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Marburg Region soll "Kraftstoff-Keimzelle" werden
Marburg Region soll "Kraftstoff-Keimzelle" werden
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10:00 10.09.2019
Rund 60 Wasserstoff-Tankstellen gibt es in Deutschland.  Quelle: Ole Spata
Marburg

Der Schritt soll nach Angaben von Stadt- und Kreisverwaltung dem „Einstieg in die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ dienen. Eingesetzt werden könnte diese künftig vor allem im Nahverkehr, der zwischen der Universitätsstadt und dem Umland läuft, weshalb auch die Stadtwerke Teil des ­Projekts sind.

Das sogenannte H2 biete sich als „nachhaltiger Treibstoff für Nahverkehr und Schwerlast-Mobilität im ländlichen Raum an“, wie es auf OP-Anfrage heißt. In diesen Bereichen bestehe bei Bussen, Müllfahrzeugen, Nahverkehrszügen und im Lkw-Güterverkehr – gerade angesichts der hohen Industriedichte in Mittelhessen – „ein großes Nutzungspotenzial“. Auch könnten­ durch die neue Technologie die vielen Autozulieferfirmen in der Region profitieren.

Wasserstoff könne zudem zur Alternative für dieselbetriebene Züge auf den nicht elektrifizierten Pendler-Bahnstrecken aus dem Kreis in Richtung Stadt werden. „Wenn von Veränderung der Mobilität die Rede ist, geht es ­eigentlich um die Antriebstechnik: Weg vom Verbrennungs- hin zu Elektromotoren. Entscheidend ist also, dass eine Antriebswende gelingt“, sagt Sören Bartol (SPD), Bundestagsabgeordneter, der die Entscheidung gestern bekannt gab.

Etablierung von Wasserstoff als wesentlichem Energieträger

Der Fokus der Elektrifizierungsfrage dürfe­ aber nicht nur auf Batterien liegen, vielmehr würden vor allem in Wasserstoff und Brennstoffzelle „sehr große Potenziale“ liegen. Laut Bundesverkehrsministerium ist die Technologie ­„eine unverzichtbare Ergänzung zu den leistungs- und reichweitenbeschränkten Batteriefahrzeugen“ – vor allem für lange Strecken, Nutzfahrzeuge, Busse, Züge, Schiffs- wie Flugverkehr.

Als eine von bundesweit neun Regionen soll Marburg-Biedenkopf nun in den nächsten zwei Jahren für ganz Deutschland Konzepte zur Nutzung von Wasserstoff und Brennstoffzellen auf Basis erneuerbarer Energien entwickeln. Bartol: „Mit jeder Vision muss irgendwann irgendwer beginnen – und da ist unsere Region jetzt ganz vorne dabei.“

Ziel: Über die Etablierung von Wasserstoff als wesentlichem Energieträger im Vor-Ort-Verkehrssektor eine emmissionsfreie Mobilität, also eine CO2-Senkung und somit die Klimaziele zu erreichen. Konkreter Profit für die Region: Eine Wasserstoff-Wirtschaft auf- und auszubauen, somit Arbeitsplätze entstehen zu lassen.

Ausgewählte Regionen werden zu "Keimzellen für Innovationen"

In Stadt und Landkreis gebe es jedenfalls bereits Grundlagen, etwa für die Erzeugung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien wie Biomasse und vor allem Windkraft. Sollte es gelingen, Überschüss-Energie zu ­gewinnen könnte so Wasserstoff gewonnen, eingespeist und genutzt werden. Für erste entsprechende Tests stehen nach OP-­Informationen die drei alten Wehrda-Windräder im Fokus.

Das ab sofort entstehende Netzwerk sei zwischen Neustadt und Bad Endbach jedenfalls „gut angesiedelt“, da es dort viel „Know-how für den Technologiewandel hin zu klimafreundlicher Mobilität“ gebe, wie Landrätin Kirsten Fründt (SPD) sagt. Vor allem wegen der innovativen Unternehmen und der Hochschulen, die in der Region beheimatet sind, wie sowohl Fründt als auch Bartol sagen. Auf dem nun eingeschlagenen Weg könnten „neue Ideen für Produkte“, letztlich neue Arbeitsplätze für die Region entstehen – unter anderem bei den Autozulieferern.

Grundsätzlich werden die neun ausgewählten Regionen laut Ministerium zu „Keimzellen für Innovationen“. In einem ersten Schritt sollen alle Wasserstoffanwendungen im Verkehrsbereich einer Region identifiziert werden. Später soll die Konzept-Planung, in einem dritten Schritt deren konkrete Umsetzung angegangen werden.

von Björn Wisker

Wasserstoff-Region – und nun? OP erklärt Technik

Die Schwachstelle der Elektromobilität ist der Energiespeicher, genauer: die Batterie. Die Brennstoffzelle soll das ändern. Sie muss nicht mit Strom geladen werden, sondern erzeugt diesen aus sich selbst heraus – mit Wasserstoff (H2). Gasförmig ist dieser der Treibstoff für die Antriebstechnologie – und diesen zu produzieren, ist eine der Zukunftsaufgaben der neun Modell-Kommunen, zu denen Marburg-Biedenkopf gehört. Sie sollen künftig die Kraftstoff-Keimzellen Deutschlands werden.

