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Marburg Talkrunde: "Gutbürger versus Wutbürger"
Marburg Talkrunde: "Gutbürger versus Wutbürger"
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00:16 12.02.2019
Die Referenten: Wolfgang Engler (von links), Leiter des städtischen Fachdienstes Migration und Flüchtlingshilfe, Bernd Hayo, Professor für Makroökonomie (Marburg) und Dr. Florian Neumeier, ifo-Institut München. Foto: Heinz-Dieter Henkel
Die Referenten: Wolfgang Engler (von links), Leiter des städtischen Fachdienstes Migration und Flüchtlingshilfe, Bernd Hayo, Professor für Makroökonomie (Marburg) und Dr. Florian Neumeier, ifo-Institut München. Quelle: Heinz-Dieter Henkel
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Marburg

Neben Professorin Elisabeth Schulte (Geschäftsführende Direktorin MACIE) begrüßte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) die gut 60 Interessierten im Rathaussitzungssaal. Er betonte, dass die Stadt Marburg eine „Haltung“ zur Flüchtlingsbewegung der vergangenen vier Jahre bewiesen habe und verwies in diesem Zusammenhang auf die einstimmigen Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung zur Aufnahme und Integration Asylsuchender in Marburg.

Im Mittelpunkt des folgenden Vortrags standen die bisherigen Auswertungen zu einer repräsentativen Umfrage, welche die Philipps-Universität Marburg und das ifo-Institut München bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Auftrag gegeben hatten.

Mehr als 2.000 Menschen ab 14 Jahren wurden zu den Themen Grundrecht auf Asyl, die jährlichen Obergrenzen und die Finanzierung des Ganzen befragt. Der Themenbereich, inwieweit detaillierte Informationen und Fakten überhaupt Einfluss auf die Einstellung der Menschen haben, spielte in dem Vortrag von Professor Bernd Hayo (Lehrstuhl für Makroökonomie, Marburg) und Dr. Florian Neumeier (ifo-Institut München) nur eine untergeordnete Rolle.

Kernfrage nach dem Artikel 16a im Grundgesetz

Im ersten Teil mit Wissensfragen stellte sich heraus, dass nur rund ein Viertel der Befragten überhaupt wusste, wie viele Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Rund 35 Prozent mochten nicht einmal eine Schätzung abgeben.

Nahezu ebenso groß die Unkenntnis über den Anteil der Muslime unter den Geflüchteten. Nur rund 10 Prozent der ­Interviewten lagen mit ihrer ­Angabe von 70 Prozent richtig.

Bei den Kosten für jeden einzelnen Asylsuchenden gehen selbst bei Wissenschaftlern die Schätzungen weit auseinander. Sie dürften nach Angaben der Referenten zwischen 1.200 und 1.500 Euro pro Monat liegen. Kernfrage der Untersuchung war die Frage nach dem Artikel 16a, das im Grundgesetz festgeschriebene Recht auf Asyl.

Dort meinten 14 Prozent, dass das Asylrecht in der derzeitigen Form beibehalten werden sollte. 58 Prozent meinten, dass es eingeschränkt werden müsse, und 28 Prozent wollten es ganz abschaffen. Diese Werte differierten nur unwesentlich, ob jemand viel oder schlecht verdient, einen­ höheren oder niedrigeren ­Bildungsabschluss hat, vom ­Geschlecht oder dem Alter der ­Befragten.

Wohl keiner der "Wutbürger" im Saal

Stärkere Unterschiede waren­ lediglich zwischen den alten­ und neuen Bundesländern und bei der Präferenz einer bestimmten Partei, Grüne auf der einen Seite und AfD auf der anderen, auszumachen. Während die Frage nach der Finanzierung der anerkannten

Flüchtlinge im Spannungsfeld des Verbots von Neuverschuldung und schwacher Wirtschaftsprognosen nur wenig­ aussagekräftig blieb, ist die Frage nach der Obergrenze der ­Zuwanderung mit bis zu 100.000 am häufigsten genannt. Marginal die rund 13 Prozent der ­Befragten, die keine Obergrenze festlegen wollten.

Im Anschluss referierte Wolfgang Engler, Leiter des städtischen Fachdienstes Migration­ und Flüchtlingshilfe, Zahlen und Fakten zur Situation geflüchteter Menschen (die OP berichtete am 16. Januar) und wie ihnen in Marburg geholfen wird.

Die erwartete harte Auseinandersetzung über die Ergebnisse der Studie scheiterte letztlich daran, dass sich wohl keiner der angesprochenen Wutbürger im Saal befand. So beschränkte sich die anschließende Diskussion eher auf Nachfragen um den gestellten Fragenkatalog und zu Statements über die Ergebnisse.

von Heinz-Dieter Henkel