Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Impf-Chaos: Ärzte verzweifeln an Pöbel-Patienten
Marburg Impf-Chaos: Ärzte verzweifeln an Pöbel-Patienten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:28 26.05.2021
Der Marburger Hausarzt Dr. Hartmut Hesse betreut Corona-Erkrankte. Mit Hilfe einer Smartphone-App kann er verschiedene Werte im Blick behalten und die Patienten über eine Videofunktion virtuell zu Hause besuchen.
Der Marburger Hausarzt Dr. Hartmut Hesse betreut Corona-Erkrankte. Mit Hilfe einer Smartphone-App kann er verschiedene Werte im Blick behalten und die Patienten über eine Videofunktion virtuell zu Hause besuchen. Quelle: Björn Wisker
Anzeige
Marburg

Der Anrufbeantworter springt an. Natürlich tut er das. Denn bei der Masse an täglichen Anrufen, können die wenigsten von den Praxismitarbeitern angenommen werden. Also übernimmt die Maschine, vertröstet die wartenden Impfwilligen. Dass die meisten Anrufer nach 15 Pandemie-Monaten keine Lust mehr auf Warten, geschweige denn auf Vertrösten haben, dass Frust und Wut auf die Hausärzte durchschlagen, davon zeugt die Tonband-Ansage eines Marburger Mediziners. Sie endet mit einer Bitte: „Wenn Sie zu uns in die Praxis kommen, halten Sie sich an die üblichen Benimmregeln.“

„Leider“, sagt Dr. Hartmut Hesse, Vorsitzender des heimischen Ärzteverbunds Prima und damit Sprachrohr hunderter Mediziner in Mittelhessen, „ist einiges kaputt gegangen im Arzt-Patientenverhältnis“. Allen Appellen, auf Anrufe oder spontane Besuche in Praxen zu verzichten, zum Trotz: „Wir werden auf allen Kanälen bombardiert: Wann bin ich dran? Wo stehe ich auf der Warteliste? Wieso komm ich nicht dran, Sie haben doch den auch schon geimpft? Es herrscht der pure Egoismus.“

Beleidigungen und Drohungen „an Tagesordnung“

Und seit Wochen werde es immer persönlicher, gebe es verbale Attacken auf Ärzte und Helfer. Vorwürfe, Beleidigungen, Pöbeleien, Anfeindungen, gar Bedrohungen seien landkreisweit „an der Tagesordnung“. Hunderte Anrufer pro Tag, Dutzende endeten im Zwist. Viele melden sich bei Dutzenden Praxen für eine Impfung an, sagen – sofern sie irgendwo geimpft wurden – nicht ab. Andere schicken E-Mails, wortgleich an alle, weil sie der „plötzlich auserkorene Hausarzt“ seien. In einigen Praxen weigerten sich Patienten offenbar sogar, den Tresen zu verlassen, bevor sie nicht geimpft sind – „natürlich mit Biontech“, sagt Hesse und verdreht dabei die Augen. Bei Astrazeneca hingegen sei es „jedesmal ein elendes Verkaufsgespräch, den Stoff will niemand.“

Wie eine Ärztin aus Marburg der OP berichtet, sei sie vor kurzem durch das Viertel ihrer Praxis gelaufen und habe im weißen Kittel Menschen auf der Straße und in Läden angesprochen, ob diese spontan mit Astrazeneca geimpft werden wollten. Reaktion: reihenweises Abwinken. „Wir verbringen mehr Zeit damit, 10, 20 Impfwillige zu finden, als tatsächlich zu impfen“, sagt sie.

Impfstoff-Freigabe: böse Vorahnungen

Wenn nun am 7. Juni die Impfstoff-Priorisierung falle, rechnen die Prima-Ärzte mit einer Verschärfung der schon jetzt hoch angespannten Situation. „Wir werden Tausenden, die mit den Hufen scharen, ins Gesicht sagen müssen, dass sie trotz der Freigabe noch länger warten müssen.“ Der Grund: Nicht nur in und um Marburg gibt es viele Praxen, die zwischen Juni und August praktisch nur Zweitimpfungen – speziell mit dem Biontech-Vakzin – machen. Denn die Liefermengen an die Hausärzte bleiben bescheiden, während neben den Impfzentren nun vor allem Betriebsärzte große Mengen bekommen. „Wir werden an der Front völlig zerrieben“, sagt Hesse.

Laut Hesse seien die Mediziner am dankbarsten für die Patienten, die von der Praxis kontaktiert würden, dann pünktlich zum Termin kommen, bei der Aufklärung zuhören statt diskutieren, sich die Spritze setzen lassen und nach 15 Minuten wieder nach Hause gehen. „Viele verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, dass jeder Schritt unglaublich viel Zeit und Nerven kostet. Wir tun, was und wie viel wir können – aber wir können nicht ständig auf „ich, ich, ich“ eingehen.“

Von Björn Wisker