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Marburg In Stötzels Augen blinkt es verdächtig
Marburg In Stötzels Augen blinkt es verdächtig
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13:54 01.10.2021
Wieland Stötzel (CDU) wurde Mittwochabend von der Mehrheit der Stadtverordneten als Marburgs Bürgermeister abgewählt.
Wieland Stötzel (CDU) wurde Mittwochabend von der Mehrheit der Stadtverordneten als Marburgs Bürgermeister abgewählt. Quelle: Nadine Weigel
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Am Schluss hatte Wieland Stötzel doch mit den Tränen zu kämpfen. Nach knapp vier Jahren im Amt des Bürgermeisters verließ der Christdemokrat den großen Kinosaal des Cineplex vor der Aussprache um seine Amtswahl – und drehte sich ein letztes Mal zum Plenum um, wie um Abschied zu nehmen. Beobachter sahen es in seinen Augen verdächtig funkeln – etwa so, als sei ihm etwas ins Auge geraten.

Dass der Bürgermeister letztendlich mit deutlicher Mehrheit abgewählt worden ist, ist keine große Überraschung. Schließlich verfügen die Fraktionen der neuen Mehrheit – Grüne, SPD, Marburger Linke, Klimaliste – gemeinsam über 40 der 59 Sitze im Parlament und damit über deutlich mehr als die für die Abwahl erforderliche absolute Mehrheit. Die hessische Gemeindeordnung verlangt, dass die Abstimmung zwei Mal vollzogen wird und innerhalb von sechs Monaten nach Beginn der Legislaturperiode vollendet sein muss – ansonsten muss mit Zweidrittelmehrheit abgewählt werden, aber selbst die würde das neue Viererbündnis zustande bringen.

Schwerer Abschied

Überraschend war bei der Diskussion vor allem, wie schwer offenbar der SPD der Abschied von ihrem früheren Koalitionspartner fiel. Magistratskollegin Kirsten Dinnebier (SPD) begleitete den Bürgermeister sogar vor die Tür, um mit ihm gemeinsam das Ergebnis abzuwarten, Fraktionschef Steffen Rink erging sich in Lobeshymnen über den Christdemokraten, als gehe es um seine Wahl, nicht um seine Abwahl. Wollen sich die Sozialdemokraten etwa ein Hintertürchen offenhalten für den Fall, dass es mit der neuen Koalition doch nicht so klappt wie gewünscht und dann reumütig ins Zimt-Bündnis mit der CDU zurückkehren?

Belastbare Anzeichen dafür gibt es nicht. Christian Schmidt, Parteichef der stärksten Fraktion im Parlament, den Grünen, sagte der OP gestern, dass es bei dem verabredeten Zeitplan bleibe. Das würde heißen, dass die Fachgruppen der Fraktionen ihre Vorschläge für die gemeinsame Koalitionsvereinbarung erarbeiten. Am 3. November soll der Vertrag der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Beratungen in den beteiligten Parteien erfolgen auf Parteitagen oder Mitgliederversammlungen bis Ende der darauffolgenden Woche.

Stötzel sei seiner Verantwortung für die ökologische Klimawende nie gerecht geworden, kritisierte Stefanie Wittich (Marburger Linke), und auch der Quasi-Mehrheitsführer Christian Schmidt hob den dominierenden Stellenwert der Klimapolitik in der neuen Koalition hervor.

Wie die Parlamentswahlen im Frühjahr sich auf die Magistratsverteilung niederschlagen, stellte Michael Selinka (CDU/FDP) aus seiner Sicht dar. Mit 22,1 Prozent der Stimmen der Marburgerinnen und Marburger für Dr. Thomas Spies dominiere seine Partei den Magistrat jetzt ganz allein.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies übernimmt aus dem Dezernat von Bürgermeister Wieland Stötzel in Vertretung das Ordnungsamt sowie den Fachdienst Umwelt- und Naturschutz, Fairer Handel, Abfallwirtschaft. Stadträtin Kirsten Dinnebier übernimmt das Bauamt (mit Ausnahme der Fachdienste Stadtplanung und Klimaschutz, die beim OB liegen) und den Dienstleistungsbetrieb der Stadt Marburg (DBM).

Von Till Conrad

01.10.2021
01.10.2021