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Marburg „Ich würde es jederzeit wieder machen“
Marburg „Ich würde es jederzeit wieder machen“
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20:58 28.06.2021
Nick Krüll (21) lässt sich für die Impfaktion in der Richtsberg-Gesamtschule bei Dessislava Kliafa registrieren.
Nick Krüll (21) lässt sich für die Impfaktion in der Richtsberg-Gesamtschule bei Dessislava Kliafa registrieren. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

1 000 Dosen des Impfstoffs „Johnson & Johnson“ standen am Sonntag am Richtsberg für Menschen bereit, die sich kurzentschlossen ohne große Anmeldung, ohne bürokratischen Aufwand in der Richtsberg-Gesamtschule gegen Corona impfen lassen wollten (die OP berichtete gestern). Die Idee dazu hatte die Marburger Ärztin Dr. Ulrike Kretschmann, die dabei logistisch von der Stadt Marburg und anderen Ärztinnen und Ärzten unterstützt wurde.

„Durch die Impfaktion von Marburger Ärztinnen und Ärzten in Zusammenarbeit mit der Universitätsstadt Marburg sind am Sonntag am Richtsberg 470 Menschen geimpft worden. Jede geimpfte Person hilft, die Pandemie zu bekämpfen. Deswegen freuen wir uns, dass so viele Menschen das Angebot auch angenommen haben.

Wir haben insbesondere auch Menschen erreicht, die Dolmetscherinnen oder Dolmetscher brauchten oder nicht lesen und schreiben können und deshalb Hilfe bei den Anmeldeunterlagen benötigten“, teilte Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) gestern auf Anfrage der OP mit.

Auch Kretschmann ist sehr zufrieden: „Die Delta-Variante des Coronavirus ist in Marburg angekommen. Da zählt jede Impfung. Alle Impfstoffe helfen auch gegen die Delta-Variante, weil sie schwere Verläufe weitgehend verhindern.“ Aus ihrer Sicht ist es enorm wichtig, dass „wir vor dem Hintergrund der Delta-Variante noch mal richtig Gas geben beim Impfen“.

Voller Impfschutz

Beim Impfstoff von „Johnson & Johnson“ benötigt man nur eine Impfung für den vollen Impfschutz. Er sei daher perfekt für viele Menschen mit Terminschwierigkeiten und Menschen, die Angst vor einer Zweitimpfung hätten.

Kretschmann weiß, dass derzeit viele Menschen die Zweitimpfung verstreichen ließen. Sie verweist auf Aussagen des Virologen Professor Christian Drosten. Dieser gehe davon aus, dass alle Menschen, die nicht geimpft seien, irgendwann an Corona erkranken würden.

Die restlichen Impfdosen wird Ulrike Kretschmann in ihrer Praxis verimpfen. „Der Impfstoff ist drei Monate lang haltbar. Wir impfen mindestens 200 Menschen pro Woche. Der ist schnell weg.“ Sie sagt: „Ich würde die Aktion jederzeit wieder machen.“

„Wir sind auch mit unserem Aufgabenbereich der Impfaktion – der Organisation und Logistik – mehr als zufrieden“, erklärte OB Spies. „Uns haben überaus positive Rückmeldungen erreicht: von Menschen, die schon lange auf einen Termin gewartet hatten, von Menschen, die nicht wussten, wie man sich für eine Impfung anmeldet, von Menschen, die mit anderen Impfangeboten nicht erreicht worden wären.“ Spies dankte allen Beteiligten.

Doch es gab auch Ärger rund um die Impfaktion am Richtsberg. Jörg Linne, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks (THW), ist über einige Anwohner empört. Das THW ist am Sonntag um 11 Uhr mit einem Auto und um 15 Uhr mit zwei weiteren Fahrzeugen durch die Stadtteile Richtsberg, Waldtal, Stadtwald und selbst durch die Innenstadt gefahren und hat mit Lautsprecherdurchsagen auf die kostenlose und niedrigschwellige Impfaktion aufmerksam gemacht.

Dumme Kommentare 

„Die meisten Leute fanden das toll, haben den Daumen gereckt und sich gefreut, dass wir darauf hingewiesen haben“, sagte er. Aber es habe auch Angriffe gegen die Einsatzkräfte gegeben. Es seien sogar Gegenstände in Richtung der Fahrzeuge geworfen worden. „Einige Leute haben den Fahrern den Mittelfinger gezeigt, andere haben sie verbal übelst beleidigt“, sagte Linne. „Als die Jungs zurückkamen, sagten sie: Hier in Marburg stimmt etwas nicht.“

Die Angriffe sind Ausdruck einer enormen Spaltung in der Gesellschaft. Bundesweit wird immer wieder von Angriffen auf Feuerwehrleute, Rettungsdienste und sogar die Polizei bei Einsätzen berichtet. „Wir machen das alles ehrenamtlich. Und dann sowas. Und noch dumme Facebook-Kommentare. Geht’s noch?“, sagt Linne. 15 000 ehrenamtliche Einsatzstunden haben Marburger THW-Kräfte im Pandemiejahr geleistet.

Spies dazu: „Die Stadt Marburg wirbt für eine Impfung bei allen Personen, bei denen eine Impfung möglich ist – betont aber auch, dass die Impfung eine freiwillige Entscheidung ist. Ich habe Verständnis dafür, wenn Menschen sich über etwas ärgern oder etwas nicht gut finden. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn sie dann andere Menschen angreifen, beschimpfen oder sogar mit Gegenständen bewerfen. Das ist nicht die Art des Miteinanders, für die wir in Marburg stehen.“

Leider würden die Ehrenamtlichen im Rettungswesen zunehmend Ziel von Angriffen, Beleidigungen und Gewalt. Die Stadt habe daher im vergangenen Jahr die Kampagne „Marburg zeigt Respekt“ gestartet. „Sie wirbt für Respekt gegenüber allen Menschen, für Solidarität und Anerkennung im täglichen Miteinander. Und sie scheint leider weiterhin notwendig.“

Von Uwe Badouin

28.06.2021
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