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Marburg Stecker im Ohr soll Epileptikern helfen
Marburg Stecker im Ohr soll Epileptikern helfen
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12:55 05.09.2020
Professorin Susanne Knake überprüft den Sitz des „Ohrstöpsels“, der bei Epilepsie-Patienten künftig EEG-Signale messen soll, beim Psychologen Peter Michael Mross.
Professorin Susanne Knake überprüft den Sitz des „Ohrstöpsels“, der bei Epilepsie-Patienten künftig EEG-Signale messen soll, beim Psychologen Peter Michael Mross. Quelle: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Ein Stöpsel im Ohr mit einem Im-Ohr-Sensor – ähnlich groß wie ein modernes Hörgerät – könnte eine neue Hoffnung für Epilepsie-Patienten darstellen.

Denn mit Hilfe der Hi-Tech-Gerätschaft im Mini-Format soll in dem Pilotprojekt die mobile Erfassung von EEG-Signalen sowie weiteren Biosignalen und deren Auswertung machbar werden.

EEG-Messungen bei Epilepsie-Patienten sind bisher nur bei stationären Aufenthalten in Kliniken möglich, wie beispielsweise im Epilepsiezentrum Hessen am Marburger Uni-Klinikum. Und das ist zudem aufwändig, weil der gesamte Kopfbereich mit einer Reihe von Elektroden verkabelt werden muss.

Doch die meisten epileptischen Anfälle passieren außerhalb des Klinikumfeldes im Alltag der Patienten. Bisher sind Ärzte bei der Einschätzung der Anfallsfrequenz auf die Schilderungen der Patienten und ihrer Bezugspersonen angewiesen. Doch diese Angaben – beispielsweise in Patienten-Tagebüchern –sind oft unvollständig, weil Anfälle beispielsweise im Schlaf nicht immer bewusst wahrgenommen werden oder die Symptome nicht eindeutig zugeordnet werden können.

Mehrere Vitalparameter werden erfasst

An der Umsetzung des Projektes ist neben dem Uni-Klinikum Bonn auch das Uni-Klinikum Marburg beteiligt. „Mit dem mobilen System können gewissermaßen im Gehörgang – näher am Gehirn –EEG-Daten aufgezeichnet werden“, verdeutlicht die Marburger Neurowissenschaftlerin Professorin Susanne Knake, Leiterin des Marburger Epilepsiezentrums den Clou des Projektes.

Zudem werden auch die Vitalparameter Herzrate, Körpertemperatur, Sauerstoffsättigung und Atemrate kontinuierlich gemessen. Besondere Hoffnung setzt Knake auf in diesem Zusammenhang erhobene EEG-Daten aus der ansonsten klinisch schwierig abzuleitenden Region des Schläfenlappens, denn die „Ohr-Elektrode“ liegt dicht daneben.

Test laufen rund um die Uhr

Zwei verschiedene Systeme – eines direkt im Ohr, eines als flexible Klebe-Elektrode hinter dem Ohr – werden bezüglich Leistungsfähigkeit und Tragekomfort miteinander verglichen. Zunächst sollen ab Ende dieses Jahres 20 Patienten des Marburger Epilepsie-Zentrums (und dieselbe Anzahl Patienten in Bonn) die Systeme testen – und zwar rund um die Uhr, damit die elektrischen Hirnaktivitäten möglichst lückenlos erfasst werden. Nach der ersten Phase soll in der Erprobungsstudie noch einmal ein zweiter, dann ambulanter Teil mit jeweils 40 Patienten des Marburger Zentrums und derselben Anzahl in Bonn folgen.

Derzeit erhalten die Mediziner des Epilepsie-Zentrums Hilfe von Medizintechniker Gunter Kräling und seinem Team, die in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für die technische Umsetzung des Projektes vor Ort sorgen. Mit zum Team des Marburger Projektes gehört auch Psychologe Peter Michael Mross.

Anfälle verlaufen unterschiedlich

Epilepsie-Expertin Susanne Knake sieht die neue Idee generell als eine „sehr interessante Möglichkeit, Anfälle aufzuzeichnen“, an. Sie hofft, dass am Ende des Projektes, das eine Laufzeit von zweieinhalb Jahren hat, vielleicht sogar eine Art „Warnsystem für Patienten“ entwickelt werden könnte, das durch die Auswertung aller relevanten Daten Anfälle bereits einige Minuten vorher erkennen könnte.

Zur Früherkennung von epileptischen Anfällen kann man nach Knakes Angaben bereits auf eine Reihe von Forschungsprojekten zurückgreifen. Jedoch gebe es nicht den typischen Anfallsverlauf, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher, individueller Verläufe, sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch in Bezug auf die Intensität.

Klar sei aber, dass die Mediziner zur möglichst frühzeitigen Erkennung von Anfällen auf kontinuierlich aufgezeichnete Daten mit einer langen Vorlaufphase ein Augenmerk legen müssten. Dafür legt das Projekt erstmals die Möglichkeit einer mobilen und komfortablen Anwendung.

„MOND“-Projekt

„MOND“ heißt der prägnante Projekttitel für die Kooperation des Fraunhofer-Institutes für Software- und Systemtechnik Oldenburg und der Universität Oldenburg mit zwei Medizin-Zubehör-Firmen, dem Institut für Medizinmananagement und Gesundheitswissenschaften der Uni Bayreuth sowie den Uni-Kliniken in Marburg und Bonn.

Es ist die Abkürzung für den Titel „Mobiles, smartes Neuro-Sensorsystem für die Detektion und Dokumentation epileptischer Anfälle im Alltag“. Experten aus der Technologie-Entwicklung und der klinischen Prüfung arbeiten zusammen. Gefördert wird das Projekt vom Bundesgesundheitsministerium mit 3,4 Millionen Euro, rund 270.000 Euro davon fließen an den Standort Marburg.

Angestrebt wird ein konzeptioneller Beweis (proof of concept) für ein auf Künstlicher Intelligenz basierendes Sensorsystem zur automatisierten Erkennung epileptischer Anfälle im Alltag.

Die mobile Erfassung aller relevanten Parameter zum Zeitpunkt des Anfalls in alltäglichen Abläufen soll beispielsweise bei der Klassifizierung von Epilepsie-Erkrankungen, einer optimalen Dosierung von Medikamenten oder bei der Entwicklung von Systemen zur Frühwarnung helfen. Sie soll auch dazu beitragen, Lücken im Patientenbericht und in der Einschätzung des Therapieerfolgs zu schließen.

Von Manfred Hitzeroth