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Marburg „In Risiko-Situationen an die Maske gewöhnen“
Marburg „In Risiko-Situationen an die Maske gewöhnen“
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10:04 24.06.2021
Ein Arzt zieht eine Spritze mit einem Impfstoff auf.
Ein Arzt zieht eine Spritze mit einem Impfstoff auf. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Zu den Folgen der Delta-Variante, die zuerst in Indien entdeckt und jüngst auch in Marburg-Biedenkopf nachgewiesen wurde, äußert sich Professor Harald Renz, Direktor der Laboratoriumsmedizin an der Universitätsklinik Gießen-Marburg.

Prof. Renz (UKGM Marburg) Quelle: Thorsten Richter

Laut Robert Koch-Institut wird sich die Corona-Delta-Variante spätestens bis zum Herbst durchsetzen; in Großbritannien ist sie es schon in 96 Prozent der Fälle. Was bedeutet das?

Mit der Delta-Variante infiziert man sich einfacher und schneller als mit den anderen Varianten oder gar dem Wildtyp-Virus. Es dockt besser an die Schleimhautzellen an. Ob das Deltavirus aber zu schwereren Erkrankungen führt, lässt sich bis jetzt noch nicht abschätzen. Dazu gibt es zu wenig Daten. Absolut betrachtet haben wir wenig Neuinfektionen derzeit. Auch bei uns im Landkreis, wenn wir das einmal vergleichen mit der Situation im letzten Winter. Aber von den wenigen Neuinfektionen werden halt immer mehr sich mit dem Deltavirus infizieren.

Studien zeigen: Die Impfungen, die mittlerweile mehr als 50 Prozent der Bevölkerung und zumal die Risikogruppen haben, schützen sehr wirksam auch vor dieser Mutation. Bei Biontech-Einzelimpfung 79 Prozent, bei Doppel-Impfung mit Biontech oder Astrazeneca 92 bis 96 Prozent, Hospitalisierungen sind demnach die absolute Ausnahme. Warum also die aktuelle Aufregung?

Um den Delta- und anderen Varianten die Lebensgrundlage zu „entziehen“ braucht es einen guten Immunschutz. Deswegen ist es wichtig, dass ein sehr, sehr großer Teil der Gesamtbevölkerung komplett immunisiert ist. Nach der Erstimpfung gibt es zwar schon einen gewissen Schutz, der reicht aber nicht aus und ist am Anfang noch zu schwach. Es werden zu wenig Antikörper gebildet. Es braucht den Boost der zweiten Impfung. Viel Immunschutz hilft auch viel. Wir sind zwar auf einem guten Weg, aber von einer Herdenimmunität mit Komplettschutz in mindestens 70 Prozent der Bevölkerung sind wir eben noch relativ weit entfernt.

Es ist schon jetzt von einer kommenden „vierten Welle“ die Rede. Wie schätzen Sie, da Modelle nun schon so oft danebenlagen, die Wahrscheinlichkeit und vor allem die tatsächliche Gefahr ein?

Nicht geschützt sind eben dann die, die nicht geimpft sind und auch keine Covid-19-Erkrankung jüngst durchgemacht haben, also vor allen Dingen die Kinder und Jugendlichen. Deswegen werden wir sehen was passiert, wenn nach den Sommerferien der Regelunterricht wieder aufgenommen wird. Auf der „Haben“-Seite ist ja auch noch zu vermerken, dass bei Kindern und Jugendlichen deutlich weniger und auch kaum schwere Infektionen auftreten. Was am Ende bei dieser Abwägung der Risiko- und Schutzaspekte herauskommen wird, ist schwer zu sagen. Wir müssen abwarten, aber sollten vorbereitet sein.

In Kürze könnte der Impfschutz für Risikogruppen, die zu Jahresbeginn immunisiert wurden, ausklingen. Wie sollte man damit umgehen, etwa die Pflegeheim-Bewohner jetzt wieder priorisiert behandeln, um etwaige Todesfälle zu vermeiden?

Es ist durchaus realistisch, dass eine weitere Auffrischimpfung dann sukzessive notwendig sein wird. Die Impfstoffhersteller arbeiten schon an verbesserten Impfstoffen, die auch noch mehr die Varianten berücksichtigen. Dann gibt es eben eine dritte Impfung hinterher. Vielleicht müssen wir uns auch darauf vorbereiten und einstellen in den nächsten Jahren.

Die Zahl der Positiv-Getesteten sinkt oder stagniert auf niedrigem Niveau. An der Maskenpflicht wird zumindest in Innenräumen trotzdem festgehalten – wie schätzen Sie das ein und wie ist die Perspektive, da manche ja schon fordern: Maske für immer, da sie sich auch bei der Vermeidung etwa von Grippe, Erkältungen, Magen-Darm usw. bewährt hat?

Eigentlich passt die Maske nicht in unsere Kultur. Sicher, wir haben uns notgedrungen daran gewöhnt, weil immer noch Abstand, Maske und Händedesinfektion mit die besten Schutzvorkehrungen sind neben dem Impfen. Möglicherweise wird es so sein, dass wir uns immer dann, wenn es eine Risikosituation gibt, an die Maske gewöhnen müssen – etwa wenn wir uns mit vielen Menschen in Innenräumen aufhalten, eng beieinander sind, im Flugzeug oder Zug. Einen positiven Nebeneffekt haben wir im letzten Winter schon gesehen: Es gab so gut wie keine Erkältungserkrankungen, weder bei Kindern und Jugendlichen noch im höheren Alter. Hier haben die AHA-Regeln einen wesentlichen Beitrag geleistet neben anderen Effekten, die hier eine Rolle spielen.

Indizien und Aussagen aus dem Gesundheitsministerium deuten ja darauf hin, dass im Sommer 2020 vor allem Rückkehrer aus Südost-Europa vergleichsweise häufig positiv getestet wurden. Die Urlaubszeit steht nun an, wie sehen Sie die Gefahr, die von Reiserückkehrern ausgeht?

Hier hilft vielleicht ein Blick über die Landesgrenzen. Die Situation jetzt in Großbritannien mit einer drastischen Zunahme an Delta-Varianten-Infizierten ist ganz wesentlich darauf zurückzuführen, dass es eine große indisch-britische Community gibt, die viel hin- und herreist. Dies zeigt, dass Mobilität ein wichtiger Faktor für die Verbreitung des Virus ist. Hier hilft nur testen, testen, testen; neben impfen, impfen, impfen.

„Wenn es wärmer wird, sind Viren auf dem Rückzug“ – das ist seit Jahrhunderten so etwas wie menschliches Allgemeinwissen. Bei Corona ist das, siehe Entwicklung der Positiv-Tests, nicht anders. Was bedeutet der Faktor Saisonalität künftig für den Umgang mit Covid?

Die Saisonalität gilt insbesondere für die klassische Influenzagrippe. Das Coronavirus „zieht um den Globus“. Das sehen wir ja auch gerade aktuell mit der Delta-Variante. Klimatische Zyklen spielen dabei eine Rolle, aber sie alleine sind nicht ausschlaggebend. Nehmen wir den Sommer als Beispiel: internationale Reisen, volle Strände am Mittelmeer und an anderen Küsten, dann die Rückkehr der Schüler nach den Sommerferien. All das können Beschleuniger sein für die Ausbreitung des Virus. Wir werden das sehen und müssen dann damit umgehen. Das haben wir jetzt ja eigentlich schon ganz gut trainiert, sollten also eigentlich jetzt gut vorbereitet sein auf das, was möglicherweise kommt.

Von Björn Wisker

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