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Marburg Mehr Jugend wagen – für Klima, Schule und Entfaltung
Marburg Mehr Jugend wagen – für Klima, Schule und Entfaltung
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17:55 08.12.2020
Der Skatepark im Gassmann-Stadion ist einer der wenigen Jugendtreffs in Marburg – die Grünen wollen das ändern, fordern einen grundsätzlich stärkeren Fokus auf die Interessen von Kindern, Teenagern und jungen Familien.
Der Skatepark im Gassmann-Stadion ist einer der wenigen Jugendtreffs in Marburg – die Grünen wollen das ändern, fordern einen grundsätzlich stärkeren Fokus auf die Interessen von Kindern, Teenagern und jungen Familien. Quelle: Archiv
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Marburg

Politisch verstärkt auf Kinder und Jugendliche schauen, hören und handeln: Die Marburger Grünen fordern im Vorfeld der Ende dieser Woche anstehenden Debatte um den Haushalt 2021 ein „Ende des Verdrängens und Rausdrängens von jungem Leben aus der Innenstadt", wie Dr. Elke Neuwohner, Fraktionschefin, sagt. Ein Vorwurf, den Jugendliche in Marburg selbst erheben, wie aus dem vor einigen Wochen veröffentlichten Jugendbericht hervorgeht (OP berichtete).

Das Kinder- und Jugendparlament sei allem Engagement zum Trotz als institutionelles Gewicht und Stimme zu schwach, um Magistrat und Stadtverwaltung jugendpolitisch antreiben zu können. „Was tatsächlich passiert, sehen wir doch in Weidenhausen: Da will man jetzt einen Spielplatz in einen Käfig stecken", sagt Neuwohner. Das sei geradezu symbolische ZIMT-Regierungs-Politik: Statt Jugendlichen Raum zur Entfaltung, Treffpunkte eben auch für unbeaufsichtigte Aktivitäten zu geben, wolle man sie maximal einschränken.

12 000 Schüler, die nur brav in der Schule Leistung bringen sollen und darüber hinaus „als lästig, gar als Gefahr gesehen werden“, sagt Christian Schmidt, Parteichef. Dabei brauche es speziell für 16- bis 20-Jährige, nicht zuletzt wegen des Club-Sterbens – jüngst schloss das vor allem als „Kult“ bekannte „Till Dawn“ – Freizeitangebote, ja, auch für Parties.

Dass etwa Müll, Fäkalien und Nacht-Lärm wie im Northampton Park durch brüllende Bluetooth-Boxen nicht hingenommen werden dürften – weder von Anwohnern, noch von der Stadtverwaltung – sei klar. Da sei aber eine Dauerpräsenz der Stadtpolizei, eine engmaschigere Bestreifung des als solchem ja offenbar erkannten Problembereichs sinnvoller als ein Kinder-Käfig. „Recht auf Ruhe und Recht auf Entfaltung muss ko-existieren können.“

Der Klimaaktionsplan ohne Zeitplan und ohne Verbindlichkeit ist ohne Wert

Eben wegen der jungen Generation, deren Zukunft auch in der Universitätsstadt, müsse auch bei der kommunalen Klimapolitik „eine Verbindlichkeit, eine sofortige Umsetzung konkreter Vorhaben" her, wie Schmidt sagt. Der Klimaaktionsplan sei „eine herbe Enttäuschung“, nicht wegen der Inhalte, sondern wegen des Fehlens eines Zeitplans bis wann – und ob überhaupt – einzelne Projekte, vom Bau echter Radwege statt Schutzstreifen über Auto-Reduzierung bis zu Windkraft verwirklicht werden sollen.

Ein zentraler Baustein für die Grünen bleibe nicht zuletzt deshalb der Bau von Windrädern etwa auf dem „Lichter Küppel“ bei Moischt. Den Signalen aus SPD-Richtung, die im Sommer überraschend die Projekt-Prüfung befürworteten, trauen Schmidt und Co. nicht. „Gegenüber allen, denen die Klimafrage etwas bedeutet, müssen sie vor der Wahl den Beweis antreten: Will man die Energiewende, oder will man nur so tun?“

Auch, aber nicht nur für Kinder und Jugendliche: Für den 2021-er Haushalt fordern die Grünen um ihre Oberbürgermeister-Spitzenkandidatin Nadine Bernshausen umgehend 300 000 Euro in Schul-Umbauten, in Corona-konforme Klassenzimmer-Luftreiniger zu investieren. „Der Magistrat muss machen, nicht reden und behaupten, in Marburg laufe alles toll. Es läuft schlecht, eben weil man nichts unternimmt“, sagt Dietmar Göttling, Fraktionschef, in Richtung Stadträtin Kirsten Dinnebier (SPD).

Einnahmen geben im Haushalt „viel mehr, vor allem mehr Mut und Raum für Visionen her“

Überhaupt gebe der Haushalt, wie schon in den Vorjahren wegen der Einnahmen „viel mehr, vor allem mehr Mut und Raum für Visionen her“, sagt Göttling. Die Krise, die der OB 2016/2017 ausrief, habe nicht finanziellen, sondern politischen Zwecken gedient: der Wegbereitung zur ZIMT-Regierung mit BfM und CDU, aber eben auch als Machtdemonstration in Richtung Freier Träger in Kultur- und Soziallandschaft. „Damals wie heute gilt: Nur einer entscheidet, und das sind nicht die pro forma beteiligten Bürger“, sagt er.

Der Mechanismus sei auch beim Corona-Stadtgeld, dem exklusiv von ihm unterschriebenen Briefen, deren Wirkung – profitierten inhabergeführte Läden, oder doch Ketten? – unklar sei, sichtbar geworden: „Dem OB geht es nicht um Marburg, sondern um sich.“

Die Grünen wollen das ändern: Nicht nur wollen sie mit einer OB Bernshausen den Politikstil ändern und im Parlament personell zulegen. Sie wollen auch mehr Geld für Kulturförderung, die Arbeit Freier Träger, ausgeben, und das nicht nur für ausgewählte Einzelprojekte, wie das zunehmend zur Magistrats- und Verwaltungspraxis werde. Und beim Verkehr? „Eine echte, nicht nur vorgegaukelte Wende“, wie Göttling sagt.

Von Björn Wisker

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