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Marburg In Marburg bildet ein Roboter nun Zahnärzte aus
Marburg In Marburg bildet ein Roboter nun Zahnärzte aus
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09:56 09.06.2020
Zahnmediziner Professor Ulrich Lotzmann mit dem Lehr-Roboter „Yuki“ . Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Dass im Hörsaal eine Einlaufmusik ertönt, zu deren Takt ein Roboter am Pult tanzt, der sie dann auch noch anstelle eines Professors zum Beginn ihres Studiums begrüßt, damit haben die Zahnmediziner-Erstis nicht gerechnet.

Aber genau so, mit dem Lehr-Roboter „Yuki“, hat für rund 30 Erstsemester nun das vorerst noch abgespeckte Präsenz-Studium in der Zahnklinik am Ortenberg begonnen.

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„In einem besonderen Semester gilt es, sich etwas Besonderes einfallen zu lassen. Aber es steckt mehr hinter dem Auftritt, ich will Robotern das Exotische nehmen, ihr Anblick und ihre Benutzung sollen für die Studenten selbstverständlich werden“, sagt Professor Ulrich Lotzmann, Klinik-Direktor.

Denn „Yuki“, der zur Studenten-Begrüßung einige Witze reißt und die angehenden Zahnärzte gleich mit smartphone-gesteuerten Quizfragen konfrontiert, wird kein Gag, kein Hingucker bleiben, sondern ab sofort und in der medizinischen Lehre eingesetzt –nicht nur vorübergehend in Corona-Zeiten.

„Yuki“ macht die Theorie

„Wir wollen uns dieses Lern-Werkzeug zunutze machen“, sagt Lotzmann. Das Besondere: Das Zahnmedizin-Studium an der Philipps-Universität ist von Beginn an sehr praxisorientiert, Studenten lernen schon in den ersten Wochen an Modellen über Gebisse, Zähne und deren Behandlung mit speziellen Geräten.

Wie kann da ein Roboter helfen? „Yuki“ kann zwar keine Praxis vermitteln, aber den theoretischen Unterbau, die Vermittlung des Hintergrundwissens, Video-Präsentationen, grundlegende Buch- und Vorlesungsinhalte kann und wird er übernehmen. In den vergangenen Wochen wurden am Ortenberg deshalb etliche Videos gedreht, Detailaufnahmen und verschiedene Kamera-Perspektiven von Gebissen, Zähnen, Behandlungsmethoden.

Mehr Zeit für praktische Betreuung

Es wurde das, was bisher auf Power-Point-Folien zu sehen war, in die Programmierung eingespeist, passende Wissensabfragen und Quizze entwickelt. So soll das Lehrpersonal mehr Freiraum für die Praxis, für die Übungen, für das Beibringen des Handwerks erhalten. Konkret soll es laut Lotzmann so laufen, dass nicht mehr 30 Studenten quasi zeitgleich dasselbe machen, sondern im Wechsel eine 15er-Gruppe mit „Yuki“ lernt, die andere 15er-Gruppe Praxisübungen absolviert.

„Nichts ersetzt das Vor- beziehungsweise Nachmachen. Dafür kann es jetzt mehr Zeit, bessere, intensivere praktische Betreuung der Studenten geben“, sagt Lotzmann. Was in der Zahnmedizin gerade passiert, ist der Pionierarbeit des vor wenigen Monaten an der Philipps-Universität eremitierten Anglistik-Professors Jürgen Handke zu verdanken.

Der international renommierte Lehrpreisträger hatte vor Jahrzehnten in Marburg mit Digitallehre angefangen und gilt als Vorreiter einer technik- und onlinegestützten Hochschullehre. Sein Ansatz: Professoren, auch Schullehrer, sollen nicht mehr so sehr Wissensvermittler, sondern Trainer sein, die die Anwendung des zuvor online gelernten Stoffs – etwa über aufgezeichnete Video-Vorlesungen – beibringen.

Von Björn Wisker

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