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Marburg Angeklagter lebte wohl auf großem Fuß
Marburg Angeklagter lebte wohl auf großem Fuß
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21:36 11.12.2019
Im Prozess vor dem Landgericht im Immobilienflipping-Skandal beleuchteten Ermittler gestern Geldflüsse und Lebensverhältnisse des unter anderem wegen gewerbsmäßiger Untreue angeklagten 35 Jahre alten Geschäftsmanns aus Cappel.  Quelle: Daniel Reinhardt
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Marburg

Zunächst sagte eine­ Ermittlerin aus, die die privaten und gewerblichen Bankkonten des Angeklagten untersucht ­hatte. Was die Mietkautionen betrifft, sprach sie zum Zeitpunkt Ende Januar 2019 von einem Saldo von rund 270.000 Euro „aus eingegangenen, abzüglich der ausgegangenen Kautionen“. Weiter konnte sie keine Überweisungen auf andere Konten feststellen, die Kautionszahlungen seien alle auf dem Girokonto geblieben.

Barauszahlungen oder Verrechnungen mit Forderungen waren für sie dabei nicht ersichtlich, wie die Ermittlerin klarmachte. Ihre Aussage zur Zahlungsfähigkeit der Firmengruppe leitete sie ein mit den Worten: „Es gab viele Überweisungen innerhalb der einzelnen Firmen.“ Da der finanzielle Stand der einzelnen Gesellschaften nicht klar zu trennen war, kam sie bei einer gesamten Zusammenfassung zum Zeitpunkt 30. September 2018 auf ein Minus von 587.000 Euro.

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In ihren Untersuchungen habe die Ermittlerin offene Rechnungen mit einer Summe von rund 400.000 Euro festgestellt, und auch bei der Grunderwerbssteuer hätte es Probleme gegeben. Diese habe der Angeklagte verspätet gezahlt und mehrfach Mahnungen erhalten. Als Schuldbetrag der Grunderwerbssteuer plus Säumniszuschläge sei sie auf eine ­Summe von 1.082.500,20 Euro gekommen.

Rund eine Million Euro ging für den Lebensstil drauf

Weiter fragte die Vorsitzende Richterin Beate Mengel nach Ergebnissen zum Lebensstil des Angeklagten. Für eine Gesamtsumme über einen Zeitraum von drei Jahren fasste die Zeugin Barauszahlungen, Kreditkartenzahlungen, Kfz-Kosten und private Kosten zusammen und kam schlussendlich auf einen Betrag von rund 1.045.000 Euro.

Zum Vorwurf des Gründungsschwindels bestätigte die Zeugin, dass sich bei der Gründung der Gesellschaft „DEMA Deutsche Mikroapartment AG“ das Stammkapital im Kreis gedreht habe und zwischen den Gesellschaften hin und her überwiesen worden sei.

Bei den Untersuchungen der Zahlungen an Mitarbeiter der Firmengruppe sei ihr aufgefallen, dass sowohl Lohnzahlungen als auch Provisionszahlungen bei denselben Mitarbeitern eingegangen seien, erklärte die Zeugin. In der Zeugenaussage einer Kriminaloberkommissarin, die die Handys des Angeklagten und eines Mitarbeiters untersucht hatte, waren mehrere­ WhatsApp-Chatverläufe brisant.

In einem tauschten sich wohl zwei Mitarbeiter über das fehlende Anlegen von Mietkautionskonten aus. Bei einem Zeugen sei dabei der Satz gefallen: „Es bringt nichts mehr, das irgendwie zu verheimlichen meiner Meinung nach.“ In einem anderen Chatverlauf habe ein Mitarbeiter von „über einem Jahr ohne richtige Bezahlung“ gesprochen.

14 Gesellschaften gingen in die Insolvenz

Ein weiterer Zeuge, der zunächst als Berater und nach der Inhaftierung des Angeklagten als Finanzvorstand der Firmengruppe tätig war, habe einen der Zeugen im April nach Kautionskonten gefragt und die Antwort bekommen: „Die gab‘s noch nie und die gibt es nicht.“ Im vergangenen Mai, als er als Finanzvorstand dann Einsicht in die Zahlen hatte, fielen ihm knapp 1 Million fällige Verbindlichkeiten bei einem Kontostand von 80.000 Euro auf.

Bis zum 19. November habe er dann für alle 14 Gesellschaften Insolvenzanträge gestellt. Als das Gericht nach Gläubigern fragte, zählte der Zeuge sieben Banken, eine Gesellschaft, zwei große private Gläubiger und rund 220 weitere Gläubiger auf.

Ein Mitarbeiter, der in der DEMA die Finanzbuchhaltung für die Steuerkanzlei vorbereitet hatte – und auch im WhatsApp-Chatverlauf aufgetaucht war sagte auch als Zeuge aus. Zunächst konnte er sich nicht erinnern, etwas verheimlicht zu haben. Auf den Vorhalt des Gerichts meinte er, dass der vernommene Berater von fehlenden Mietkautionskonten nichts wissen sollte.

Der Angeklagte habe zu ihm gesagt, es solle erst mal keiner wissen. Zu seiner ­Bezahlung berichtete der Zeuge, dass ein Nettolohn von 1.800 Euro vereinbart war, den er auf 580-Euro-Basis ausgezahlt bekommen hätte, plus Provisionszahlungen mit je der Differenz.

von Beatrix Achinger

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