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Marburg In Eulenspiegel-Episode schaffte es Marburg in die Weltliteratur
Marburg In Eulenspiegel-Episode schaffte es Marburg in die Weltliteratur
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12:00 18.11.2021
Auf dieser Fotomontage ist das Marburger Landgrafenschloss zu sehen, der doppelte Till Eulenspiegel allerdings stammt aus Mölln.
Auf dieser Fotomontage ist das Marburger Landgrafenschloss zu sehen, der doppelte Till Eulenspiegel allerdings stammt aus Mölln. Quelle: Mölln-Tourismus/Thorsten Richter, montage: Tobias Hirsch
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Marburg

War Till Eulenspiegel wirklich in Marburg? Und wenn ja, was hat er da gemacht? Zumindest gibt es in der Sammlung von Geschichten um den weltberühmten Narren auch eine Marburg-Episode, in der sich Eulenspiegel an den Hof des hessischen Landgrafen im Marburger Schloss begibt und dort seine Künste als Maler feilbietet.

Till Eulenspiegel bietet an, Porträts des Landgrafen und seiner Vorfahren zu malen. Zu diesem Zweck lässt er sich zusammen mit drei „Malergesellen“ mit einigen hundert Gulden als Vorschuss bezahlen und beginnt mit seiner „Arbeit“ unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem abgesperrten Saal. Doch die kunstvoll gerahmten Gemälde enthalten schlicht überhaupt nichts, keiner nimmt in der ganzen Zeit überhaupt einen Pinsel in die Hand.

Schauplatz Marburg

Mit einem typischen Narrentrick lenkt Eulenspiegel von diesem kleinen Problem ab, als der Landgraf mit seinem Hofstaat die Bilder sehen möchte. Wer unehelich geboren sei, könne die Gemälde nicht sehen, will der Narr den Betrachtern der nichts zeigenden Bilder weismachen. Und er erzählt etwas über die angeblichen Vorfahren, die auf den Gemälden zu sehen seien.

Natürlich will sich jetzt inklusive der Landgräfin und ihres Gefolges zunächst niemand die Blöße geben, vor versammelter Mannschaft zuzugeben, nichts zu sehen. Und alle loben die Gemälde. Bis auf eine „Thörin“, also eine Hofnärrin: Sie sagt offen, dass sie nichts sieht, und löst damit schließlich aus, dass Eulenspiegel den Hof verlassen muss. Um den Schein halbwegs zu wahren, darf er aber das bereits ausgezahlte Geld behalten.

Doch wieso wurde ausgerechnet Marburg zum Schauplatz einer der Eulenspiegel-Geschichten, neben damals viel bedeutenderen Städten wie Erfurt, Prag oder Braunschweig? Professor Nathanael Busch ist Experte für mittelalterliche Literatur an der Universität Marburg und hat sich für das Buchprojekt „Mapentiure“ auf die Spur der Geschichte von Eulenspiegel in Marburg begeben.

„Damals spielte Marburg eigentlich keine große Rolle in der Politik“, erläutert Nathanael Busch. Wahrscheinlich sei der Marburger Hof einfach als ein typischer deutscher Fürstenhof ausgewählt worden. Zum Zeitpunkt der Entstehung des Eulenspiegel-Buchs um das Jahr 1510 sei Marburg noch keine Universitätsstadt gewesen. Auch als Residenzstadt sei Marburg damals wenig bedeutend gewesen. Die in der Geschichte aufgezählten Namen der Landgrafen-Vorfahren seien allerdings frei erfunden, und auch der Fürst sei eine fiktive Figur.

Die mehr als 90 Eulenspiegel-Geschichten entstanden wahrscheinlich um das Jahr 1510 im Umfeld der Straßburger Druckerei, wo das Buch gedruckt wurde.

Autoren-Kollektiv

Verantwortlich war wohl ein Autoren-Kollektiv und nicht ein einzelner Autor wie etwa der früher ins Spiel gebrachte Hermann Bote, meint Nathanael Busch. Vorbilder seien jeweils Geschichten gewesen, die seit Jahrhunderten erzählt worden seien. Und in allen Geschichten sei Till Eulenspiegel der eigentlich unerträgliche Narr, der vor allem den Menschen aus unterschiedlichen Handwerksberufen immer wieder den Spiegel vorhalte.

Und in der Marburg-Episode werde prototypisch der Adel aufs Korn genommen, erklärt Busch. Mit seinem Schabernack stelle Till Eulenspiegel die Adeligen vor die Herausforderung, äußerlich den Schein zu wahren und dabei innerlich zu verstehen, dass sie zum Narren gehalten würden. „Der Landgraf lacht am Ende und akzeptiert seinen Schaden. Und er will nicht aus Rache sein Geld zurück.“

Die Phantasie der Nachgeborenen hat die gesammelte Schwanksammlung, die Eingang in die Weltliteratur fand, immer wieder beflügelt und angespornt zu Nach- und Weiterdichtungen sowie Bearbeitungen in Literatur, Kunst oder im Film.

So entstand unter dem Titel „Till Eulenspiegel in Marburg“ im Jahr 1950 ein Bilderbuch von Otto Brinckmann, auch in einem Film mit Theo Lingen aus dem Jahr 1936 wird die Geschichte des malenden Narren auf dem Marburger Schloss nachgespielt. Und sogar als Motiv auf einen kunstvoll bemalten Teller schaffte es die Geschichte.

Von Manfred Hitzeroth

Mittelalter-Abenteuerreise durch Hessen

Was hatten irische Mönche im Frühmittelalter in Oberhessen zu tun? In welchem hessischen Kloster entstand das teuerste Buch der Welt? Und welche Streiche spielte Till Eulenspiegel in Marburg? Antworten auf diese Fragen finden sich in dem Buch „Mapentiure“. Es ist eine Verbindung der Worte „map“ (Landkarte) und „aventiure“ (Abenteuer). In dem in der Corona-Zeit entstandenen Buchprojekt begaben sich auf Anregung von Professor Nathanael Busch Professoren und Studierende aus ganz Hessen auf eine Abenteuerreise zu den Spuren der mittelalterlichen Literatur in Hessen.
Der Bogen der beschriebenen „Spuren“ spannt sich von Helmarsteinach im äußersten Norden Hessens bis nach Neckarstein in Südhessen. Insgesamt sind so 43 abwechslungsreiche, unterhaltsame und informative Texte entstanden.

  • Nathanael Busch, Anna Hofmann, Julia Josten: Mapentiure Hessen. Auf den Spuren mittelalterlicher Literatur. wbg Academic Verlag, 193 Seiten, 20 Euro.
18.11.2021
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18.11.2021