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Marburg Impf-Priorität stößt auf Kritik
Marburg Impf-Priorität stößt auf Kritik
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12:00 05.03.2021
Spritzen mit Corona-Impfstoff. Am Wochenende werden bei den „Praxistagen“ Ärzte und medizinisches Personal gegen Corona geimpft.
Spritzen mit Corona-Impfstoff. Am Wochenende werden bei den „Praxistagen“ Ärzte und medizinisches Personal gegen Corona geimpft. Quelle: Hannibal Hanschke
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Marburg

Freude bei Ärzten und Praxismitarbeitern, Frust bei Heilmittelerbringern: Am letzten und noch einmal an diesem Wochenende finden hessenweit die „Praxistage“ in den 28 Impfzentren statt, auch in Marburg: Bestimmte Berufsgruppen können sich gegen Corona impfen lassen, auch wenn sie nach der Impfverordnung noch nicht an der Reihe wären.

Das dann mit dem Astrazeneca-Vakzin – mit ein Grund für die Impfaktion, da das Mittel in ausreichender Menge vorliegt, bislang aber nur an unter 65-Jährige vergeben wird und manche Berufe, etwa aus medizinischen Einrichtungen, daher vorgezogen werden können. In der Mitteilung des Landes zu der Aktion stehen in der Liste der Anspruchsberechtigten Ärzte und medizinisches Personal mit hohem Expositionsrisiko ganz oben. Aber auch Heilmittelerbringer – etwa Physiotherapeuten – sind aufgeführt, werden „explizit“ benannt. Darauf hatte auch der VDB Physiotherapieverband ebenso der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK), Landesverband Hessen hingewiesen.

Vom Innenministerium heißt es: „Unter medizinische Einrichtungen mit einem hohen oder erhöhten Expositionsrisiko in Bezug auf das Coronavirus SARS-CoV-2 können neben Krankenhäusern, Praxen und medizinischen Versorgungszentren insbesondere auch Praxen von Heilmittelerbringenden fallen.“

Auf die Freude über diese Ankündigung folgte für einen Physiotherapeuten im Kreis, der anonym bleiben möchte, die Ernüchterung: Er wollte sich impfen lassen, sei aber weder angeschrieben worden, noch erhielt er bei Nachfragen Informationen darüber, ob er einen Termin in Marburg erhalten könnte. „Man kam erst an keine Infos dran und dann hieß es von einem Mitarbeiter, dass nur Ärzte geimpft werden“, sagt er im OP-Gespräch. Er sieht sich und seine Berufskollegen außen vor, „wir werden wieder nicht beachtet“. Vor allem störe er sich an der Wortwahl des Landes, die Formulierung sei widersprüchlich, biete Versprechen, die dann wohl gar nicht eingehalten werden, „das Land lobt sich gerne selber, und dann passiert das – da habe ich kein Verständnis für“.

Prioritäten in Hessen unterschiedlich

Wie der Landkreis auf Nachfrage bestätigt, wurden und werden in Marburg-Biedenkopf an den beiden Impf-Wochenenden keine Physiotherapeuten geimpft. Das Impfzentrum habe sich bei der Terminvergabe an den Vorgaben des Landes orientiert, das den Fokus „ausdrücklich auf Ärzte, Zahnärzte und medizinisches Fachpersonal aus den Praxen“ gelegt habe und entsprechende Praxislisten zur Verfügung stellte, teilt die Pressestelle mit. Am ersten Wochenende hatten 770 niedergelassene Ärzte, Zahnärzte und medizinisches Fachpersonal eine Impfung erhalten. Weitere folgen am Samstag und Sonntag.

In anderen Impfzentren in Hessen wird das anders gehandhabt, dort erhielten und erhalten weiterhin auch Heilmittelerbringer wie Physiotherapeuten Impfangebote für die „Praxistage“, wie der Deutsche Verband für Physiotherapie (ZVK) auf Nachfrage berichtet: „Die ersten Praxen sind in den Impfzentren schon geimpft worden, etwa im Main-Taunus-Kreis“, sagt Christian Lellek, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands. Dass andere Landkreise diese Berufsgruppe nicht bedacht haben, Prioritäten unterschiedlich setzen, liege auch am Interpretationsspielraum in der Landesvorgabe, „es kam zu Fehlinterpretationen, obwohl Physiotherapeuten genannt wurden – leider ist es eine Auslegungssache geworden, was die Auswahl der Praxen angeht“.

Zudem habe es wohl Lücken in den Listen des Landes gegeben, „dort sind leider nicht alle Praxen aufgeführt“. Physiotherapeuten, die sich dennoch „proaktiv“ bei ihrem Impfzentrum meldeten, hätten stellenweise innerhalb eines Tages einen Impftermin erhalten.

Heilmittelerbringer, die in die zweite Priorisierungsgruppe fallen, können sich darüber hinaus über das Impfportal für eine Corona-Schutzimpfung anmelden. Physiotherapeuten können unter bestimmten Voraussetzungen auch zur ersten Gruppe zählen, etwa wenn sie in Alten- und Pflegepflegeheimen arbeiten.

Von Ina Tannert

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