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Marburg In der Gastronomie droht eine Pleitewelle
Marburg In der Gastronomie droht eine Pleitewelle
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16:00 11.03.2021
Lockdown in der Marburger Oberstadt – angekettete Stühle und Tische stehen vor einem Lokal in der Reitgasse.
Lockdown in der Marburger Oberstadt – angekettete Stühle und Tische stehen vor einem Lokal in der Reitgasse. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es sind alarmierende Zahlen, die der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) Hessen gestern verkündete: Demnach droht jedem fünften Gastro-Betrieb in Hessen noch in diesem Jahr das Aus. Gemeinsam mit der Gewerkschaft NGG warnte der Verband gestern vor einer „Pleitewelle historischen Ausmaßes“.

Entsprechend emotional machte sich DEHOGA-Präsident Gerald Kink gestern für eine baldige Öffnung der Branche stark: „Lassen Sie uns arbeiten“, forderte er. Denn die Hotellerie und Gastronomie hätten schon frühzeitig funktionierende Hygienekonzepte erarbeitet. „Wir waren die Ersten, die Konzepte hatten“, erinnert Klink an die Situation vor dem ersten Lockdown, „aber wir waren auch die Ersten, die schließen mussten – und sind die Letzten, die öffnen dürfen.

Kritik an Auszahlungsstopp

Doch woher kommt die Prognose, dass jeder fünfte Betrieb vor dem Aus steht? Gewerkschaft und Arbeitgeberverband berufen sich auf Berechnungen des Informationsdienstleisters Crifbürgel. Demnach liegt der Anteil insolvenzgefährdeter Unternehmen in Hessens Gastronomie aktuell bei rund 13 Prozent. Zum Vergleich: Im Februar vergangenen Jahres, vor dem flächendeckenden Ausbruch der Pandemie, seien es acht Prozent gewesen. Laut der Auskunftei Crifbürgel, die unter anderem die Kreditwürdigkeit von Unternehmen prüft, könnte die Zahl der akut von der Pleite bedrohten Gastro-Betriebe im Bundesland noch in diesem Jahr auf rund 20 Prozent ansteigen. Nach Einschätzung der Branchenvertreter könnte die Insolvenzgefahr im Beherbergungsgewerbe sogar noch höher sein. Die Zahl der Gäste-Ankünfte brach zwischen Weser und Odenwald im vergangenen Jahr um 57 Prozent ein, so das Statistische Landesamt. Doch nicht nur die andauernde Schließung macht der Branche zu schaffen – denn am Dienstag wurde zudem die Auszahlung der Wirtschaftshilfen gestoppt, weil es Betrugsfälle gegeben hat (die OP berichtete).

„Es ist nicht mehr zu ertragen, dass schon seit Wochen und Monaten ein System nicht funktioniert und daran Existenzen hängen“, sagte Klink. Jetzt käme ein Betrugsverdacht hinzu, „und Herr Altmaier und die Politik in Berlin haben nur eines im Sinn: Einen Stopp der Auszahlungen herbeizuführen, weil sie mit der Prüfung überfordert sind, ob die Identitäten den Antragsteller denn konform sind.“ Für ihn steht fest, dass dringend die Finanzämter in den Prozess integriert werden müssten, „denn dort liegen alle Daten vor, es würde alles funktionieren“, so Klink. Der Auszahlungsstopp indes gefährde weitere Existenzen.

Im Landkreis ist bisher noch nichts über Betriebe bekannt, die nach den Lockerungen nicht mehr öffnen werden, wie Oliver-Peter Benz vom DEHOGA-Kreisverband Marburg-Biedenkopf sagt: „Bis jetzt habe ich von den Mitgliedern, mit denen ich gesprochen habe, noch nicht gehört, dass schon jemand geschlossen hat“, sagt der Direktor des Welcome-Hotel Marburg. „Allerdings gehen alle auf dem Zahnfleisch – sowohl in der Hotellerie als auch der Gastronomie.“ Das Einfrieren der Hilfsgelder verschärfe die Dramatik. „Wenn sich die Auszahlung nochmal um zwei, drei oder mehr Wochen verzögert, dann kann ich mir gut vorstellen, dass Unternehmer doch die Segel streichen müssen“, sagt Benz. „Alle stricken mit der heißen Nadel und versuchen, über die Runden zu kommen“, sagt Benz.

Vielen fehlt Außenbereich

Peter-Martin Cox, Geschäftsführer der NGG-Region Rhein-Main, erläuterte: „Bund und Länder haben zuletzt zwar eine Öffnung der Außengastronomie bei niedrigen Inzidenzen in Aussicht gestellt. Angesichts der Nöte gerade auch der Beschäftigten, die seit Monaten mit dem niedrigen Kurzarbeitergeld über die Runden kommen müssen, reicht das aber nicht aus“, so NGG-Regionalchef Cox. Aus diesem Grund fordere die Gewerkschaft auch ein Mindest-Kurzarbeitergeld in Höhe von 1 200 Euro.

Doch wäre die potenzielle Öffnungsmöglichkeit der Außengastronomie ab April eine Lösung? „Nein“, sagt der Hauptgeschäftsführer des DEHOGA Hessen, Julius Wagner, „das ist keine echte Perspektive. 83,2 Prozent der befragten Betriebe verweisen darauf, dass die Wirtschaftlichkeit ihres Betriebes bei einer alleinigen Öffnung der Außengastronomie nicht gegeben ist.“ Hinzu komme, dass viele Betriebe keinen Außenbereich hätten. „Das ist eine Möhre, die man der Branche vor die Nase hält.“

Das sieht auch Oliver-Peter Benz so: „Für Gaststätten in der Oberstadt kann das eine gute Möglichkeit sein. Aber Stadthotels wie uns hilft das keinen Deut – denn wir haben keine Außengastronomie.“ Er fordert – wie auch Verband und Gewerkschaft –, dass Hotels wieder für Privatreisende öffnen dürfen. Denn: Laut RKI gebe es in der Hotellerie nur ein äußerst geringes Ansteckungsrisiko.

Gewerkschaftsführer Cox betont. „Niemand will, dass ein Abendessen in der Gaststätte zum Hotspot wird. Aber wenn die Kontaktnachverfolgung über die Luca-App, Abstände und Hygienemaßnahmen strikt befolgt werden, müssen Öffnungen im breiten Umfang auch bald wieder möglich sein.“ Wenn jeder fünfte Betrieb schließen müsse, stünden 3 600 Unternehmen mit ihren vielen Mitarbeitern vor dem Aus.

Von Andreas Schmidt

11.03.2021
11.03.2021