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Marburg „Ohne Gas können wir nicht produzieren“
Marburg „Ohne Gas können wir nicht produzieren“
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21:00 09.04.2022
Ein Stapler bei der Eisenabnahme in der Gießerei Weso-Aurorahütte in Gladenbach.
Ein Stapler bei der Eisenabnahme in der Gießerei Weso-Aurorahütte in Gladenbach. Quelle: weso
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Fronhausen/Gladenbach

Bekommen wir in den nächsten Monaten noch genug Gas – und wenn ja, aus Russland oder woher sonst? Viele Menschen stellen sich angesichts des Ukraine-Krieges diese Frage, aber noch mehr beschäftigt sie Industrieunternehmen, bei denen ohne Energie gar nichts läuft. „Wenn Gas und Strom ausfallen, können wir nicht produzieren“, sagt Dr. Andreas Ritzenhoff, geschäftsführender Inhaber der Firma Seidel. Das Unternehmen, das hochwertige Verpackungen vor allem aus Aluminium für Kosmetik- und Medizinprodukte herstellt, benötigt viel Strom, unter anderem für die Maschinen. Für bestimmte Prozesse ist aber auch Erdgas notwendig.

Seidel drosselt bereits den Verbrauch von Gas dort, wo es nicht für die Produktion notwendig ist: „Wir haben unsere Mitarbeiter gefragt, ob sie einverstanden sind, dass die Temperatur in unseren Werken in Fronhausen und Marburg um zwei Grad zurückgedreht wird“, berichtet Ritzenhoff. In den Werkshallen, die ohnehin zum Teil mit Abwärme geheizt werden, ist es jetzt nur noch 18 Grad warm. Auch privat geht Ritzenhoff mit gutem Beispiel voran: „Meine Frau und ich haben vor über drei Wochen die Heizung abgestellt. Wir haben einen Raum, den wir mit Holz heizen, alles andere ist kalt, auch das Duschwasser.“ Seinen Bekannten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rät er: „Jeder kann einen Beitrag leisten, um kommende Zahlungen an Russland zu reduzieren. Wenn man sich das Elend in der Ukraine anschaut, können wir auf ein bisschen Komfort verzichten.“

Gießerei Weso braucht viel Energie

Würde es zu Engpässen in der Gasversorgung kommen, etwa weil Russland buchstäblich den Gashahn abdreht, soll nach jetziger Gesetzeslage in erster Linie Privatkunden garantiert werden, dass sie weiter mit Gas heizen können. Für Unternehmen hingegen könnte die Gasversorgung beschränkt werden. Ritzenhoff findet diese Prioritätensetzung falsch. „Man kann es ertragen, wenn es zuhause mal etwas kälter ist – zumal es draußen jetzt wärmer wird“, sagt der Unternehmer. „Wenn reihenweise Fabriken gestoppt werden und die Menschen ihre Jobs verlieren, ist das dramatischer.“ Er geht allerdings davon aus, dass auch im Fall der Fälle Seidel weiter mit Gas versorgt würde, „weil wir auch Verpackungen für die Pharmaindustrie herstellen, und zwar für lebensnotwendige Medikamente“.

Auch die Gießerei Weso in Gladenbach braucht viel Energie und hätte ein Problem, wenn sie kein Gas mehr bekäme. Die wichtigsten Energieträger für Weso seien Koks und Strom, erläutert Geschäftsführer Dr. Benedikt Grebner. Gas brauche das Unternehmen nicht viel – dafür aber permanent. Bei bestimmten Produktionsschritten entstünden beispielsweise brennbare Gase, die aus Sicherheitsgründen mit einer Art Bunsenbrenner abgebrannt würden. Da gut die Hälfte des Gases im Deutschen gasnetz aus Russland stammt, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, „dass die Hälfte von unserem Gas, das wir benötigen, aus Russland stammt“, sagt der Geschäftsführer. „Wir könnten theoretisch temporär auf die Hälfte verzichten – aber nicht auf hundert Prozent.“

Ritzenhoff: „Haben derzeit Preiserhöhungen an allen Ecken“

Weso beobachte daher gespannt, was die Politik mache. „Mit einer Drosselung des Gasverbrauchs von 30 bis 40 Prozent könnten wir zeitweise leben“, sagt Grebner. „Aber wenn wir einen bestimmten Teil des Tages keinen Zugang zum Gasnetz hätten, könnten wir nicht produzieren.“

Den Koks beziehe Weso aus Tschechien und Polen. Vom Wegfall der Bezugsquellen in Russland sei das Unternehmen daher nicht direkt betroffen. „Aber natürlich steigt dadurch der Druck auf unsere Versorgungsquellen und damit springt der Preis“, konstatiert Grebner. „Der war schon hoch und ist im Februar weiter gesprungen.“

„Wir haben derzeit Preiserhöhungen an allen Ecken – bei Energie, Rohstoffen, Verpackungsmitteln und Elektronik-Bauteilen für Maschinen“, berichtet auch Seidel-Inhaber Ritzenhoff. „Wir haben letztes Jahr die Preise erhöhen müssen und dieses Jahr nochmals.“ Die Energiekosten seien bereits um 30 Prozent gestiegen.

Seidel hat seinen Energieverbrauch schon drastisch reduziert – und wurde dafür unter anderem mit dem Ecovadis-Label in Platin zertifiziert. Doch ohne Energie gehe es nicht, und da sieht Ritzenhoff „massive Fehler in der Energiepolitik“. Bei der Energiewende sei die Energiesicherheit vergessen worden, kritisiert er und fordert einen Ausstieg aus dem Atomausstieg. „Wir haben am 31. Dezember letzten Jahres drei Atomkraftwerke abgestellt und planen nochmals drei abzuschalten. Das sollten wir, wenn es irgend geht, dringend revidieren.“

Von Stefan Dietrich