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Marburg In Marburg gibt es digitale Hausbesuche für Corona-Patienten
Marburg In Marburg gibt es digitale Hausbesuche für Corona-Patienten
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07:58 12.01.2021
Der Marburger Hausarzt Dr. Hartmut Hesse betreut Corona-Erkrankte - mit Hilfe einer Smartphone.App kann er verschiedene Werte im Blick behalten und mit Patienten über eine Videofunktion virtuell zu Hause besuchen.
Der Marburger Hausarzt Dr. Hartmut Hesse betreut Corona-Erkrankte - mit Hilfe einer Smartphone.App kann er verschiedene Werte im Blick behalten und mit Patienten über eine Videofunktion virtuell zu Hause besuchen. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Ein Mausklick und auf dem Bildschirm erscheint ein Wimmelbild voller bunter Punkte. Ob nun blau, grün, rot oder lila – jeder Kreis steht für eines von mehr als einem Dutzend Symptomen, die typischerweise während einer Corona-Erkrankung auftreten. Ein zweiter Mausklick und vor den Augen des Arztes poppt eine Schweregrat-Übersicht auf: milde Kopfschmerzen, starker Husten. „Die Sauerstoffsättigung von 94 Prozent gefällt mir zwar nicht, aber Atemfrequenz, Puls und Körpertemperatur sehen gut aus. Mal abwarten, was später am Tag ist“, sagt Dr. Hartmut Hesse, als er die Werte eines Mannes beobachtet, der positiv auf Covid-19 getestet wurde und zu Hause in Quarantäne ist.

Wie der Hausarzt das beobachtet, obwohl er in der Praxis in der Deutschhausstraße sitzt und sein Patient irgendwo in der Universitätsstadt? Mit Hilfe einer Smartphone-App, die seit Beginn der zweiten Corona-Welle im Oktober 2020 bei rund 20 Hausärzten in Marburg und im Landkreis im Einsatz ist. „Der Krankheitsverlauf von Covid-19 verlangt eine engmaschige Überwachung. Die Patienten messen mehrmals am Tag ihre Werte, tragen sie hier digital ein und der Arzt sieht sofort, wie es ihm geht, wie sich der Verlauf entwickelt“, sagt Hesse und deutet auf den PC-Monitor.

Puls-Oximeter zum Messen von Puls und Sauerstoffsättigung Quelle: Björn Wisker

Die benötigten Werte misst jeder Corona-Patient mit einem vom Hausarzt zur Verfügung gestellten Pulsoximeter. An den Zeigefinger klemmen, warten, die Daten auf dem Display lesen und in die App eintippen. Fertig, und alles bereit für eine Ferndiagnose.

Corona-Patienten so nah und schnell betreuen, wie es sonst kaum ginge

Ein Klick von Hesse auf das Anruf-Zeichen und es klingelt beim Erkrankten, der Doktor sieht ihn, er sieht den Doktor – ein vertrauliches Gespräch über Datenleitung statt im Arztzimmer. So, wie als Nächstes bei Alexandra Sauer. Sie hat in der Corona-Beobachtungs-App verschiedene Covid-19-Symptome angegeben und spricht nun mit Hesse darüber, wie es ihr geht, wie sie sich fühlt. So schlecht, dass sie gar ins Krankenhaus eingewiesen werden muss?

Nicht nötig, sagt Hesse – denn er weiß, dass Sauer seine Mitarbeiterin und gleichsam Probe-Patientin ist, an der die App-Funktionalität im Herbst ausprobiert wurde. Das Programm erleichtere nicht nur die Arbeit. Vielmehr gebe sie dem Arzt, vor allem aber den Betroffenen „das Gefühl, so nah und schnell betreut zu werden, wie es sonst kaum ginge.“

Denn auch wenn der Mediziner nicht zum virtuellen Hausbesuch kommt, können Patienten mit einer eingebauten „Gesehen“-Funktion erkennen, ob sich der Arzt die jüngsten Werte angeschaut hat, sich kümmert und bei Bedarf einschreiten könnte. „Die Werte sind live, ein Reagieren ist also schnell möglich“, sagt Hesse. Allerdings sei das bei den Corona-Patienten, die er zuletzt betreute, selten nötig gewesen. Die meisten, die er behandelt hat, „verkraften den Erreger ganz gut“ – wenngleich mancher auch jüngerer Patient nicht wie erhofft sofort nach zwei Wochen wieder bei vollen Kräften sei.

Eine App als Chance für Altenheim-Bewohner? Arzt verneint: Dort können Pfleger Alarm schlagen

Die App sei vor allem bei der Generation U-50 im Einsatz, helfe als direkter Draht zum Doktor vor allem Alleinlebenden und Menschen, die sich von der Familie etwa in einem eigenen Zimmer isolieren. In Altenheimen, die auch in Stadt und Landkreis am stärksten von der Infektionskrankheit betroffen sind, sei der App-Einsatz hingegen nicht nötig. Und das nicht wegen des hohen Alters, der Schwere des Pflegegrads oder der oft geringen Technik-Affinität, sondern weil in den Heimen eine recht engmaschige Überwachung der Menschen über das Personal bereits gegeben sei. „Da braucht es für das Alarmschlagen nicht unbedingt eine App“, sagt Hesse, der auch Vorsitzender des heimischen, fast 400 Mitglieder zählenden Ärztenetzwerks PriMa ist.

Bei der behördlichen Corona-Fallzahl-Veröffentlichung des Landkreises Marburg-Biedenkopf steht, dass die Positiv-Getesteten nicht nur vom Gesundheitsamt, sondern auch von den niedergelassenen Ärzten betreut werden. Hesse erklärt: „Quarantäne, Kontakt-Verfolgung, Eindämmung insgesamt sind behördliche Aufgaben. Aber die Arbeit am Patienten, die Überwachung des Gesundheitszustands ist vor allem Sache der Hausärzte oder Klinik.“

Schon richtet sich Hesses Blick wieder auf den Monitor: Neue Werte der vorhin bedenklichen Sauerstoffsättigung laufen ein. Die Kurve zeigt nach oben. „Das sieht nach Entwarnung aus“, sagt Hesse und hofft, dass er das ab Sommer für die Pandemie als solche sagen kann.

Von Björn Wisker

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