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Marburg In die Kooperation grätscht das Geschlecht
Marburg In die Kooperation grätscht das Geschlecht
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10:57 17.05.2020
Psychologin und Psychoanalytikerin Helga Krüger-Kirn aus Marburg. Quelle: Katja Peters
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Marburg

„Wenn über die Bundesliga mehr diskutiert wird als über Kinder, dann finde ich das sehr skurril.“ Diese Worte von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey kann die Marburger Professorin Helga Krüger-Kirn nur unterstreichen.

„Kinder haben keine Lobby“, sagt die Psychologin mit eigener Praxis. Das hätte sich auch in den vergangenen Wochen gezeigt.

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Zuerst ging es in den Hilfe-Debatten nur um die Wirtschaft und erst nach sechs Wochen rückte die Familie, rückten die Kinder in den Fokus. „Erst jetzt gibt es die erweiterte Notbetreuung beispielsweise für Alleinerziehende oder für Kinder mit gesondertem Bedarf.

Dabei sind die Kindertagesstätten eine wichtige Mediatorstelle“, betont Helga Krüger-Kirn. Die Krise würde zeigen, „dass Mütter mit dem nicht bezahlten ,Job’ Kinderbetreuung auf einmal systemrelevant sind“, sagt die Psychologin und ergänzt:

„Das ist auch eine Chance. Endlich würden Männer mitbekommen, wie anstrengend es ist, Kinder zu betreuen und können über die Aufteilung der Verantwortung nachdenken.“ Denn noch immer sind es die Frauen, die einen hohen Anspruch an die Vereinbarkeit von Haushalt und Beruf stellen. Sie fühlen sich nach wie vor eher dafür verantwortlich.

Gleichberechtigung nur vor dem zweiten Kind

„Dabei“, so betont Helga Krüger-Kirn, „braucht Mütterlichkeit kein Geschlecht“. Denn „Fürsorge kann alles leisten!“ Paare sollten sich die Versorgung der Kinder aufteilen. „Es geht nicht um Liebe, es geht um Kooperation. Und auch wenn ein Plan unromantisch ist, so hilft er doch aus dem veralteten Rollenmodell zu entfliehen“, sagt die Psychoanalytikerin, die allerdings auch aus Erfahrung weiß: „In die Kooperation grätscht oft das Geschlecht mit rein.“

Sind die Partner am Anfang der Beziehung noch gleichberechtigt, ändert sich das oft schon mit dem ersten Kind. „Beim zweiten Kind ist es dann vorbei mit der Gleichberechtigung“, sagt Helga Krüger-Kirn. „Es gibt wenig Beispiele für eine gelungene Aufteilung der Erziehung“, hat sie festgestellt. Väter seien nicht nur fürs Toben und der Erklärung von Technik zuständig. Und dennoch wird Letzteres noch immer mehr wertgeschätzt, als der Haushalt und die Kinderversorgung.

Haushalt ist in vielen Köpfen etwas Minderwertiges. Überhaupt hätte reproduktive Arbeit einen schlechten Stellenwert. „70 Prozent der systemrelevanten Berufe sind schlecht bezahlt“, sagt Helga Krüger-Kirn. Kinder haben keine Lobby, Mütter brauchen eine Stimme. Das schwingt in den Worten von Giffey mit, die die Schieflage der Gesellschaft mit ihrem Statement auf den Punkt gebracht hat. Denn noch immer steht die ökonomische Seite in der Hierarchie viel weiter oben als die soziale.

Von Katja Peters

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