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Marburg In sechs Monaten zum Chef
Marburg In sechs Monaten zum Chef
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09:00 05.01.2020
Zahnarzt Yuvaraj Jothikrishnan mit seinem Team in der Neustädter Praxis. Der gebürtige Inder ist 2012 nach Marburg gekommen und hat nun einen deutschen Pass. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Yuvaraj Jothikrishnan stammt aus Indien und ist im Jahr 2012 nach Marburg gekommen. Damals war er 26 Jahre alt, hatte sein Zahnmedizin-Studium in Indien bereits ein Jahr zuvor abgeschlossen. Er wollte schon immer nach Deutschland – Amerika oder Großbritannien haben ihn nie gereizt. Also lernte er in Vollzeit am Goethe-Institut in Indien die deutsche Sprache, arbeitete dort als Bibliothekar. Während dieser Zeit lernte er schon einige Deutsche kennen und erfuhr viel über das Land, in dem er gerne leben würde.

Er bewarb sich an mehreren Universitäten, von der Philipps-Universität bekam er sofort eine Zusage. „Das Sekretariat hat mir bei den Anträgen und Formalitäten wirklich sehr geholfen“, erinnert sich der heute 33-Jährige. Sogar das Semesterticket und der Studentenausweis wurde ihm damals an seine Heimatadresse geschickt.

Klinische Semester wiederholen

Die ersten fünf Semester seines Studiums wurden ihm anerkannt, er musste lediglich die klinischen Semester wiederholen. „Das machte für mich auch Sinn, weil es in Deutschland beispielsweise völlig andere Hygienestandards gibt“, haderte Yuvaraj Jothikrishnan nicht damit, dass er doch wieder studieren musste.

Der Marburger hat gute Erinnerungen an die Anfangszeit in Deutschland. „Ich bin gut aufgenommen worden. Meine allerbesten Freunde sind mittlerweile Deutsche“, sagt er lachend. Man spürt, dass er sich wohl fühlt, trotz der großen Verantwortung, die er seit ein paar Monaten trägt.

Über Vertretung zum Praxisinhaber

Denn nachdem er eine Assistenzarztstelle in Neustadt angetreten hatte, verstarb die Praxisinhaberin ganz plötzlich. Von heute auf morgen übernahm Yuvaraj Jothikrishnan die Vertretung. „Daraus sind sechs Monate geworden und ich stand vor der Frage, ob ich gehe oder bleibe“, erinnert er sich und entschied sich für die Praxis. „So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Ich kannte die Patienten und die Praxis existierte schon 30 Jahre“, zählt der Marburger die Gründe auf, warum er blieb.

Aber der wichtigste Grund waren die Mitarbeiter: „Das Team hat einfach gestimmt. Sie haben mich viel unterstützt, es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre bei uns. Und außerdem hatte ich mich nun schon in die deutsche Buchführung eingearbeitet“, muss er wieder lachen. Denn: „In Indien gibt es viel Bürokratie, aber in Deutschland noch viel mehr.“

Mittlerweile hat er sich an seine neue Aufgabe gewöhnt, auch an die Verantwortung. „Die Praxis ist das Beste was mir passieren konnte“, hat er festgestellt. Seinen Freunden in Amerika ist nämlich genau das passiert, wovor er immer Angst hatte: „Sie sind durchgereicht worden, haben noch immer keinen festen Job. Ich bin mein eigener Chef und habe jetzt sogar einen deutschen Pass“, sagt er mit einem großen Grinsen.

von Katja Peters