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Marburg Kleine Krabbler, große Aufgaben
Marburg Kleine Krabbler, große Aufgaben
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15:40 10.08.2021
Sebastian Thews zeigt das Bild von einem seltenen Grünwidderchen, ein Nachtfalter, den er bei Ockershausen entdeckte. Der Student aus Marburg ist einer von nur zwei „Insektenscouts“ des Nabu in Hessen.
Sebastian Thews zeigt das Bild von einem seltenen Grünwidderchen, ein Nachtfalter, den er bei Ockershausen entdeckte. Der Student aus Marburg ist einer von nur zwei „Insektenscouts“ des Nabu in Hessen. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Was krabbelt, fliegt oder kreucht alles so im Landkreis? Unter uns und um uns herum leben unzählige Insekten zu Land, zu Wasser oder in der Luft, und das oft unerkannt. Die große Bedeutung selbst der weniger beliebten Krabbler für das Ökosystem scheint oft unterzugehen.

Sicher, die Bestäuber, allen voran die Bienen und Schmetterlinge, stehen zu recht hoch im Kurs, doch es gibt eine Vielzahl an Insekten, die – weniger berühmt, eher berüchtigt – einen ebenso maßgeblichen Job erledigen und für Ordnung sorgen: Man nehme einmal den Mistkäfer, die Fliege oder die Waldschabe. Es sind, neben Bakterien oder Pilzen, wichtige „Zersetzer“ oder auch „Destruenten“, so lautet der Fachbegriff aus der Ökologie.

Vom Anfang jedes Lebewesens bis zu dessen Ende – es sind die Insekten, die für Leben und Wachstum und schließlich für die Beseitigung sorgen und hinter Tier und Mensch her räumen.

Ein Kreislauf, der Sebastian Thews aus Marburg schon immer begeisterte, „ohne die Insekten würden wir alle im Müll versinken, eigentlich erst gar nicht existieren – diese großen funktionalen Zusammenhänge sind faszinierend“, erzählt der 31-Jährige. Er studiert Biodiversität und Naturschutz und nähert sich gerade dem Masterabschluss. Seit Kurzem ist er außerdem als ehrenamtlicher Insektenscout für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Hessen unterwegs.

Faszination Falter

Der gebürtige Bielefelder befasste sich schon im Studium mit der Insektenwelt und zwangsläufig auch mit dem fortschreitenden Insektensterben, will den Menschen alle Facetten und die Bedeutung der Tiere näher bringen. „Ich finde das einfach spannend, es gibt immer etwas Neues zu entdecken“, erzählt er. Wer weiß zum Beispiel, dass der Distelfalter wie ein Zugvogel über den Winter nach Süden zieht? Der Wanderfalter überquert dabei sogar die Alpen. Oder dass es alleine in Deutschland 70 verschiedene Arten von Marienkäfern gibt?

Ein Marienkäfer krabbelt über ein Blatt zu Läusen. Quelle: Bernd Settnik

Jeder kennt den als dekorativen Glücksbringer bekannten Krabbler. Und die Tierchen sind nicht nur hübsch, sondern wie viele Käfer auch echte Räuber, vertilgen etwa Blattläuse und schützen Pflanzen so vor übermäßigem Befall. Und klauen ganz nebenbei manchen Ameisen das „Nutzvieh“, das die für den süßen Honigtau in Herden halten.

Jetzt im Sommer hat Thews die meiste Arbeit im Ehrenamt, derzeit läuft die Aktion Insektensommer des Nabu, den der Verband zum vierten Mal ausruft. Im Moment läuft noch bis zum 15. August die aktuelle Zählrunde. Jeder ist aufgerufen mitzumachen und Sichtungen von Insekten zu melden. Das Langzeitprojekt findet im Rahmen der sogenannten Bürgerwissenschaften statt, über die durch Laien wertvolle Basisdaten gesammelt werden, die es bislang so noch nicht gibt, sagt Thews. Auf dieser Grundlage können einmal langfristige Entwicklungen erkannt und besser verstanden werden.

Vermittler zwischen Tieren und Menschen

Neu in diesem Jahr sind die Insektenscouts, die die Aktion begleiten und als Ansprechpartner vor allem für Nabu-Gruppen zur Verfügung stehen. Thews hat schon einige Stippvisiten organisiert, „da wird hier mal was gefunden, dann dort, es ist jedes Mal spannend“, freut sich Thews über jede Zählaktion. Er will auch ein Stück weit Vermittler sein für die große krabbelnde Welt – gut 33 000 Insektenarten gibt es allein in Deutschland. Andere Tierarten haben jedoch eine größere Lobby, viele Menschen betätigen sich als Vogelbeobachter, die Insektenwelt findet jedoch weit weniger Beachtung: „Es geht darum, eine Hürde zu überwinden, die Leute zu animieren, neue Arten kennenzulernen und Zeit in der Natur zu verbringen – eine Entdeckungsreise in die Insektenwelt macht einfach großen Spaß“, sagt Thews.

Die Idee dahinter: „Man schützt nur das, was man kennt – und so kann jeder zugleich seinen Naturhorizont erweitern.“ An der Mitmachaktion des Nabu kann jeder analog oder digital teilnehmen, Sichtungen können nur über das Online-Meldeformular und über die Web-App erfolgen.

Weitere Informationen, Hilfsmittel und Meldebögen unter www.insektensommer.de

Von Ina Tannert

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