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Marburg Sälzer weiter an Grundstück interessiert
Marburg Sälzer weiter an Grundstück interessiert
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00:18 17.12.2018
Für die Fläche vor der Sporthalle werden vom Privateigentümer 200.000 Euro verlangt. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Auf einem unebenen Fleck voller Laub und Erde in einem jahrelang verschmähten Stadtteil Marburgs findet der Showdown eines Wirtschaftskrimis statt. Denn das Grundstück an der Dietrich-Bonhoeffer-Straße ist zum Spekulationsobjekt geworden. Nach OP-Informationen verlangt der Eigentümer des Baulands für einen Kauf 200.000 Euro, was beinahe dem Doppelten des einstigen Kaufpreises entsprechen soll. Laut Dokumenten aus den „Stadtwald-­Leaks“ liegt der Betrag von 200.000 Euro mit rund 80.000 Euro „über dem Marktpreis“.

Und beinahe hätte der so gut wie fix verhandelte Verkauf, ob nun an die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) oder letztlich „Die Kommunikatöre“, geklappt – bis zu deren Rückzug zu Beginn dieser Woche. Dieser Schritt öffnet wiederum die Tür für einen anderen Interessenten – die Firma Sälzer, die eigentlich 60.000 Euro für den Kommunikatöre-Umzug hätte zahlen sollen und dieses Geld nun faktisch spart; oder eben für den Kauf des Privatgrundstücks ausgeben kann.

Bewegende Wochen und Monate für die Firma Sälzer

„Das Grundstück ist durchaus eine Option für uns“, sagt Walther Sälzer, Firmenchef. Allerdings müsse man sich nun auch erst einmal sortieren, „es waren auch für uns und unsere Belegschaft bewegende Wochen und Monate“, sagt Sälzer. Ist denn der in den „Stadtwald-Leaks“ kommunizierte Kaufpreis in ­Höhe von 200.000 Euro nicht abschreckend? „Dazu müsste man zunächst einmal das Gespräch mit dem Verkäufer suchen – das ist bisher nicht geschehen“, sagt der Geschäftsführer. Der Kaufpreis sei ihm gegenüber nicht bestätigt, „wir müssten uns mal zusammensetzen und die Dinge durchgehen“.

Teil des Grundstücks-Kompromisses, der nun abgeblasen ist, ist auch gewesen, dass Sälzer perspektivisch das Grundstück hätte übernehmen können, auf dem sich derzeit noch die Stadtwald-Sporthalle befindet – denn das wäre quasi der „Lückenschluss“ zwischen dem Verwaltungsgebäude des Unternehmens und dem von dem privaten Eigentümer verkauften Grundstücks. „Mittel- und langfristig wären wir daran interessiert – wenn eine Neuordnung des Quartiers erfolgt ist“, sagt Sälzer im Hinblick auf die in etwa sechs Jahren bevorstehende Hasenkopf-Bebauung.

Würde die Stadt das Grundstück denn – wie im Kompromiss vorgesehen – weiter an Sälzer veräußern? „Ob das Grundstück verkauft wird, ist dann zu entscheiden, wenn die Turnhalle nicht mehr nutzbar und an anderer Stelle ersetzt ist“, lautet die Antwort auf die Anfrage der OP. Wenn die Stadt dann das Grundstück nicht mehr benötige, „sollte Sälzer die Möglichkeit haben, die Fläche zu erwerben“.

SEG: "Wer ein Grundstück gekauft hat, muss es bebauen"

Der private Grundstückseigentümer äußerte sich im OP-Gespräch so, dass ein Verkauf „nicht das angestrebte Ziel“ ist, sondern die Errichtung von „etwas Gesellschaftlichem“. Nachbarschaftszentrum? Wohnungen? Gastronomie? Dazu äußerte er sich nicht. Viele Stadtwaldbewohner glauben aber nicht so recht an konkrete Umsetzungspläne, vielmehr wittern sie im Boomstadtteil der Gegenwart – künftig könnten bis zu 900 Bewohner mehr im möglichen neuen Wohngebiet leben – Indizien für Grundstücksspekulation.

