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Marburg In Quarantäne werden die Tage sehr lang
Marburg In Quarantäne werden die Tage sehr lang
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07:56 18.06.2020
Auf Familienausflüge – wie auf diesem Foto aus Baden-Württemberg zu sehen – muss die unter Quarantäne stehende Frau in diesen Tagen verzichten. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Landkreis

Corona – ganz ehrlich, den meisten Menschen reicht es jetzt. Sie wünschen sich nichts mehr als ihr normales Alltagsleben zurück. Keine Einschränkungen mehr, keine Besuchsverbote. Endlich wieder volle Kinos, volle Kneipen, volle Konzerte, volle Stadien und keine Angst mehr vor Ansteckung.

Während derzeit also sehr viele für sich das „Buch Corona“ zuklappen und wieder offen sind für Neues, sind andere noch ganz tief in diesem Buch gefangen. Auch hier im Landkreis.

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Und gefangen ist wohl tatsächlich der richtige Ausdruck. Seit Anfang Juni hat sich das Leben einer Frau komplett geändert. Nie hätte sie gedacht, es mit Corona dermaßen zu tun zu bekommen. Aber Fakt ist, dass ihr Lebensgefährte positiv getestet wurde.

„Wir, zwei Kinder und ich, sind seitdem in angeordneter Quarantäne, mein Partner noch bis diese Woche. Für mich und die Kinder beginnt die eigentliche Quarantäne erst, wenn mein Partner aus seiner Quarantäne rauskommt. Wir alle drei wurden negativ getestet. Trotzdem geht es nach dieser Woche noch einmal zwei Wochen in komplette häusliche Isolation“, sagt die Frau im Gespräch mit dieser Zeitung.

Nachbarn und Freunde kümmern sich

Körperlich fühle sie sich gesund, mache – so gut es eben geht – Sport in den vier Wänden. Doch sie sehnt sich immer mehr nach Bewegung im Freien. Psychisch fühlt sie sich hingegen am Ende ihrer Kräfte. „Wir wohnen auf dem Land und haben trotzdem derzeit keine Möglichkeit, mit unseren Kindern eine kurze Zeit frische Luft zu schnappen, da wir in häuslicher Umgebung nur ein Gemeinschaftsgrundstück zur Verfügung haben, was wir laut Gesundheitsamt nicht nutzen dürfen.“

Die Frau sagt, dass sich Nachbarn und Freunde rührend kümmern. Es mangelt nicht an guter Versorgung. Und trotzdem ist da ein Gefühl, das alles überdeckt, das, je länger man damit letztendlich allein konfrontiert ist, immer mehr die Oberhand gewinnt und die Tage verdammt lang werden lässt.

Zweifel am Testergebnis

„Im Ort ist sehr viel Aufruhr entstanden, da viele unwissend sind und nicht verstehen, auf welchem Weg man sich mit dem Covid-19-Erreger anstecken kann, wie lange die Inkubationszeit ist und so weiter. Dadurch ist leider schon die Solidarität und der Zusammenhalt in dieser schweren Zeit in den Hintergrund getreten und sogar eine Hetzkampagne gegen uns gestartet worden“, sagt die Frau, die damit gar nicht umgehen kann.

Niemand stecke sich freiwillig an, verschweige etwas, vor allem wenn man selbst noch gar nicht wusste, möglicherweise Corona zu haben. Bisher sind ihres Wissens nach alle Personen, die ihr Lebensgefährte als Kontaktpersonen genannt hat, negativ getestet worden. Das sei ja schon mal sehr gut. Deshalb mehren sich aber bei ihr auch die Zweifel, ob das Testergebnis bei ihrem Lebensgefährten überhaupt richtig war. Eine Wiederholung des Tests sei aber nicht vorgesehen, habe man ihr gesagt.

„Es wird über uns geurteilt“

Was die Frau auch so fertig macht: „Auch wenn wir die schwierige Quarantänezeit hinter uns gebracht haben, werden wir es in unseren Wohnort nicht leicht haben. Uns sind hier in Quarantäne die Hände gebunden, wir können keine Stellung dazu nehmen und uns auch nicht verteidigen. Es wird über uns geurteilt und wir können nichts dagegen ausrichten. Ich möchte so gern an die Vernunft der Menschen appellieren, dass wir als Familie diesen Erreger nicht erfunden haben und ihn auch nicht mutwillig verbreiten wollten. Bei allen, denen wir damit unwissentlich Sorgen und Probleme bereitet haben, möchten wir uns trotzdem herzlichst entschuldigen.“

Sie möchte sich aber auch bei denjenigen bedanken, die sofort hinter ihnen standen und noch immer stehen: „Wir haben tolle Freunde und Nachbarn sowie unsere Familie, die uns Mut, Kraft, Liebe und Zuversicht geben.“

Von Götz Schaub

17.06.2020
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