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Marburg Fühlbare Mode mit digitaler Waschanleitung
Marburg Fühlbare Mode mit digitaler Waschanleitung
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13:59 11.08.2020
Modedesignerin Anna Flemmer (links) zeigte Teile ihrer Kollektion Mirien Carvalho, Annette Sander und Tobias Weber.
Modedesignerin Anna Flemmer (links) zeigte Teile ihrer Kollektion Mirien Carvalho, Annette Sander und Tobias Weber. Quelle: Katja Peters
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Marburg

Wie fühlt sich eigentlich „Kornblumenblau“ an? Und wieso sind hochstehende Nähte so wichtig? Antworten auf diese Fragen bekamen Sehende durch Sehbehinderte in der vergangenen Woche beim Besuch von Anna Flemmer. Die preisgekrönte Modedesignerin stellte Teile ihrer Kollektion beim Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf in Marburg vor. Schlussendlich mit großem Erfolg, auch wenn es vorher große Skepsis gab.

Der Besuch in Marburg war für Anna Flemmers Mode auch wieder wie ein Test. Wie reagieren blinde und sehbehinderte Menschen auf die entworfenen Shirts und Hosen? Was mögen sie, was nicht? „Sie fühlen ihre Kleidung, während wir Sehenden von Farben oder Logos abgelenkt sind“, erklärt sie. Und die blinde Mirien Carvalho pflichtet ihr bei. „Wenn ich ein Shirt aus dem Schrank nehme, dann erkenne ich es an der Struktur, an dem Muster von aufgenähten Knöpfen oder einem abgenähten Spitzenbesatz. Dann erinnere ich mich gleichzeitig, wo ich es gekauft habe.“ Das geht Sehenden genauso.

Dabei hat für die Designerin etwas oberste Priorität: „Die Sachen sollen sowohl Sehbehinderte und auch Sehende tragen können und wollen“, betont sie. Denn das hat Anna Flemmer schon bei ihrer Recherche zu ihrer Bachelorarbeit festgestellt: „Blinde wollen keine Extrawurst, was ihre Klamotten angeht.“ Auch das bestätigt Mirien Carvalho: „Wenn Anna die Teile jetzt extra nur für uns Sehbehinderte entworfen hätte, dann würde ich mich nicht angesprochen fühlen“, sagt sie ehrlich. Denn oft ist Mode für Menschen mit Beeinträchtigungen nur „nutzbar, aber nicht ästhetisch“.

Die Waschanleitung gibt es per QR-Code

Wendbare Oberteile und Hosen, haptische Muster und ein QR-Code für die Waschanleitung sind nur einige Merkmale der „Wechselwirkung“-Kollektion. Auch die Auswahl der Stoffe spielt ein große Rolle. Manche haben fühlbare Rauten, andere sind flauschig, wieder andere sind seidenglatt. Wie das kornblumenblaue, wendbare Kleid aus Waschseide. Es fühlt sich sehr hochwertig an, ist in der Taille mit einem Gummizug abgenäht, und es gibt kein vorne oder hinten. Die Shirts können gewendet werden, und auch bei den karierten Hosen gibt es immer zwei richtige Seiten. Sie haben noch große, orangefarbene Reißverschlüsse. Dafür gab es eine kleine Kritik. „Ich würde mir eher eine fühlbare Naht oder etwas anderes wünschen als einen bunten Reißverschluss“, gibt Annette Sander zu. Anna Flemmer schnappt ihr Notizbuch und schreibt als Erinnerung auf: „Probenähte.“

Annette Sander verlässt sich derzeit beim Einkauf auf das Urteil der Verkäuferin. „Hier in Marburg findet man wirklich gut geschultes Personal, das auch mit meiner Behinderung gut umgeht“, sagt die Marburgerin. Sie trägt an diesem Tag ein schlichtes Oberteil mit einer aufgenähten Blume. „Aber genau die war der Kaufgrund. Ich kann sie fühlen und weiß genau, welches Shirt ich in der Hand habe“, erklärt sie und ergänzt noch: „Optik sinnlich zu erfahren, das sollte Mode können.“ Anna Flemmer hat noch etwas anderes während der Arbeit an der Kollektion erfunden: ein sprechendes Etikett. Wenn es aufgeklappt wird, dann erfährt der nicht sehende Kunde Material, Schnitt, Farbe und wenn gewünscht auch die Waschanleitung.

Die soll es später einmal per QR-Code auf dem Handy geben. Barrierefrei nennt die 31-jährige Berlinerin das. Denn die Designerin hat eine Möglichkeit gefunden, die Braille-Schrift auf Stoffe zu gravieren, sodass Blinde sie lesen können. „So könnte man beispielsweise auch Logos gravieren, die dann fühlbar sind, oder die Sachen personalisieren. Und Pflegehinweise könnten ein Designelement werden“, erklärt sie.

Viele Ideen nimmt sie aus Marburg mit nach Berlin. „Hier habe ich es geschafft, Leute zu begeistern, die anfangs voller Skepsis waren“, sagt sie mit einem Lächeln. Sie ist wieder ein Schritt weiter auf dem Weg zu einer bezahlbaren, marktfähigen Kollektion, die übrigens in einer Behindertenwerkstatt genäht werden soll und nicht in irgendeiner Fabrik in Bangladesch. „Ich liebe Mode, aber ich mag die Industrie dahinter nicht“, gibt sie zu. Denn auch das ist Anna Flemmer wichtig: dass ihre Entwürfe nachhaltig produziert werden. Unterstützt wird ihr Projekt „Wechselwirkung“ von der Aktion Mensch, und bald soll es auch eine Modenschau geben.

Modeprojekt „Wechselwirkung“

Wie kann man Menschen mit Sehbehinderung den Umgang mit Mode und Bekleidung erleichtern und dabei eine Kollektion erschaffen, die auch für sehende Menschen interessant ist? „Wechselwirkung“ steht in diesem sozialen Modeprojekt für Sehende und Menschen mit Sehbehinderung, Inklusion, das Außer-Kraft-Setzen von vorne und hinten in der Bekleidung und Wendbarkeit. Dies eröffnet neue Möglichkeiten des Anziehens von Kleidungsstücken.

Im Austausch mit Sehenden und Blinden liegt der Kern für die Entwicklung der Kollektion. Durch Interviews, Diskussionsrunden, regelmäßiges Feedback und Anproben wird eine Kollektion erschaffen, die auf besondere Bedürfnisse von Blinden eingeht und auch für Sehende ästhetisch, funktional und alltagstauglich ist. Das Projekt läuft über den Verein für interkulturelle Medienarbeit von Karsten Hein in Kooperation mit der Diakonie „Doppelpunkt“ in Berlin. Die Kollektion wird von blinden Fotografen des „Fotostudios für Blinde Fotografen“ abgelichtet. Blinde und sehende Models präsentieren die Mode auf den Bildern und auf einer geplanten Modenschau.

Von Katja Peters

10.08.2020
10.08.2020