Grundsätzlich gilt jedoch: Wer von der SEG ein Grundstück gekauft hat, „muss es bebauen“,­ sagt Geschäftsführer Jürgen Rausch auf OP-Anfrage. Das gelte auch für dieses Areal. Problem: Der jetzige Eigentümer kaufte die Fläche nach OP-Informationen nicht von der SEG, sondern von einem anderen Privatbesitzer, der die Fläche zuvor von der SEG erwarb. Gilt die Bebauungs-Pflicht dann auch noch? 

Spekulation mit Baugrundstücken nimmt zu

Unabhängig vom konkreten Fall sollen solche „Grundstücksverkäufe dem Interesse der Stadtentwicklung dienen“ und  eine „zügige Bebauung ist rechtlich so gut wie möglich abgesichert“, heißt es von der Stadt Marburg.
Fakt ist aber: Auch die Spekulation mit Baugrundstücken nimmt in ganz Deutschland zu, wobei die Erwerber zunächst abwarten, ob sie Bauland zu einem späteren Zeitpunkt teurer verkaufen könnten, ohne sich die Mühe zu machen, darauf ein Gebäude zu errichten.

Das hat das Analyseunternehmen „Bulwiengesa“ in einer aktuellen Projektentwicklerstudie festgestellt. Auch laut des Bundesverbands freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen halten private Eigentümer offenbar wertvolles Bauland gezielt zurück.

Die Anzahl der Kaufverträge in Marburg lag in den vergangenen Jahren laut städtischem ­Immobilienmarktbericht jeweils rund um die Marke von 700 pro Jahr. Die Zahl des verkauften Baulands in der Stadt schwankte in den vergangenen fünf Jahren, jährlich wurden demnach zwischen 30 und 40 Wohn- und Mischbauflächen, zwischen zwei und fünf Gewerbeflächen und ähnlich wenige der Kategorie „Bauerwartungsland“ veräußert – trotz stetig steigender Bodenrichtwerte.

Mittelgroße Städte werfen höhere Renditen ab

Im Jahr 2017 wurden zumindest in zentralen Lagen „unbebaute Grundstücke nicht veräußert“, heißt es vom Magistrat in Beantwortung einer Kleinen Anfrage aus dem Frühjahr dieses Jahres. Heißt: Konkrete Hinweise auf Grundstücksspekulation gibt es nicht.

In den vergangenen Jahren haben Immobiliendienstleister, zuletzt auch das Institut für Wirtschaft aber ermittelt, dass vor allem mittelgroße Städte, speziell Universitätsstandorte wie Marburg durchaus attraktivere Rendite abwerfen als Immobilien in Metropolregionen.

Einführung einer Bodenwertsteuer könnte Spekulanten entgegenwirken

Ökonomie-Professor Dirk Löhr rät Kommunen daher zu verstärkter Bodenvorratspolitik – eine Aufgabe, die von der SEG laut Magistrat auch wahrgenommen werden soll. Das Ganze, verbunden mit mehr Neubautätigkeit – in Wehrda und am Rotenberg in der Marbach, aber eben auch im Stadtwald. In der Praxis – nach so OP-Informationen auch bereits bei Flächen unter anderem im Stadtwald – stellt sich aber die Frage, wieso ein Privateigentümer ausgerechnet an die Stadt verkaufen sollten, wenn diese nicht der meistbietende Interessent ist.

Im Ergebnis, so Kritiker des Vorgehens, drohe eine Kommune über das Ankaufen von Land aus Privateigentum sogar die Grundstücksspekulation zu befeuern. Die wichtigste Maßnahme um Spekulanten entgegenzuwirken ist laut Löhr – etwa im Zuge der bevorstehenden Grundsteuerreform – die Einführung ­einer ­Bodenwertsteuer, die in ­ihrer ­Höhe für Eigentümer brachliegender ebenso wie für Besitzer optimal bebauter Flächen gleich ist und so den Anreiz zur Spekulation reduziere.

von Björn Wisker und Andreas Schmidt

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