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Marburg Firmengeflecht spielt Häuser-Pingpong
Marburg Firmengeflecht spielt Häuser-Pingpong
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09:58 17.05.2019
In Marburg und Umgebung wurden wegen des aufgedeckten mittelhessischen Immobilienflipping-Skandals zehn, von der Polizei insgesamt 21 Wohn- und Geschäftshäuser durchsucht. Archivfoto
Marburg

Neben dem 35-jährigen, nach OP-Informationen aus Cappel stammenden Immobilieninvestor, handelt es sich laut OP-Recherchen bei dem 29-jährigen Verhafteten um einen aus Lohra stammenden Mann mit Geschäftssitz in der Marburger Bahnhofstraße. Die Firma ist nach eigenen Angaben im „Kauf und Verkauf von eigenen Wohngrundstücken, Wohngebäuden und Wohnungen“ tätig – vorwiegend in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet.

Für Wirbel sorgte das Unternehmen zuletzt in Heuchelheim, wo es mit der Gemeinde Streit um den Kauf eines Gewerbe-
geländes gegeben hat. Auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf ist der Verdächtige aktiv 
gewesen, etwa mit dem Interesse an der Gladenbacher Tennishalle ab dem Jahr 2016.

Der 29-Jährige pflegt nach OP-Recherchen direkte, persönliche Verbindungen zu dem anderen Hauptverdächtigen, dem 35-jährigen Cappeler. Die Geschäftsleute sind Teil eines Firmengeflechts, das aus mehreren GmbHs besteht – vor allem Immobilienberatungs- und Energiefirmen. Beide sind durch ein schwer durchschaubares Netzwerk miteinander verflochten.

So wechselte etwa eine Investment-GmbH, deren Geschäfte vormals von einem Mann aus Lohra – mutmaßlich einem Verwandten des 29-Jährigen – geführt wurden und dessen Geschäftsadresse in der Marburger Bahnhofstraße gelistet war, im April 2019 in den Stadtteil Cappel. Also exakt dorthin, wo der 35-Jährige seinen Hauptfirmensitz angemeldet hat.

Das Cappeler Unternehmen soll nach OP-Recherchen in Marburg und Gießen zuletzt mindestens 15 Wohn- und Geschäftshäuser mit etwa 200 Wohnungen besitzen – einst war wohl auch das Oberstadthaus mit der Szenekneipe „Havanna8“ darunter. Gesamtwert: ein mittlerer zweistellige Millionen-Euro-Betrag.

Nach OP-Informationen hat der 35-jährige Firmenboss erst Anfang des Jahres die Genehmigung für den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses samt Tiefgarage in der Gießener Ludwigstraße erhalten. Im laufenden Jahr hätte der Immobilienbestand der Firma durch weitere Zukäufe auf einen Marktwert von etwa 100 Millionen Euro verdoppelt werden sollen, heißt es aus Immobilienkreisen.

Auch eine der GmbHs des Lohraers weist in den vergangenen Jahren Millionenbeträge auf: 16 Millionen Euro stehen als Bilanzsumme einer Immobilienbesitz-Firma. Sein Haupt-Unternehmen aus der Bahnhofstraße ist für 2017 indes mit einem Jahresgewinn von mehr als 800 000 Euro gelistet.

Dabei verdichtet sich der Verdacht auf die umstrittene, in den von der Staatsanwaltschaft untersuchten Fällen eventuell illegale Methode des „Immobilien-Flippings“. Eine Strategie, die von den Verdächtigen wohl speziell in Studentenstädten und sogenannten B- und C-Lagen – also Gebieten außerhalb von Metropolen – angewendet wurde.

Denn zumindest die Cappeler Investment-Firma hat in der Vergangenheit ihren Ansatz so beschrieben: Man „wertet Wohnhäuser sowie Wohn- und Geschäftshäuser nach dem Erwerb über gezielte Asset-Management- und Property-Management-Maßnahmen in technischer und kaufmännischer Hinsicht auf“ – vor allem in westdeutschen Uni
städten. Mit dieser Strategie erwirtschafte man „überdurchschnittliche Renditen“.

Alle Grundstücksverkäufe
 werden behördlich gecheckt

Die dubiosen Deals – laut Staatsanwaltschaft ein wechselseitiger Kauf und Verkauf von Objekten innerhalb weniger Monate, um die Preise um bis zu 400 Prozent in die Höhe zu treiben – sind aber offenbar nicht, wie zuerst vermutet den geprellten Banken aufgefallen. Nach OP-Informationen fielen Mitarbeitern der Marburger Stadtverwaltung, über deren Tisch gewisse Grundstückskäufte routinemäßig gehen, die immerselben Kaufvertragspartner auf.

Und so sind die Geschäfte aufgeflogen: Alle Grundstücksveräußerungen müssen aufgrund eines gesetzlichen Vorkaufsrechts der Kommune mitgeteilt werden, wie die Stadt Marburg auf OP-Anfrage erklärt. Bei einigen Immobiliengeschäften habe man „Auffälligkeiten festgestellt“ und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Jede Kommune hat unter strengen Voraussetzungen ein Vorkaufsrecht an bebauten und unbebauten Grundstücken – und zwar zu denselben Bedingungen, wie sie Verkäufer und Käufer im Kaufvertrag vereinbaren – was den ausgehandelten Preis einschließt.

Konkret: Wenn ein Kaufvertrag über Immobilien und Grundstücke –
etwa ein Baugrundstück, ein Weg, ein Wald oder ein Haus – abgeschlossen wird, schickt der Notar diesen Vertrag an die Stadt. Die Verwaltung prüft dann nach eigenen Angaben, ob rechtliche Gründe für die Nutzung ihres Vorkaufsrechts vorliegen oder nicht.

In seltenen Fällen komme es vor, dass die Stadt eine Immobilie beziehungsweise das Grundstück zu den vorliegenden Vertragsbedingungen selbst erwirbt – etwa bei Grundstücken neben Schulen oder Kindergärten, wenn perspektivisch eine Erweiterung anstehe. Kaufverträge werden grundsätzlich nämlich erst gültig, wenn die Stadt auf ihr – rechtlich im Hinblick auf das „Wohl der Allgemeinheit“ eng geregeltes – Vorkaufsrecht verzichtet.

„Wir schätzen uns glücklich, dass wir so kompetente und aufmerksame Mitarbeiter haben, denen solche Unregelmäßigkeiten auffallen“, sagt Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD).
Die Auswertung der bei einer Razzia sichergestellten Spuren durch Polizei und Staatsanwaltschaft läuft indes weiter.


von Björn Wisker