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Marburg In 30 Minuten durch die Messehalle
Marburg In 30 Minuten durch die Messehalle
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20:41 09.02.2021
Als erstes zum Registrieren: Hier müssen sich Impflinge, die auch eine Begleitperson mitbringen können, anmelden.
Als erstes zum Registrieren: Hier müssen sich Impflinge, die auch eine Begleitperson mitbringen können, anmelden. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sie schaut gar nicht hin, als sich die kurze Nadel ihrem Arm nähert, blickt entspannt zur Seite auf die karge weiße Wandplatte der Impfkabine. Etwas mulmig ist ihr doch, „ich bin schon ein bisschen aufgeregt, aber bisher geht es mir gut“, verrät Rosa Pfeiffer und lächelt unter ihrer Maske. Sie sitzt auf einem Stuhl in der kleinen Kabine, ein medizinischer Fachangestellter kümmert sich um die Seniorin. Es dauert nur wenige Sekunden, ein kurzer Piks und fertig. „Es hat gar nicht wehgetan, ich habe nichts gespürt“, sagt die 86-jährige Stadtallendorferin erleichtert. Sie ist eine der ersten Menschen im Landkreis, die sich gestern am ersten Öffnungstag des Marburger Impfzentrums eine Spritze mit der Corona-Schutzimpfung setzen ließ.

Die nächste Phase der Corona-Impfungen ist angelaufen: Auch über 80-Jährige, die nicht in Heimen leben, bekommen jetzt eine Schutzimpfung. Dafür müssen Hochbetagte eigenständig die Impfzentren in ganz Deutschland aufsuchen. Wie läuft das Impfprozedere dort ab?

Die Impfkabine ist ihre vorletzte Station auf den klar strukturierten Wegen in dem überdimensionalen Zelt auf dem Messeplatz. Der Weg jedes Impflings beginnt bei der Einlasskontrolle, dann geht es hinein zur Anmeldung. Nach dem kalten Hinweg über den völlig verschneiten Platz – einen Räumdienst gibt es nicht – überrascht die Messehalle mit molliger Wärme, die Generatoren laufen durchgehend, ebenso dutzende brummende Ventilatoren am hohen Zeltdach.

In der 3 200 Quadratmeter großen Halle sind durch zahllose weiße Stellwände verschiedene Bereiche abgegrenzt, Durchgänge, die automatisch Besucher zählen und die Körpertemperatur messen, führen durch das steril wirkende Gebilde. Bei der Registrierung geben die Besucher ihre Impfpapiere ab, füllen die Einverständniserklärung und den Anamnesebogen aus. Bei den vielen Dokumenten helfen bei Bedarf die Impflotsen. Übrigens und nicht unwichtig für Besucher, die von weiter weg anreisen: Die Toiletten befinden sich direkt im Eingangsbereich. Zudem ist das gesamte Impfzentrum barrierefrei.

Bei Fieber endet der Weg an der Schleuse

Wer nach der Anmeldung noch in Ruhe die Informationszettel durchlesen möchte, hat dazu im nächsten Raum Gelegenheit. Dann geht es zur Schleuse, wo erneut Fieber gemessen wird. Mit erhöhter Temperatur kommt niemand weiter, „wer Fieber hat, der muss wieder gehen“, berichtet der stellvertretende Kreisbrandinspektor Maik Klein beim Presserundgang. Wer krank ist, darf nicht geimpft werden.

Hinter dem Durchgang stehen Mediziner für Fragen bereit und überprüfen die Formulare. Dahinter öffnen sich die Wege zu den Impfstraßen, das Herz des Zentrums. Vier mit weißen Platten abgetrennte „Straßen“ gibt es, mit insgesamt 16 Impfkabinen. In Betrieb ist bisher nur eine Impfstraße. Bis man dort ankommt, dauert es etwa eine Viertelstunde. Der Impfstoff wird in einem abgeschlossenen Bereich hinter den Kulissen aufbereitet, zur Sicherheit sind in und um das Zelt herum Sicherheitskräfte verteilt, zudem wird das Impfzentrum videoüberwacht.

Dort geht es noch recht geruhsam zu, wo zwar ein stetes Wuseln der Mitarbeiter und ein Kommen und Gehen der Impflinge stattfinden, aber bei Weitem noch nicht unter Volllast gearbeitet wird. Im Moment zwischen 9 und 18 Uhr an sieben Tagen in der Woche. Wenn einmal ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, könnten vor Ort bis zu 1 230 Menschen am Tag geimpft werden. Dann ist der tägliche Schichtbetrieb zwischen 7 und 22 Uhr geplant, mit einem Personalpool von rund 400 Mitarbeitern.

Impfauftakt verlief reibungslos

Und die seien „hoch motiviert, sie wollen loslegen und Gas geben“. Vorerst für 250 Tage soll die Halle betrieben werden. Die Hoffnung sei groß, dass bald mehr Impfstoff zur Verfügung steht, „damit das Ganze mehr Fahrt aufnimmt“, sagt Dr. Andrea Schroer, ärztliche Leiterin des Impfzentrums.

Einen positiven Nebeneffekt hat der Betrieb auf Sparflamme auch: Erfahrungswerte. Die sammeln Mitarbeiter und Betreiber – Johanniter-Unfall-Hilfe Regionalverband Mittelhessen und DRK Kreisverband Marburg-Gießen. Die ersten Stunden liefen schonmal reibungslos, „es gab bisher keine Probleme“, berichtet Karsten Oerder, operativer Leiter des Impfzentrums.

Bei bisher nur rund 100 Impfungen am Tag herrscht auch an der letzten Station eine große Auswahl an Sitzgelegenheiten: Dutzende orangefarbene Stühle stehen nach dem kurzen Gang hinter den Impfkabinen im Warteraum zur Verfügung. Auf einem sitzt Rosa Pfeiffer und schwatzt mit Enkelin Kim Töllich, die immer an der Seite der Oma bleibt, sie zur Sicherheit auch hergefahren hat. Eine Begleitperson kann jeder Impfling mitnehmen. Zur Ruhe kommen, die Impfung verdauen. In mehrfacher Hinsicht ist das an der letzten Station angebracht. Mindestens eine Viertelstunde lang sollten die Besucher noch abwarten, ob akute Impfreaktionen auftreten. Menschen, die zu allergischen Reaktionen neigen, idealerweise doppelt so lange. Mindestens eine halbe Stunde sollte jeder generell beim Impftermin einplanen.

„Mir geht es gut, ich merke nichts“, berichtet die rüstige Stadtallendorferin und winkt ab. Sie ist „einfach froh, dass ich jetzt geimpft bin“. In drei Wochen kommt sie wieder, für die Nachimpfung. Ihr größter Wunsch: „Hoffentlich ist Corona bald vorbei.“

Von Ina Tannert

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