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Marburg Prozess: Vergewaltigung am Lahnufer in Marburg
Marburg Prozess: Vergewaltigung am Lahnufer in Marburg
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00:19 23.11.2018
Symbolfoto: Das Amtsgericht und Landgericht in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Das Mädchen zitterte am ganzen Körper. Es bedurfte viel Geduld und gutes Zureden von Richter Thomas Rohner, Vorsitzender des Jugendschöffengerichts, und Staatsanwalt Dr. Dennis Bodenbenner, um die 16-Jährige dazu zu bewegen, ihr Martyrium genau zu schildern. Ihr Peiniger befand sich währenddessen in Handschellen auf dem Flur.

Erst nachdem sich ein Betreuer aus ihrer Wohngruppe zur seelischen Unterstützung neben sie gesetzt hatte, entspannte sich das Mädchen ein wenig und legte dar, was am 16. Juni passiert war.

Täter war dem Amtgericht bekannt

Kurz vor diesem Datum war der 23-jährige Angeklagte mit seinen Avancen gescheitert. „Ich hatte kein Interesse an ihm. Er hat mich danach als ‚Hure‘ beschimpft“, erklärte sie. Am Tattag traf sie sich auf Vorschlag des Angeklagten dennoch mit ihm – in den frühen Morgenstunden am Lahnufer.

Der Angeklagte machte zum Tatvorwurf keine Einlassung. Er war dem Amtsgericht kein Unbekannter. Bereits 2017 trat er eine Ersatzhaftstrafe wegen eines sexuellen Übergriffs an. Bei einem laufenden Ermittlungsverfahren steht der gleiche Vorwurf im Raum. „Ich dachte, er wollte sich bei mir entschuldigen“, sagte die 16-Jährige.

„Er hat meine Hose heruntergezogen“

Doch als sie sich aufgrund von Schwindelgefühlen ins Gras legte, habe sich der Angeklagte auf sie gelegt, sie an Brust und Genitalien angefasst. Die Stimme des Mädchens versagte mehrmals, doch schließlich brachte sie hervor: „Er hat meine Hose heruntergezogen und ist mit einem Finger in mich eingedrungen.“ Sie habe aufstehen wollen, doch der 23-Jährige habe sie auf den Boden gedrückt. Sie wog 40 Kilogramm weniger als er.

25 Meter vom Tatort entfernt, machte ein Wachmann Zigarettenpause. Er bemerkte, die beiden Personen, konnte aufgrund der Dunkelheit allerdings nicht allzu viel erkennen. „Ich dachte, dass es ein Liebespärchen ist, dass sich da eine schöne Nacht macht“, erklärte der 27-Jährige. Als er jedoch Schreie des Mädchens hörte, schaute er nach dem Rechten. „Der Mann lag auf dem Mädchen. Hose und Unterhose waren heruntergelassen“, sagte der Helfer. Er nahm das Mädchen in seine Obhut.

„Sie war sehr verstört. Der Junge meinte ständig, dass alles in Ordnung ist. Sah mir aber nicht so aus“, berichtete der Wachmann. Nach einigen erneuten Annäherungsversuchen an die 16-Jährige suchte der Angeklagte das Heil in der Flucht, als der Wachmann die Polizei verständigte. Ein Polizeioberkommissar berichtete, dass sich der Beschuldigte einige Minuten später widerstandslos festnehmen ließ.

Vermindert schuldfähig, aber nicht schuldunfähig

Die 16-Jährige hatte zu dem Zeitpunkt Alkohol und Marihuana konsumiert. Und die Polizei stellte beim Angeklagten einen Alkoholwert von 2,59 Promille fest. Laut Gutachten der Gerichtsmedizinerin war der 23-Jährige somit zwar nur vermindert schuldfähig, jedoch nicht schuldunfähig. „In dem Bereich bewegen wir uns erst ab drei Promille“, erklärte sie.

Das Jugendschöffengericht folgte dem Antrag von Dr. Bodenbenner: Zwei Jahre und acht Monate wegen eines minder schweren Falls von Vergewaltigung. Die Verteidigung erklärte keinen Rechtsmittelverzicht

von Benjamin Kaiser