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Marburg Impfzentrum: Wer Kritik übt, fliegt?
Marburg Impfzentrum: Wer Kritik übt, fliegt?
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13:09 04.05.2021
Das Impfzentrum Marburg.
Das Impfzentrum Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Es sind heftige Vorwürfe, die einige Ärzte in Richtung des Impfzentrums auf dem Messeplatz erheben: „Wer das, was im Impfzentrum passiert, kritisiert, der fliegt“, sagt ein Arzt, der anonym bleiben möchte. Denn die Ärzte kämen dann einfach nicht mehr zum Einsatz – obwohl sie einen gültigen Vertrag mit dem Landkreis hätten.

Und dabei gäbe es einiges, was zu kritisieren sei, so der Mediziner. So zum Beispiel, dass die Impfpriorisierung „immer mal wieder“ außer Acht gelassen werde – und das nicht nur dann, wenn abends noch Impfstoff übrig sei. Insgesamt seien die Dienste für die Ärzte auch nur schwer planbar. „Da kann es schon mal vorkommen, dass man abends noch einen Anruf bekommt, dass man am nächsten Tag, an dem man eigentlich im Impfzentrum arbeiten sollte, doch nicht eingesetzt wird“, so der Arzt. Das habe zur Folge, dass die eigene Praxis dennoch geschlossen bleiben müsste, „denn es wurden ja keine Patienten einbestellt“. Der finanzielle Schaden, der dadurch entstehe, werde nicht ersetzt.

Die Impfärzte seien alle vor ihrem Einsatz geschult worden. „Dabei hat man uns auch Richtlinien an die Hand gegeben. Doch wer sich an diese hält und sich über die Anordnungen der Johanniter, die ja für das Impfzentrum verantwortlich zeichnen, hinwegsetzt, bekommt Druck. Und: Die Ärzte, die sich dagegen wehren, werden einfach nicht mehr eingesetzt.“ Das sei ein Agieren nach Gutsherrenart und habe mit partnerschaftlichem Vorgehen nichts zu tun.

Dass es dadurch auf lange Sicht zu wenige Impfärzte in Marburg geben könnte, sei nicht so. Denn, so der Arzt gegenüber der OP: „Im Landkreis wird ja der zwischen Kassenärztlicher Vereinigung und Ärzteschaft ausgehandelte Stundensatz von 120 Euro an die Ärzte gezahlt. In anderen Kreisen ist das nicht so.“ Wenn dann ein Arzt nicht mehr eingesetzt werde, hole man sich eben „mit befreundeten Ärzten Ersatz aus dem Nachbarkreis – mit dem Hinweis, dass ja in Marburg besser bezahlt werde“.

Dr. Barbara Froehlich ist ebenfalls Impfärztin. Sie sei aber im Februar zuletzt im Marburger Impfzentrum eingesetzt worden, seitdem nicht mehr, berichtet sie. Böse darum ist sie nicht: „Ich will auch nicht mehr. Das Thema ist für mich durch.“ Zum einen, weil sie der Meinung ist, dass die Impfungen komplett in den Hausarztpraxen durchgeführt werden sollten: „Dort fühlen sich die Patienten wohler. Wir könnten das zu 100 Prozent leisten.“ Zum anderen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen im Impfzentrum, das sie „nicht mehr unterstützen“ wolle.

„Wenn Sie da ein kritisches Wort sagen, werden Sie rausgekegelt, dann werden Sie nicht mehr eingesetzt“, sagt auch die Allgemeinmedizinerin mit Praxis in der Marbach. Sie berichtet im Gespräch mit der OP von einem konkreten Fall: Eine Person habe einen Impftermin gehabt, kurz nachdem sie gegen Masern geimpft worden sei. „Das ist eine eindeutige Kontraindikation, dann kann man sie nicht impfen“, erklärt Froehlich. Sie sei jedoch von Mitarbeitern der betreibenden Johanniter-Unfall-Hilfe gedrängt worden, die Impfdosis dennoch zu verabreichen. „Es wurde gesagt, jetzt ist der Patient da, also soll ich impfen. Das habe ich natürlich nicht gemacht.”

