlacht. Aktuell kümmert er sich um einen Asyl-Folgeantrag, weil er ein dauerhaftes und nicht an Anna Radkes Gesundheitszustand – letztlich ihr Leben – gekoppeltes Bleiberecht erreichen will.

„Diesen lieben, guten Menschen und ihren in Marburg geborenen, hier aufwachsenden Kindern darf und kann man das Leben in Deutschland nicht verwehren“, sagt er. Neue Dokumente aus Algerien, die die Schutzbedürftigkeit der beiden Erwachsenen belegen, liegen vor und sollen nun den Abschiebe-Albtraum endgültig beenden.

Von Björn Wisker