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Marburg Frankfurt lässt Kinder gratis baden
Marburg Frankfurt lässt Kinder gratis baden
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00:16 27.03.2019
Alle Kinder kommen gratis ins Bad. Der Hessische Städte- und Gemeindebund begrüßt die Idee, ­bezweifelt aber, dass sich kleine Gemeinden das leisten könnten.  Quelle: Arne Dedert
Marburg

Während kleinere Kommunen regelmäßig um den Erhalt ihrer Bäder bangen, Sanierungen aufschieben und ein ums andere Mal die Eintrittspreise erhöhen, schlägt Frankfurt einen anderen Weg ein. Kinder und Jugendliche bis 14 dürfen seit Februar kostenfrei in ­alle Bäder der Stadt.

Frankfurt leistet sich das trotz Millionendefizits im Haushalt. Damit sich die Großstadtkinder mehr bewegen und die Zahl der Nichtschwimmer unter ­ihnen sinkt, wie es seitens der Stadt heißt. Marburg und Ebsdorfergrund können sich das nicht leisten, beziehungsweise sie wollen es nicht.

Marburg beispielsweise konzentriert sich darauf, diejenigen zu unterstützen, die Unterstützung benötigen, wie Marburger mit geringem Einkommen und Kinder. Das teilt die Pressestelle der Stadt mit. Statt Bäder flächendeckend kostenlos zu machen, gehe es der Stadt um soziale Teilhabe, also darum, allen Menschen den gleichen Zugang zu ermöglichen.

Wenig Enthusiasmus, Frankfurt zu folgen

Deshalb gibt es in Marburg ­etwa für Kinder den Ferienpass. Kostenpunkt: 8 Euro. Damit können 6- bis 16-Jährige unter anderem während der Sommerferien ins Aquamar. Außerdem gibt es den Stadtpass, den Marburger mit niedrigem Einkommen beantragen können. Wer ihn an der Schwimmbadkasse vorzeigt, kommt günstiger rein.

Marburg hat mal grob überschlagen, was es zusätzlich kosten würde, Kinder zwischen 3 und 15 Jahren gratis in die städtischen Bäder zu lassen. Es wären 95.000 Euro im Jahr. Geld, das die Stadt offensichtlich besser an anderer Stelle aufgehoben sieht.

Auch im Rathaus in Dreihausen gibt es wenig Enthusiasmus, dem Beispiel Frankfurts zu folgen. Als Grund führt Bürgermeister Andreas Schulz die Kosten an. „Ein Gratisbad können selbst wir uns im Grund nicht leisten”, sagt Schulz. Es sei schon eine Riesenleistung, dass eine kleine Kommune wie Ebsdorfergrund sich überhaupt ein Hallenbad leistet, ein „Hallenbad für die ganze Region”, wie Schulz betont. 

Kleine Schwimmer

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf hat 2018 erstmals bei der Schuleingangsuntersuchung nachgefragt, ob die angehenden Erstklässler schwimmen können. Herauskam: 22 Prozent der Kinder hatten das Seepferdchen, 31,8 Prozent konnten nach Einschätzung der Eltern bereits vorm ersten Schultag schwimmen. Die DLRG rät allerdings, solche Zahlen nicht überzubewerten. Denn Eltern neigten dazu, die Schwimmfähigkeiten ihrer Kinder zu überschätzen. Als sicherer Schwimmer gilt für die DLRG, wer den Freischwimmer (Bronze) hat. Das Seepferdchen sei nicht genug. Kinder, die es ablegen, können sich 25 Meter über Wasser halten. Das sei ein erster Schritt auf dem Weg zum Schwimmer, mehr aber auch nicht.

Selbstverständlich gibt es auch im GrundBad diverse Vergünstigungen für Kinder und Familien. Viel mehr ist Schulz zufolge aber nicht drin. Niemandem sei mit einem unausgeglichenen Haushalt gedient, sagt der Bürgermeister. Die Folgen seien Schwimmbadschließungen.

Dass es für kleinere Gemeinden schwierig wäre, dem Beispiel Frankfurts zu folgen, glaubt auch Karl-Christian Schelzke. „Es ist ein grundsätzliches Problem für Kommunen, Bäder zu erhalten”, sagte der geschäftsführende Direktor des hessischen Städte- und Gemeindebundes gegenüber der deutschen Presseagentur.

Ins gleiche Horn stößt Rolf Müller, Präsident des Landessportbundes. In der jüngsten Ausgabe seiner Verbands-Zeitschrift spricht er sogar von einer Bäderkrise. Nötige Sanierungen blieben vielerorts Mangels Geld aus, eine ganze Reihe von Bädern sei dem Tode nahe, heißt es in dem Bericht.

Während Müller sich für ­eine Schwimmbadumlage ausspricht, die Städte und Gemeinden mit Bad entlasten soll, fordert der Städte- und Gemeindebund mehr Engagement vom Land; sprich: mehr Landesmittel für Investitionen in hessische Bäder.

Buß: "Mehr Schwimmkurse"

Bei der DLRG hört man solche Ideen gerne. Und natürlich begrüßt die DLRG auch die Frankfurter Gratis-Aktion. Seit Jahren warnt die Gesellschaft schließlich davor, dass Deutschland nach und nach zu einem Land der Nichtschwimmer wird. Nur führten Gratisbäder nicht automatisch zu weniger Nichtschwimmern, sagt Bernd Buß, Leiter des DLRG-Bezirks Marburg-Biedenkopf.

Bäder für Kinder kostenfrei zu machen, hält er generell für eine gute Idee. Kinder, die bereits schwimmen können, kämen so niedrigschwellig an Schwimmpraxis. „Aber Sie können Nichtschwimmer nicht einfach ins Bad schicken und davon ausgehen, dass sie dann schwimmen lernen”, sagt der Rettungsschwimmer.

„Um die Zahl der Nichtschwimmer in unserem Kreis zu senken, brauchen wir mehr Schwimmkurse“, sagt Buß. Die Wartelisten für Schwimmkurse seien lang, Schulen und Vereine hätten Schwierigkeiten, an Schwimmzeiten zu kommen. „Es fehlt hier schlicht an Bädern.“

von Friederike Heitz