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Marburg In ihren Adern fließt „gelbes Blut“
Marburg In ihren Adern fließt „gelbes Blut“
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11:58 12.10.2021
Judith Beck ist Chefin des „Zustellstützpunkts mit Leitungsfunktion“ in Marburg – und trägt mit ihren 24 Jahren Verantwortung für rund 450 Mitarbeitende.
Judith Beck ist Chefin des „Zustellstützpunkts mit Leitungsfunktion“ in Marburg – und trägt mit ihren 24 Jahren Verantwortung für rund 450 Mitarbeitende. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Dass Judith Beck zur Post geht, das stand für sie schon recht früh fest. „Mein Vater ist Zusteller mit Leib und Seele“, sagt die 24-Jährige. Seit einigen Jahren arbeitet auch ihre Schwester als Zustellerin. „Und für mich hatte die Post schon immer etwas Spannendes – wie kommt etwas von A nach B – und das auch noch so schnell? Diese Logistik hat mich schon immer fasziniert“, sagt Judith Beck. Und ihr Papa sei „Postler mit Leib und Seele, seine Begeisterung hat sich auf mich und meine Schwester übertragen, wir haben quasi gelbes Blut in der Familie“, sagt sie lachend.

Also bewarb sich Judith Beck 2016 für ein Duales Studium bei der Post – sie bekam den Platz für Industriemanagement und BWL. „Mein praktischer Teil war in der Niederlassung Gießen, mein theoretischer Teil in Karlsruhe an der Dualen Hochschule“, erzählt sie. Der nächste Schritt auf der Karriereleiter kam jedoch schon, bevor sie das Studium fertig absolviert hatte. „Auf dem Weg zu einer Klausur im letzten Semester rief meine damalige Abteilungsleiterin an, die mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein Briefzentrum zu leiten“, erinnert sich Judith Beck. „Konnte ich“, sagt sie, „und habe ich dann auch gemacht“. Beck übernahm kommissarisch die Leitung des Briefzentrums in Freudenberg und war damals mit 22 Jahren die jüngste Post-Chefin in Nordrhein-Westfalen, hatte die Verantwortung für 170 Mitarbeiter.

In einem Briefzentrum werden im Dreischichtbetrieb Briefe maschinell und per Hand sortiert und kommen dann am nächsten Morgen zu den Zustellstützpunkten – das Thema Zeit ist dabei eine große Herausforderung.“ Denn letztlich müssten bei der Logistik alle Zahnrädchen präzise ineinandergreifen. „Es kommen Lastwagen aus allen Richtungen bis morgens um 4 Uhr an – und bis 7 Uhr morgens muss alles fertig sortiert sein“, erklärt Judith Beck.

Kreative Lösungen werden im Team erarbeitet

Und zwar nach „Gangfolge“ für die Zusteller – also so, wie diese ihren Bezirk ablaufen. Täglich müssen aus dem Briefzentrum 650 000 Briefe verarbeitet werden. „Jeder Stau wird da zu einer großen Herausforderung.“ Fasziniert habe sie dabei „die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine“.

Vor einem halben Jahr kam dann ein weiterer Anruf, der den nächsten Schritt auf der Karriereleiter der ehrgeizigen Postlerin einleitete: „Ob ich mir nicht vorstellen könnte, den nächsten Schritt zu gehen und den ZSPL in Marburg zu übernehmen.“ Konnte sie wieder. Und macht sie seither. ZSPL bedeutet „Zustellstützpunkt mit Leitungsfunktion“ – mit der Verantwortung jetzt für 450 Menschen und ein Gebiet mit zwölf Standorten.

„Wir haben uns als junges Team hier zusammengefunden und es klappt richtig gut“, sagt Judith Beck. Sie ist verantwortlich für Personal und Budget, für Betriebsmittel und Qualität. Zwar „habe ich für all diese Themen Fachleute vor Ort, aber im Endeffekt schaue ich, dass sich die Kennzahlen in die richtige Richtung bewegen“. Zum Beispiel bei der Laufzeit von Briefen, denn es gilt, dass 94 Prozent der Briefe am nächsten Tag beim Empfänger ankommen müssen.

Und wenn es zu Herausforderungen kommt, „dann finden wir im Team auch kreative Lösungen“, sagt Beck. Dabei helfe ihr „mein dickes Fell und meine kommunikative Art“.

So zum Beispiel, als es darum ging, Paketkapazitäten zu finden, „damit unsere Halle nicht aus allen Nähten platzt“. Im Team sei die Lösung gereift, aus dem Paketzentrum Staufenberg einen Teil der Pakete direkt in eine Zustellbasis nach Lollar umzuleiten – und Judith Beck hatte den richtigen Ansprechpartner im Netzwerk.

Konflikte löst Judith Beck eher ruhig und sachlich

Gibt es denn das Problem, dass sie aufgrund ihres Alters nicht ernst genommen wird? „Das war im Briefzentrum schon mal Thema, hier aber überhaupt nicht.“ Insgesamt löse sie Konflikte eher ruhig und sachlich, „und je lauter jemand wird, desto ruhiger werde ich. Denn das beruhigt auch mein Gegenüber“. Letztlich „habe ich noch nie das Problem gehabt, nicht akzeptiert zu werden, weil ich eine Frau oder jung bin“.

Was ist der nächste Karriereschritt? „Nach oben geht immer für mich und ich bin auch gewillt, dafür Dinge in Kauf zu nehmen“, sagt Judith Beck. Ihren berufsbegleitenden Master hat sie zunächst auf Pause geschaltet. „Ich arbeite gerne und stecke viel Zeit in den Job. Ich liebe es, mit den Menschen in der gesamten Region zu arbeiten. Und ich will mich auch persönlich weiterbilden. Doch wenn es offene Türen gibt, dann bin ich bereit. Und wenn ich dafür nach Singapur muss, dann sitze ich morgen im Flieger.“

Ein Wunsch ist zumindest schon in Erfüllung gegangen: „Ich habe meiner Mama als Kind immer gesagt, dass ich Chefin werden will.“ Das hat geklappt.

Von Andreas Schmidt

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