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Marburg Insolvenzwelle bleibt bisher aus
Marburg Insolvenzwelle bleibt bisher aus
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16:58 08.08.2021
Welche Auswirkungen hatte Corona auf Firmen-Insolvenzen? Bisher keine großen – die vermutete Insolvenzwelle blieb bisher aus.
Welche Auswirkungen hatte Corona auf Firmen-Insolvenzen? Bisher keine großen – die vermutete Insolvenzwelle blieb bisher aus. Quelle: Foto: Arne Dedert
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Es war die große Frage: Wie ist die heimische Wirtschaft tatsächlich durch die Krise gekommen? Denn: Eine der Maßnahmen zur Abmilderung der Corona-Krise war das Aussetzen der Insolvenzantragspflicht. Doch ist in der Corona-Pandemie ein Anstieg der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland bisher ausgeblieben – vielmehr habe sich der langjährige Trend sinkender Insolvenzzahlen sogar verstärkt fortgesetzt, heißt es vonseiten des statistischen Bundesamts. Die Rückkehr der in der Pandemie ausgesetzten Insolvenzantragspflicht könne diesen Trend aber beenden.

Im Jahr 2020 war die Zahl der beantragten Unternehmensinsolvenzen mit 15 841 auf den niedrigsten Stand seit 1999 gefallen. Bisher hat sich diese Entwicklung im laufenden Jahr laut Destatis fortgesetzt. Allerdings gilt die Insolvenzantragspflicht erst seit Mai 2021 wieder vollumfänglich. Am Freitag teilte das statistische Landesamt in Hessen mit, dass 94 hessische Unternehmen im Mai Insolvenz beantragt hätten, wie aus der Statistik hervorgeht. Damit sei diese Zahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 30 Prozent gesunken. Die Gerichte eröffneten 64 Insolvenzverfahren und wiesen 30 mangels Masse ab. Die Summe der voraussichtlichen Forderungen belief sich dabei laut Statistik auf mehr als 24 Millionen Euro. Nach vorläufigen Ergebnissen beantragten im Juni dieses Jahres 85 Unternehmen Insolvenz – im Vorjahresmonat waren es noch 117 gewesen.

Allerdings hat sich die Zahl der beantragten Verbraucherinsolvenzen in Hessen im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat verdoppelt. Damit setze sich ein Trend fort, der bereits seit Februar dieses Jahres zu beobachten gewesen sei, so das Statistische Landesamt. Demnach seien im Mai 429 Verfahren zu Verbraucherinsolvenzen beantragt worden, ein Plus von 99 Prozent im Vergleich zum Mai vergangenen Jahres.

Warum ist das so? Dafür hat die Wirtschaftsauskunftei Creditreform eine Erklärung: Grund sei eine Reform des Verbraucherinsolvenzrechts, die Privatpersonen eine schnellere Restschuldbefreiung ermögliche. Seit Jahresbeginn 2021 sei es deshalb zu einem Run auf die Amtsgerichte gekommen. Die Corona-Krise habe dagegen eine vergleichsweise geringe Rolle beim Anstieg der Privatinsolvenzen gespielt.

Und wie ist die Situation in der Region? Der Marburger Anwalt und Insolvenz-Experte Manfred Kuhne von der Marburger Kanzlei „Kuhne + Kollegen“ sieht bislang „noch keine großen Auffälligkeiten“ bei der Zahlungsunfähigkeit heimischer Unternehmen. „Die Corona-Maßnahmen für die Wirtschaft haben dazu garantiert ihren Teil beigetragen“, ist sich Kuhne sicher. Sowohl die – wenn auch mitunter sehr spät ausgezahlten – Corona-Hilfen als auch das Thema Kurzarbeitergeld hätte die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gut abgefedert.

„Die vielfach von Wirtschaftsinstituten und auch von der Bundesagentur für Arbeit prognostizierte Welle ist nicht gekommen“, sagt der Anwalt. Vielleicht komme sie noch, „das wird sich in den kommenden zwei bis drei Monaten zeigen – aber ich glaube es nicht“. So könnten beispielsweise bis Ende Oktober noch Anträge auf Gelder aus der „Überbrückungshilfe III“ gestellt werden. „Das kann auch dazu führen, dass die ein oder andere Zahlungsschwierigkeit oder Überschuldung noch beseitigt wird“, sagt Kuhne im Gespräch mit der OP. Letztliche Klarheit werde man also vielleicht sogar erst im November haben.

Was neben den direkten Hilfen zur relativ entspannten Insolvenz-Situation beigetragen habe, „waren sicherlich auch die recht kulanten Stundungen von Finanzämtern und Sozialversicherungsträgern. Da wird man allerdings noch abwarten müssen, was passiert, wenn die Gelder gezahlt werden müssen. Denn letztlich können sich beide Institutionen nicht leisten, derzeit gänzlich auf die Gelder zu verzichten.“ Alles sei noch „in einem Schwebezustand, wie wir ihn schon seit vergangenem Jahr erleben“.

Kuhne gibt auch zu bedenken: „Nicht jede Firmenaufgabe muss auch zwangsläufig in einer Insolvenz münden.“ Wenn kleinere Betriebe „keine hinreichenden Chancen sehen, dass sich das Geschäft schnell wieder belebt, können diese Unternehmer vielleicht auch einfach aufgeben“. Oder man sei mit den Hilfen über die Runden gekommen, um etwa die Miete zu zahlen – „dann schließe ich die Gastronomie so lange, bis die Zeiten wieder besser werden. Das muss nicht in der Insolvenz münden.“ Eine weitere Unwägbarkeit sei die derzeitige Verknappung und immense Verteuerung von Rohstoffen, „wie wirkt sich zum Beispiel aus, wenn eine Baufirma ihren Preis nicht halten kann, weil sie Rohstoffe nicht zu dem Preis bekommt, wie sie sie kalkuliert hat – oder wenn sie sie gar nicht bekommt“. Das sei derzeit noch nicht abzuschätzen. Zwar geht Kuhne nicht von einer Insolvenzwelle aus. Doch gibt er zu bedenken: „Wir sind noch nicht durch – in einem halben Jahr werden wir mehr wissen.“

Von Andreas Schmidt und unserer Agentur

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