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Marburg Installation erinnert an Opfer der Hexenverfolgung
Marburg Installation erinnert an Opfer der Hexenverfolgung
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19:00 10.07.2021
Künstlerin Antje Dathe (von links), Dr. Elke Therre-Staal, Dekan Burkhard zur Nieden, Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei der Einweihung der Gedenkinstallation zum Hexenjahr auf dem Lutherischen Kirchhof.
Künstlerin Antje Dathe (von links), Dr. Elke Therre-Staal, Dekan Burkhard zur Nieden, Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies bei der Einweihung der Gedenkinstallation zum Hexenjahr auf dem Lutherischen Kirchhof. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Ein „dunkler amorpher Fleck“ umgibt laut Beschreibung der Künstlerin Antje Dathe den von ihr gestalteten kreisrunden Sockel. Er soll mit der „reinen Unschuld“ der Betroffenen kontrastieren. Denn die von der Stadt Marburg in Auftrag gegebene Gedenkinstallation zur Erinnerung an die 24 in Marburg zwischen 1517 und 1712 hingerichteten Männer und Frauen fällt vor allem durch einen ganz in Weiß gehaltenen Ring auf, auf dem alle Namen der Opfer der Hexenverfolgungen in Marburg notiert sind.

Die Fläche in der Mitte wiederum wird durch auf unterschiedenen Ebenen angeordnete Wörter dominiert. Sie führen vom deutlich sichtbaren Wort „Unschuld“ bis zum halb verdeckten Schriftzug „Schuld“. Dazwischen erkennt man eine Palette von Wörtern, die zeigen sollen, wieso Menschen in der Zeit der Hexenverfolgungen auch in Marburg verhaftet, gefoltert und verurteilt und hingerichtet wurden.

Abschluss des Gedenkjahres

„Alle 24 Opfer waren unschuldig und sind durch Intoleranz, Missgunst und Neid in die Hände der Justiz gekommen“, sagt die Künstlerin aus Annaberg-Buchholz im Erzgebirge. Die Kombination aus Begriffen soll verdeutlichen, wie Unschuld zu Schuld verwandelt wurde und soll zudem den Lebenden zur Mahnung dienen. Ihre Kunst-Installation mit dem Titel „Schuldig – Unschuldig“ hatte bei einem bundesweiten Wettbewerb den Zuschlag enthalten.

Mit der feierlichen Einweihung der Gedenkinstallation auf dem Lutherischen Pfarrhof vor der Pfarrkirche fand das durch Corona verzögerte Gedenkjahr 2020 seinen endgültigen Abschluss.

„Dieser Ort ist ein wunderbarer Ort. Der Bezug zur Kirche ist aber nicht ein Ausdruck der Verantwortung, sondern des gemeinsamen Gedenkens“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Er dankte den Kirchenverantwortlichen und dem Kirchenvorstand der Lutherischen Pfarrkirche für die Erlaubnis, die städtische Gedenkinstallation auf dem Kirchhof aufstellen zu dürfen.

„Als evangelische Kirche stellen wir uns der geschichtlichen Verantwortung“, sagte Dekan Burkhard zur Nieden. Er machte allerdings auch deutlich, dass keine Kuttenträger die Verantwortlichen der Hexenverfolgung gewesen seien. Damals habe auch kein Mob getobt. Der Dekan sagte auch, dass alle Opfer evangelischen Glaubens gewesen seien und häufig der Folter als Ausdruck ihres Glaubens mit dem Rezitieren von Psalmen oder Gebeten begegnet seien.

Vom Ort der Gedenkinstallation hat man über die Marburger Innenstadt hinweg einen Blick zum gegenüberliegenden Hügel. Dort am Rabenstein befand sich früher die Richtstätte Marburgs, wo auch Opfer der Hexenverfolgung hingerichtet wurden. Auch Dr. Elke Therre-Staal, die 2017 noch als Grünen-Stadtverordnete die Idee zum Themenjahr „Andersartig.Hexen.Glaube.Verfolgung“ hatte, freute sich über die Einweihung des Gedenksymbols. Sie sah dies vor allem als ein Zeichen der Erinnerungskultur. „Menschen, denen Gewalt angetan wurde, geben wir ihre Würde zurück“, sagte Therre-Staal.

Wichtigste Lehre: Hass und Hetze verhindern

Als „Wächterin für das Thema“ hatte sich die damalige Stadtverordnete und heutige Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Elke Neuwohner (Grüne) begriffen. Die jetzt entstandene Skulptur empfindet sie als „toll und sehr bewegend“. Damit bleibe auch etwas aus dem Themenjahr.

Die wichtigste Lehre aus der Vergangenheit der Hexenverfolgung sei es, Hass und Hetze zu verhindern, meinte OB Spies. Und damit könne man vielleicht auch einen Samen des Trostes säen.

Zum Abschluss der von dem Musiker Lukas Pilgrim umrahmten Gedenkstunde verlasen Dathe, Neuwohner, Therre-Staal, zur Nieden und Spies vor geladenen Gästen nacheinander die Namen aller Opfer, legten für sie Blumen nieder und verharrten danach im stillen Gedenken.

Von Manfred Hitzeroth