Wie? Laut Plan mit Hilfe von Überschuss-Strom aus dem Landkreis – der explizit aus erneuerbaren Energien wie Windkraft und Biogas gewonnen werden soll – könnte Wasserstoff erzeugt und so Teile des städtischen Nahverkehrs betrieben werden. Die sogenannte Windstrom-Elektrolyse ist dabei die zentrale Säule.

Dabei wird ein Teil des regenerativ erzeugten Stromes in Form von Wasserstoff gespeichert. Bei Bedarf kann H2 mittels eines Brennstoffzellen-Verbrennungsmotor-Hybridsystems wieder in Strom umgewandelt werden. Mit dem grünen Wasserstoff wird die witterungsabhängige und starken Schwankungen unterworfene Windenergie gespeichert. Entsprechend gibt es in der Region laut Kreisverwaltung „aktuelle Überlegungen“ zu Kombinations-Kraftwerken – und die Einbindung der alten Windräder 
in Wehrda in ein für diese Zwecke gedachtes Erzeugungssystem.

Windkraft: viele Neuanlagen im Kreis, keine in der Stadt

Doch während im Landkreis in den vergangenen Jahren stetig mehr Windräder gebaut wurden, sind im Stadtgebiet alle Windrad-Vorhaben trotz Vorrangflächen-Ausweisung gescheitert. Sowohl am „Lichter Küppel“, wo die Stadtwerke bauen wollten als auch nahe Michelbach, wo das heimische Unternehmen Krug Energie plante, regte sich massiver Widerstand.

Auch im Gebiet zwischen Bortshausen und Wolfshausen knirscht es angesichts des dortigen Windkraft-Vorhabens. Resultat: Bis auf eine von UKA Meißen am Görzhäuser Hof gibt es seit Jahren keine Anlagen in Marburg – auch nicht für die angestrebte Wasserstoffproduktion. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es nach Verwaltungsangaben hingegen rund 70 Anlagen. Zuletzt zeichnete sich in der Universitätsstadt eher ein Solar-Kurs ab – nicht zuletzt mit dem seit Jahren und nach wie vor stillstehenden Park in Gisselberg.

Beim Fahren mit Brennstoffzellen würden jedenfalls laut österreichischem Umweltbundesamt keine schädlichen Emissionen erzeugt, als Abgas würde Wasserdampf freigesetzt. In einer Studie aus dem Jahr 2006 resümiert das Amt: Die Emissionen seien „sehr gering“, es gebe „keine nennenswerten Auswirkungen auf das Klima“ – auch nicht auf städtisches Mikroklima.

"Das übergeordnete Ziel ist die CO2-Senkung"

„Das übergeordnete Ziel ist die CO2-Senkung, also Klimaschutz“, sagte Sören Bartol (SPD), Bundestagsabgeordneter bei der Bekanntgabe der Ministeriums­entscheidung zu den Wasserstoff-Modellregionen. Reichweiten von bis zu 700 Kilometern sind laut Branchenkennern mit Brennstoffzellen-Fahrzeugen jedenfalls bereits möglich.

Heißt: Ein bei Batterie-E-Autos nötiges zwischenzeitliches, oft minutenlanges Aufladen wäre nicht nötig. So oder so braucht es auch dafür Zapfsäulen. Aktuell gibt es deutschlandweit aber nur etwa 60 Wasserstoff-Tankstellen. Eine weitere soll demnächst im Landkreis entstehen, errichtet von einem Privatinvestor. Demnächst soll zudem ein Verkehrstest mit H2-Brennstoffzellen in ländlichen Teilen Mittelhessens starten.

Landkreis- und Stadtverwaltung – ausgehend von den Fachdiensten Umweltschutz und Regionalentwicklung – nehmen die Technik vor allem wegen der regionalen Topographie, der für den Elektro-Nahverkehr kaum zu bewältigenden Steigungen und Distanzen ins Visier.

Vergangenes Jahr entschied sich der Magistrat für den Bau eines Hybrid-Oberleitungs-Bus-Systems zwischen Innenstadt und Lahnbergen. Inbetriebnahme laut Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD): im Jahr 2023. Kritiker wie der CDU-Verkehrspolitiker Oliver Hahn warnten damals, dass Marburg Gefahr laufe mit dem O-Bus auf die falsche Technik zu setzen.   

von Björn Wisker