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Marburg Impfung ist ein wichtiger Baustein
Marburg Impfung ist ein wichtiger Baustein
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08:58 30.01.2021
Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker.
Der Marburger Virologie-Professor Stephan Becker. Quelle: Markus Farnung
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Marburg

Professor Stephan Becker ist Leiter des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg. Seine Forschungsgruppe hat ihre Arbeit seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in weiten Teilen auf die Erforschung und Bekämpfung des Virus ausgerichtet. Im OP-Interview spricht Becker über die Bedeutung von Inzidenzwerten, über die Gefahr durch Virus-Mutanten und die Qualität von Corona-Impfstoffen.

Die derzeit in den meisten Gegenden Deutschlands sinkenden Inzidenzwerte wecken in der Bevölkerung Hoffnungen auf Lockerungen des Lockdowns. Wäre das gegenwärtig eine Option?

Nein, das wäre jetzt noch zu früh. Die Zahlen sinken nicht so schnell, wie man es erwartet hatte. Aber: Dass sie sinken, ist ein Super-Zeichen, denn diese Entwicklung bedeutet: weniger Infektionen, weniger Kranke, weniger Menschen, die in Kliniken sterben.

Kollegen von Ihnen wollen eine Inzidenz von 10, bevor über Lockerungen gesprochen werden kann, Karl Lauterbach will den Lockdown fortsetzen, bis zumindest der Wert von 25 erreicht ist - wer hat da recht?

Ob wir unter 25 kommen, unter 10 oder gar eine Inzidenz von Null haben, ist nicht so entscheidend, denn die Pandemie kann immer wieder aufflammen.

„Das ist das, was uns alle zermürbt“

Wir können jetzt nicht gleich wieder anfangen, so zu leben, wie wir es gewohnt waren – und das ist das, was uns alle zermürbt. Es muss jetzt darum gehen, Strategien zu entwickeln, die es uns ermöglichen, trotz der Gefahr auch wieder einmal auf ein Konzert oder ins Kino zu gehen. Dafür brauchen wir mehr, bessere und billigere Tests und Selbsttests, damit mehr als bisher getestet werden kann. Und vielleicht gibt es auf Sicht ja auch Möglichkeiten, Viren in der Atemluft nachzuweisen.

Wäre es an der Zeit, den Menschen noch einmal ganz unmissverständlich zu sagen, dass diese Pandemie nie mehr wirklich verschwinden wird, sondern dass wir lediglich auf einem guten Weg sind, sie beherrschen zu können?

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Virus wieder völlig verschwindet, ist in der Tat nicht sehr groß. Das ist ähnlich wie bei der saisonal auftretenden Influenza. Was die anbelangt, hatten wir uns ja daran gewöhnt, dass bei uns jedes Jahr einige tausend Menschen daran sterben. Jetzt sehen wir, dass es durch Hygiene- und Schutzmaßnahmen in diesem Winter sehr viel weniger Influenzafälle gibt. Man kann solche Ausbrüche also auch eindämmen.

Wie sicher ist, dass B1.1.7. & Co. fortan das Pandemie-Geschehen dominieren werden?

Das ist schwer vorherzusagen. Man hatte ja damit gerechnet, dass die britische Mutante alle anderen Virusvarianten wegfegt. Aber die aktuellen Daten aus Großbritannien zeigen, dass durch den Lockdown auch diese Mutante eingehegt wird. Doch wir wissen noch zu wenig über B 1.1.7., denn wir haben in Deutschland sehr viel weniger getestet, als das die Briten getan haben.

Ist es noch sinnvoll, sich jetzt durch Einreiseverbote abschotten zu wollen oder ist es dafür längst zu spät?

Ich bin da eher pessimistisch. Wir können vielleicht verhindern, dass mehr Varianten zu uns kommen – aber wir haben sie ja bereits und wissen nicht, was das für uns bedeutet. Aber die Politiker sind sehr sensibel, wenn es darum geht, die Bevölkerung zu schützen und vielleicht trägt es ja wirklich dazu bei.

In welcher Form ist Ihre Forschungsgruppe aktuell am Thema beteiligt?

Am Anfang der Pandemie haben wir natürlich viele unserer Aktivitäten auf Covid 19 ausgerichtet. Deshalb sind wir an der Entwicklung von Impfstoffen beteiligt, haben Antikörper in der Erprobung und beschäftigen uns viel mit Grundlagenforschung an den Viren

Rund um die Impfung gibt es viel Kritik: zu spät, zu wenig bestellt, zu chaotisch, Unklarheiten über die Wirkung - wie schätzen Sie den Beitrag der Impfung zur Eindämmung der Pandemie ein?

Die Impfung ist nur ein Baustein - aber ein sehr, sehr wichtiger. Was die von Ihnen angesprochene Kritik anbelangt - sie ist nicht ganz verständlich. Die Entwicklung der Impfstoffe ging ja rasend schnell! Der laute Schrei, dass alles zu lange dauert, ist zwar irgendwie verständlich, aber meiner Meinung nach nicht angemessen.

„Rational passen diese Positionen nicht zusammen“

Ich selbst hatte damit gerechnet, dass es zwei Jahre dauern würde, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht – geschafft wurde es innerhalb weniger als einem Jahr. Das allerdings ruft dann wieder jene auf den Plan, denen das zu schnell geht, weil sie Sicherheitsbedenken haben. Rational passen diese zwei Positionen nicht zusammen, und das verwirrt mich ein wenig. Der Impfstoff ist gut, wir werden den Effekt an der Zahl der Menschen ablesen können, die im Krankenhaus landen. Aber bis sich dieser Effekt einstellt, wird es länger dauern – mit der Impfung der über 80-Jährigen ist es längst noch nicht getan.

Von Carsten Beckmann