Ein Vorgehen, das auch ein weiterer Mediziner bekräftigt: Er habe eine Person impfen sollen, die vier Wochen zuvor an Covid-19 erkrankt war – was auch eine Kontraindikation bedeutet. Auch diesem Arzt sei vom Johanniter-Personal gesagt worden, er solle den Patienten dennoch impfen. „Das habe ich nicht getan“ – mit der Folge, dass er seither „auf der schwarzen Liste“ stehe und nicht mehr eingesetzt werde. Über diese „schwarze Liste“ entscheide das Personal: Es würde festlegen, welche Ärzte „gut“ und welche „schlecht“ seien. Und nur die „Guten“ würden weiterhin eingesetzt.

Das hat auch Barbara Froehlich so erfahren. Sie sagt: „Rettungssanitäter machen eine wichtige Arbeit. Ich bin aber der Meinung, dass sie nicht in der Lage sind, zu beurteilen, dass der eine Arzt besser ist als ein anderer. Das ist vermessen.“ Für sie steht glasklar fest: „Wenn ein Arzt sagt, dass ein Mensch aus bestimmten Gründen nicht geimpft werden sollte, dann kann das der Arzt einschätzen.“

Laut Landkreis ist an den Vorwürfen nichts dran. „Die hier von einigen Ärztinnen und Ärzten gewählte Form des Austauschs entspricht nicht unseren Vorstellungen von einem professionellen Umgang bei einem so wichtigen Thema“, so Pressesprecher Stephan Schienbein. Dies auch vor dem Hintergrund, „dass ja eine große Zahl an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten als ärztliches Personal im Impfzentrum in einem Vertragsverhältnis mit dem Landkreis als Betreiber des Impfzentrums steht.“ Gemeinsames Ziel müsse es sein, dass möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit geimpft würden. Dafür seien Impfzentren und niedergelassene Ärzte „eine tragende Säule. Zumal es all die Probleme, wie beispielsweise liegen gebliebener Impfstoff, im Impfzentrum des Landkreises Marburg-Biedenkopf nicht gibt, wie übrigens auch das Land bestätigt“, so Schienbein.

Dass die Impfpriorisierung mitunter nicht beachtet werde, sei „eine recht pauschale Behauptung. Das Vorgehen im Impfzentrum entspricht der Impfverordnung und den Vorgaben und Empfehlungen des Landes“, so Schienbein. Dass Impfärzten mitunter ihr Einsatz abgesagt werde, könne jedoch passieren – vor dem Hintergrund „kurzfristiger Änderungen bei den Impfstofflieferungen oder durch die kurzfristige Absage von Terminen oder Sammelimpfungen“ müsse es „leider auch zu ebenso kurzfristigen Personalanpassungen kommen“. Dies sei den Ärztinnen und Ärzten auch bekannt.

Den Vorwurf, das Johanniter-Personal wolle die Ärzte anweisen, Impfungen zu verabreichen, obwohl es Kontraindikationen gibt, bezeichnete Schienbein als falsch. „Nicht-ärztliches Personal wird den Ärztinnen oder Ärzten niemals Anweisungen geben“, verdeutlicht er. In Zweifelsfällen werde der Kontakt zum Gesundheitsamt hergestellt, „um eine Klärung beziehungsweise Entscheidung herbeizuführen“, so der Pressesprecher, oder es werde eine Entscheidung des Gesundheitsamtes an die Impfärzte übermittelt. „Alle Ärztinnen und Ärzte haben sich an die aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zu halten und diese auch zu kennen“, so Schienbein.

Auch der Vorwurf, Ärzte, die sich beschwerten, würden nicht mehr eingesetzt, sei falsch. „Die Planung des ärztlichen Personaleinsatzes obliegt dem Impfzentrum.“ Bei der Vielzahl an Medizinern, die sich für den Einsatz gemeldet hätten, „erfolgt eine ständige Rotation. In drei Fällen allerdings hat sich die Zusammenarbeit aus verschiedenen Gründen nicht als zielführend erwiesen, so dass kein weiterer Einsatz erfolgt“, räumt der Pressesprecher ein. Zudem werde „genau darauf geachtet, dass nur Ärztinnen und Ärzte aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf eingesetzt werden, auch um anderen Impfzentren keine Konkurrenz zu machen“.

Von Andreas Schmidt und Stefan Weisbrod

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